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Symbolort der Demokratie : Der Paulskirche fehlt die Aura

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Leergeräumtes Haus der Demokratie: Die Paulskirche vor der Frankfurter Skyline Bild: dpa

Die Gestaltung der Frankfurter Paulskirche ist ein erinnerungspolitisches Desaster. Damit sie als zeitgemäße nationale Gedenkstätte wirken kann, muss die anstehende Sanierung mehr als eine technische Ertüchtigung sein. Ein Gastbeitrag.

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          Die alte Bundesrepublik, die Bonner Republik, war ein ausgesprochen symbolarmer Staat – im Unterschied zur DDR, die sich in die Tradition des Bauernkriegs von 1525, der antinapoleonischen Befreiungskriege mitsamt der russisch-preußischen Waffenbrüderschaft und schließlich in die des antifaschistischen Widerstands gestellt hatte und diese drei historischen Legitimitätsansprüche auch denkmalpolitisch präsent hielt. Im Westen verzichtete man auf die Ausgestaltung analoger Legitimationsstränge, weil man sich als politisches Provisorium verstand und deswegen keine separaten Legitimationslinien ausgestaltete. Man begnügte sich damit, dass das neue Selbstbewusstsein der Westdeutschen in den Ikonen des Wirtschaftswunders zum Ausdruck kam, der D-Mark, dem legendären VW-Käfer und dem Mercedesstern, und beließ es ansonsten bei der bestehenden Denkmallandschaft des 19. Jahrhunderts, die sich um Bismarck und die Reichseinigung drehte. Daneben spielten Gedenkorte der Demokratie, wie etwa die Frankfurter Paulskirche oder das Hambacher Schloss, für das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik keine große Rolle, und dementsprechend war auch der Umgang mit diesen Baudenkmalen.

          Kann sich eine Demokratie auf Dauer einen derart lässigen Umgang mit ihren Gründungs- und Ursprungsorten leisten? Erinnerungsorte und Denkmale sind zentrale Elemente im kollektiven Gedächtnis eines sozio-politischen Verbandes und damit elementar für dessen Selbstverständnis. Sie sind Symbole für die Zusammengehörigkeit einer Nation, die den  Fliehkräften des sozialen Lebens und politischen Betriebs entgegenwirken; wenn die Demokraten diese Erinnerungsorte nicht pflegen und nutzen, ist zu erwarten, dass sich die Gegner des liberaldemokratischen Rechtsstaats ihrer bemächtigen.

          Demokratie zur Geltung bringen

          Fast alle als politisch einschneidend und identitätskonstitutiv angesehenen Ereignisse der deutschen Geschichte haben ihre Denkmale und Erinnerungsorte, vom Teutoburger Wald über den Bauernkrieg bis zur Leipziger Völkerschlacht, und an die Reichseinigung erinnern im öffentlichen Raum die zahllosen Bismarckstatuen. Sie alle haben für die Entstehung der Demokratie in Deutschland keine oder eine allenfalls randständige Bedeutung. Der Fortbestand einer politisch überholten Erinnerungskultur lässt sich verkraften, wenn daneben auch die Demokratie zur Geltung gebracht wird. Das ist aber so gut wie nicht der Fall: Das Hambacher Schloss, zu dem 1832 ein Protestzug gegen Fürstenwillkür und für politische Teilhabe des Volkes stattfand, findet mehr regionale als nationale Aufmerksamkeit; und die Frankfurter Paulskirche, wo sich 1848/49 das erste deutschen Parlament versammelte und nach langen Debatten am 28. März 1849 die „Grundrechte des Deutschen Volkes“ als zentrales Element der Reichsverfassung verabschiedete, wird vor allem für Feierlichkeiten mit Bezug auf Frankfurt genutzt, spielt als Gründungsort der deutschen Demokratie aber eine allenfalls marginale Rolle.

          Beide deutsche Staaten und auch das vereinigte Deutschland haben denkmalpolitisch großen Wert gelegt auf die Erinnerung an die Verbrechen und Gräuel des NS-Regimes: die DDR eher triumphal in dem Sinn, dass sie als „Sieger der Geschichte“ aus dem Kampf mit dem „Hitler-Faschismus“ hervorgegangen sei, die alte Bundesrepublik und das vereinigte Deutschland stärker im Gestus des „Nie wieder!“, aber auch als Eingeständnis einer Schuld, die nicht vergessen werden darf. Die Gedenkpolitik der Abgrenzung gegen den Nationalsozialismus und die Erinnerung an den von Deutschland ausgegangenen furchtbaren Krieg haben auch in der Innenraumgestaltung der Paulskirche ihren Niederschlag gefunden.

