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Synodaler Weg : Kalter Kaffee in Gottes Namen?

Warum wurde seine Ansicht, die Verfasstheit des Synodalen Wegs erinnere ihn typologisch eher an ein „protestantisches Kirchenparlament“, sogleich als Beschimpfung kritisiert? Kardinal Rainer Maria Woelki, der Kölner Erzbischof, bei einem Gottesdienst im Juli 2017 Bild: dpa

Warum sollte „protestantisch“ ein Schimpfwort sein, wenn es zur unterscheidenden Beschreibung dient? Sakramentales Hierarchiedenken gilt beim Synodalen Weg als ein Anschlag auf die Gemeinnützigkeit.

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          Ein apartes soziologisches Vorkommnis beim Synodalen Weg in Frankfurt. Sagt dort eine Professorin, man möge sich bei den Sitzungen doch bitte nur mit Namen und nicht mit Titel ansprechen, um dann, mit gutem Beispiel vorangehend, einem Bischof vorzuschlagen: „Ich tausche meinen Professorentitel gegen Ihren Bischofstitel.“ Die beiden waren sich rasch einig, ihnen genügte das geistliche Geschwisterband, im Plenum ist der Vorschlag dann freilich durchgefallen. Dabei sprach aus der reizenden Wortmeldung ein Angebot, das man bei Strafe theologischer Irrelevanz auf dem Synodalen Weg nicht ablehnen durfte: dass nämlich alle Teilnehmer einander als Gleiche begreifen, ohne länger umständlich unterscheiden zu müssen, in Bezug worauf sie gleich sind und in welcher Hinsicht sie es mutmaßlich nicht sind.

          Blockaden lösen

          Freundlicher lässt sich Theologisches nicht ausbremsen! Ist die flache Hierarchie im Sozialen erst einmal als Superkriterium etabliert, so wirkt sakramentales Hierarchiedenken als Anschlag auf die Gemeinnützigkeit, und Ämterfragen können nicht anders denn als Machtfragen aufgefasst werden. Die Offenbarungsidee hätte sich demnach durch ihre Tauglichkeit auszuweisen, im jeweiligen Heute „Gräben zu überbrücken“ (Bischof Bätzing), „Blockaden zu lösen“ (Pater Langendörfer), „authentisch und echt“ (Bischof Bode) zu sprechen. Augenhöhe, sich willkommen fühlen, Respekt und Wertschätzung waren denn auch die in Frankfurt am häufigsten beanspruchten Chiffren für die Zukunftsfähigkeit der Religion.

          Solche Rückkopplung von Religion ans persönliche Wohlgefühl, an Bedürfnisse privaten Aufgehobenseins, versteht sich nicht von selbst. Sie ist ein peinlicher Zug derer, die sich im Umgang mit Weltfremdheit – zu welcher der Katholizismus naturgemäß gehört – als Absolutisten ihrer Gegenwart gebärden, und dies durchaus autoritär, wie bei der Regie der Frankfurter Versammlung zeitweise deutlich wurde. Man versteht insoweit Kardinal Woelkis Zwischenruf, als er, ähnlich wie Bischof Koch und andere, gegenüber dem sozial begründeten Durchgriff aufs sakramentale Kirchenverständnis davor warnte, dasselbe „als kalten Kaffee abzutun – weil ich es vielleicht nicht verstehe“. Mit anderen Worten: Die Satzungen des Synodalen Wegs sind keinesfalls voraussetzungslos lesbar, wie sie nahelegen. Sie sind an theologische Vorverständnisse gebunden, denen nicht im Happening-Stil der Ignoranz, sondern mit theologischen Gründen beizukommen ist.

          Glaubwürdigkeit statt Glaube

          Warum Woelkis Ansicht, die Verfasstheit des Synodalen Wegs erinnere ihn typologisch eher an ein „protestantisches Kirchenparlament“, sogleich als Beschimpfung kritisiert wurde, erschließt sich unter analytischem Gesichtspunkt nicht, es sei denn, man möchte den „Geist des Miteinanders“ (Kardinal Marx) als Konsensbefehl auffassen, dem Widerspruch als Ruhestörung gilt.

          Warum sollte „protestantisch“ denn eine abfällige Prägung gewesen sein statt eine unterscheidende Beschreibung? Das wirklich Verstörende war in Frankfurt etwas anderes: die Ersetzung des Glaubensbegriffs durch jenen der Glaubwürdigkeit. Tatsächlich beschwört der Synodale Weg die persönliche Glaubwürdigkeit der Glaubenszeugen wie ein Heilsversprechen. Was in der Marketing-Abteilung eines Wirtschaftsunternehmens überzeugt, wirkt in Gottes Namen dann doch leicht blasphemisch.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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