          Betont nüchterne Ausgestaltung

          So hat man beim Wiederaufbau des 1944 bei einem Bombenangriff zerstörten Gebäudes auf die Wiederherstellung des Innenraums in seiner historischen Gestalt verzichtet und eine Zwischendecke eingezogen, die ein Unter- und ein Obergeschoss voneinander trennt. Dabei hat man auf eine betont nüchterne Ausgestaltung Wert gelegt, die sich 1948 bei der Einweihung der Kirche anlässlich des einhundertjährigen Jubiläums der Nationalversammlung als ästhetische Markierung eines tiefen Bruchs in der deutschen Geschichte ausnahm. Die wiedererrichtete Paulskirche sollte unter keinen Umständen den Eindruck erwecken, als sei nichts gewesen und man befinde sich in ungebrochener Tradition zu 1848. Sie hatte damit einen – damals jedenfalls – für viele Besucher sinnfälligen doppelten Bezug: den zum parlamentarischen Projekt der nationalen Einigung Deutschlands in der Revolution von 1848/49 und den, wie man damals sagte, zur „deutschen Katastrophe“ von 1933-1945, die das Gegenteil dessen war, was die Nationalversammlung in der Paulskirche angestrebt hatte.

          Seit der Wiedereröffnung sind inzwischen mehr als siebzig Jahre vergangen, und was damals für die Besucher sinnfällig war, ist heute selbst zur Erinnerung geworden, die erst wieder präsent gemacht werden muss. Genau das leistet die Paulskirche in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht. Als Gedenkort hat sie weder ästhetische Evidenz noch besitzt sie eine Aura, die den Besucher in die zu erinnernde Vergangenheit mitnimmt. Sie spricht nicht an, sondern ist auf den „Beipackzettel“ angewiesen, der auflistet, was man hier erinnern soll: Kontinuität wie Bruch.

          Radikale Bußhaltung

          Erinnerungspolitisch ist das ein Desaster, das man schön zu reden versucht, indem versichert wird, es handele sich hier um ein intellektuell anspruchsvolles Projekt, bei dem gerade die intendierte Sachlichkeit des Innenraums und die Steigerung vom Dunklen der erdgeschossigen Wandelhalle zum Aufstieg ins Helle den Bruch und die Transformation zur Demokratie in der deutschen Geschichte versinnbildliche. Das wird von Vielen in dieser radikalen Bußhaltung der unmittelbaren Nachkriegszeit heute nicht mehr akzeptiert. In keinem Fall genügt es den Erfordernissen einer zeitgemäßen nationalen Gedenkstätte, in der Reflexion und Emotion miteinander verbunden sein müssen und bei der das Emotionale keinesfalls das unsichere Ergebnis intellektueller Anstrengungen sein sollte. Nationale Erinnerungsorte sollen nicht nur die Virtuosen der Imagination ansprechen, sondern jedem und jeder ein Gefühl des Erhabenen vermitteln, sei dies nun Stolz oder Trauer, das anschließend durchaus reflektierend bearbeitet und eingeordnet werden kann.

          Aber ist die Frankfurter Paulskirche und das mit ihr an Erinnerung Verbundene überhaupt ein Ort, der das Zeug hat, als demokratischer Gründungsort allgemein akzeptiert zu werden? Diese Frage führt zum Kern dessen, warum die Paulskirche in der Vergangenheit erinnerungspolitisch eher ein Schattendasein geführt hat: für die einen war sie mit dem Makel der Revolution behaftet, und für die anderen stand sie im Schatten des Scheiterns der Demokratie und der nationalen Einigung. Erstere hielten es mit Bismarcks Reichseinigung von oben, der Politik von „Blut und Eisen“ anstelle des in Frankfurt gepflegten „Professorengeredes“, das ein Anlauf ohne Zielankunft gewesen sei, und letztere, die vor allem die Demokratisierung akzentuierten, legten an die deutsche Revolution von 1848/49 den Maßstab der Französischen Revolution von 1789ff. an und machten den revolutionären Kleinmut der Deutschen, den sie gerade in der Paulskirchenversammlung identifizierten, für die politische Misere der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert verantwortlich. Im Ergebnis wollten beide Gruppen mit der Paulskirche nichts zu tun haben. Sie war ihnen, darin stimmten sie bei allen politischen Gegensätzen überein, ein Ort des Kleinlichen und Peinlichen, den man am besten in Schweigen hüllte.

          Es wird nachdenkliche Melancholie bleiben

          Tatsächlich ist die Paulskirche ein Ort, an dem sich im Lichte unserer jüngeren Erfahrungen noch einmal über die Revolution von 1848 und die hier zusammengekommene Nationalversammlung nachzudenken lohnt. Sie kann sicherlich nicht in einen Raum des politischen Triumphs umgedeutet werden, sondern bleibt einer der nachdenklichen Melancholie. Aber das ist kein Grund, zur Paulskirche und zur Nationalversammlung auf Abstand zu bleiben. Wenn man in Deutschland über die Nation nachgedenkt, wird häufig Paul Renans Diktum von der Nation als tagtäglicher Abstimmung über den Zusammenhalt des politischen Verbandes zitiert, nicht zuletzt, um Distanz zu ethnischen Nationsvorstellungen zu markieren. Selten wird dabei erwähnt, dass Renan im Kontext dieser Nationsdefinition auch festgehalten hat, eine Nation werde durch die Erinnerung an ihre Niederlagen fester zusammengeschweißt als durch die Feier ihrer Siege. Dass dies bei Renan – auch – ein Trost für die französischen Niederlagen im Krieg von 1870/71 war, schließt nicht aus, dass die Feststellung zutreffend sein kann. Gehen wir im weiteren davon aus und versuchen, die Frankfurter Nationalversammlung trotz des Scheiterns ihrer politischen Ziele als Erinnerungsort zu begreifen, an dem ein zentraler Beitrag zum heutigen Demokratieverständnis der Deutschen geleistet wurde.

          In der Paulskirche kamen Vertreter einer liberalen Ordnung, die es bei der bloßen Konstitutionalisierung der Herrschaftsstrukturen belassen wollten, mit entschiedenen Republikanern und Demokraten zusammen, die einer sehr viel weitergehenden politischen Veränderung anhingen, und einige unter ihnen vertraten auch sozialrevolutionäre Ziele, bei denen es nicht nur um politische, sondern auch gesellschaftliche Veränderungen ging. Dass sie in der Debatte um den gemeinsamen Entwurf einer neuen politischen Ordnung rangen und dabei einen von allen getragenen Kompromiss fanden, ist die wohl bedeutsamste Differenz zur französischen Revolution, wo die unterschiedlichen Positionen hintereinander den Gang der Ereignisse dominierten, es also zu einer Sequenz der politischen Ordnungsvorstellungen in Form sukzessiver Radikalisierung kam. Das führte zu einer Abfolge zumeist von dem Abbé Sieyès geschriebener Verfassungen, die freilich nur für kurze Zeit in Kraft waren oder es dazu überhaupt nicht schafften.

          Beginn der reflexiv-deliberativen Demokratie

          In Frankfurt dagegen, wo die Positionen und Argumente der unterschiedlichen Richtungen monatelang miteinander ausgetauscht wurden, verabschiedete man nur eine Verfassung, die dafür nie in Kraft trat, aus der aber einige Elemente in die Weimarer Verfassung wie das Bonner Grundgesetz Eingang gefunden haben. Das hat nicht zuletzt mit dem Kompromisscharakter dieser Verfassung am Ende von langen und zumeist kontrovers geführten Debatten zu tun. Dieser Typ von Verfassung, in dem nicht eine politische Linie dominiert, sondern die Verfassung zur Ermöglichung eines Neben-, Mit- und (friedlichen) Gegeneinanders unterschiedlicher Sichtweisen wird, hat ihren kontinental-europäischen Ursprungsort in Frankfurt. Hier beginnt, was man heute als reflexiv-deliberative Demokratie bezeichnet, die den Gegenpol zum plebiszitär-populistischen Verfassungstyp bildet. Insofern gibt es eine starke Verbindungslinie, die von der Frankfurter Nationalversammlung bis zur politischen Verfasstheit Deutschlands in der Gegenwart reicht. Sie verdient es, stärker und besser erinnert zu werden als bisher.

          Aber wie kann eine solche Erinnerung aussehen? Und wie ist der Erinnerungsort Paulskirche zu diesem Zweck umzugestalten? Mehr als siebzig Jahre nach dem Wiederaufbau der kriegszerstörten Kirche steht ohnehin die Renovierung des Gebäudes mit einer Erneuerung der technischen Infrastruktur an. Diese Renovierung sollte genutzt werden, um der deutschen Demokratie einen Ort zu schaffen, der ein Symbol bürgerschaftlichen Freiheitswillens und bürgerlicher Eigeninitiative ist und damit einen Kontrapunkt zum Berliner Reichstagsgebäude setzt, das bekanntlich von den Hohenzollern „dem deutschen Volke“ geschenkt und gewidmet worden ist, also eine großmütige Konzession von oben war.

          Die Aura zurückholen

          Um diese Aufgabe übernehmen zu können, bedarf die im Vergleich zum Reichstagsgebäude kleine und fast zierliche Paulskirche einer erneuernden Überarbeitung, die auf mehr hinausläuft, als die marode Haustechnik auf den neuesten Stand zu bringen. Ziel einer solchen Renovierung muss sein, etwas von der Aura des Gründungsakts der deutschen Demokratie in das Gebäude zurückzuholen, ohne die Brüche und Verwerfungen der Geschichte, die in der heutigen baulichen Gestalt der Paulskirche ihren Niederschlag gefunden haben, auszulöschen und so zu tun, als seien die seitdem vergangenen bald hundertfünfundsiebzig Jahre deutscher Geschichte eine zielstrebige Entwicklung vom Damals zum Heute gewesen. Das ist eine große Herausforderung.

          Geplant und errichtet wurde das Gebäude zwischen 1786 und 1833 als evangelisch-lutherische Kirche in der Nähe zum (katholischen) Kaiserdom, und bis zu seiner Zerstörung im Jahr 1944 wurde es auch als Kirche genutzt. Zum Tagungsort der Nationalversammlung wurde es ausgewählt, weil es der größte frei verfügbare Raum in Frankfurt war. Für Frankfurt hatte man sich entschieden, weil es als Stadt der einstigen Kaiserwahl nicht nur ein Zentralort des alten, von Napoleon mehr als vier Jahrzehnte zuvor aufgelösten Reichs gewesen war, sondern auch aufgrund der langen bürgerschaftlichen Tradition, die hier beheimatet war. In der Freien Stadt konnte man sich als Bürger unter Bürgern fühlen, ohne einen König oder Großherzog in unmittelbarer Nähe. Dafür musste man mit den beengten räumlichen Verhältnissen in Frankfurt vorliebnehmen. Um die Temperatur in dem notorisch kalten Kirchenraum in den Griff zu bekommen und auch der Akustik wegen, die für eine debattierende Versammlung von anderer Bedeutung war als für rituelle Akte und Predigten, wurde die Decke abgehängt, was auch den sakralen Charakter des Raumes etwas zurücknahm. Dieses Gebäude wurde bei dem schweren Luftangriff auf Frankfurt vom 8. März 1944 zerstört und brannte vollständig aus.

          Schon 1946 wurde der Wiederaufbau geplant, der dank finanzieller Hilfen aus allen
          (west-)deutschen Ländern zügig vorankam, so dass das Gebäude am 18. Mai 1948 zur Hundertjahrfeier der Nationalversammlung wiedereröffnet werden konnte. Die Schlichtheit des Innenraums war nicht bloß eine erinnerungspolitische Entscheidung, sondern auch die Folge eines Mangels an Geld und Baumaterial und zugleich ein Tribut an das Erfordernis von Versammlungsräumen in der zerstörten Frankfurter Innenstadt. So wurde eine Zwischendecke eingezogen, die das Erdgeschoss, eine dunkle Wandelhalle mit ovaler Mitte und bauchigen Stützen, von dem darüber liegenden Saal mit einer auf das Sprechpult hin ausgerichteten Bestuhlung sowie Leuchtern an Stelle der Säulen trennt. Man betritt einen dunklen, von vielen als drückend empfundenen Raum, aus dem man über Treppen in den hellen, aber eben auch sachlich-kühlen Versammlungsraum gelangt.

          Grützkes Wandbild steht für die Misere des Erinnerungsorts

          Zwischen 1986 und 1988 fand eine erste Renovierung statt, bei der die Fenster neu gestaltet, eine neue Orgel eingebaut sowie das monumentale Wandbild „Zug der Volksvertreter“ von Johannes Grützke angebracht wurden. Es zeigt eine Defilee wohlgekleideter Herren, die dem Elend des sie umgebenden (arbeitenden) Volkes keine Beachtung schenken, und ist in der Gegenüberstellung einer mit sich selbst beschäftigten Bourgeoisie und eines an Verfassungsfragen desinteressierten Proletariats, dem es um die Veränderung seiner sozialen Lage geht, als Erklärung für das Scheitern der Revolution von 1848/49 zu lesen. Hier wird der Ausgang der Revolution als Grund der deutschen Misere dargestellt, nicht als Gründungsakt der deutschen Demokratie. Das Wandbild dementiert geradezu, dass es sich hier um einen Ort handelt, der im positiven Sinn des Erinnerns wert wäre. In seinem Bemühen, die Misere der deutschen Geschichte darzustellen, wird es zum Ausdruck der aktuellen Misere der Paulskirche als demokratischem Erinnerungsort.

          Abseits prestigeträchtiger Festveranstaltungen ist die Paulskirche heute wenig mit Leben erfüllt. Die meisten an der Paulskirche und ihrer Geschichte interessierten Besucher verlassen enttäuscht ein Gebäude, in dem es wenig zu sehen und kaum etwas zu entdecken gibt und wo von der Aura des Ereignisses, dessentwegen sie gekommen sind, nichts zu spüren ist. Tatsächlich sind die massiven Sandstein-Außenwände das einzig Authentische, das auf 1848 verweist, während der Innenraum sich wie eine ästhetische Blockade historischer Erinnerung ausnimmt. Das mag mit Blick auf die deutsche Geschichte durchaus seinen Reiz haben, ist aber durch die ironische Distanz zum Erinnerten und den Verzicht auf jeden emotionalen Zugang viel zu intellektualistisch, um Gedenkort der deutschen Demokratie zu sein.

          Dabei müsste die Erinnerung an die Frankfurter Nationalversammlung keineswegs so emotional entleert sein: Immerhin kamen aus dem Paulskirchenparlament, wenn man es denn schon als Ort des „endlosen Geredes“, der kleinlichen Beschlüsse und der fehlenden Kraft zur entscheidenden Tat ansieht, doch eine Reihe von Märtyrern, die von den wiedererstarkten alten Autoritäten hingerichtet wurden oder die nach der von preußischem Militär niedergeschlagenen Reichsverfassungskampagne in Süddeutschland im Ausland Asyl suchten. Zu den Anfängen der deutschen Demokratie gehört auch der Strom politischer Migranten, die in die Schweiz, nach Frankreich, Belgien, England und schließlich auch in die USA ins Exil gingen. Auch ihrer ist in der Paulskirche zu gedenken. – Aber wie? as Gebäude der Paulskirche ist der eigentliche Erinnerungsort, das in seiner historischen Originalität zwar nicht wiederhergestellt werden kann, aber im Innenraum mehr Elemente enthalten muss, die unmittelbar auf 1848/49 verweisen.

          Saal als multifunktionaler Raum

          Der Saal im Obergeschoss der Paulskirche kann künftig für vielfältige Veranstaltungen genutzt werden, muss hierfür jedoch grundlegend zu einem multifunktionalen Raum umgerüstet und technisch ertüchtigt werden. Aber er muss zugleich einen Hauch der Geschichte, also der 1848er Atmosphäre, erhalten, was durch Art und Anordnung der Bestuhlung, die Gestaltung der Wände sowie das Einbringen zusätzlicher Elemente mit Bezug auf die Nationalversammlung möglich sein sollte.

          Im Sockelgeschoss drängt sich geradezu eine zeitgemäße Ausstellung zur Geschichte des Ortes Paulskirche auf. Durch Einsatz moderner Licht- und Medientechnik können auf dieser Fläche Möglichkeiten aktueller Geschichtsvermittlung geschaffen werden. Hierbei ist das Gebäude selbst das größte Objekt. Vor allem kann sich dieser Bereich an diejenigen wenden, die die Paulskirche als Baudenkmal aufsuchen, die sich mit dem historischen Gebäude und seiner Geschichte auseinandersetzen wollen. Die Gäste, die zu einer Veranstaltung kommen, gewinnen in überschaubarer Zeit zumindest einen Eindruck von Geschichte und Bedeutung der Paulskirche.

          Um den vom Bundespräsidenten formulierten Anspruch umzusetzen, eine „moderne Erinnerungsstätte für die Demokratie“ entstehen zu lassen, bedarf es über den historischen Ort Paulskirche hinaus eines aktivierenden Umfelds. Der historische Ort mit seiner auratischen Qualität ist für Besucherinnen und Besucher zwar der Anziehungspunkt, doch je weiter die historischen Ereignisse zurückliegen, die sich mit dem Ort verbinden, um so mehr ist eine inhaltliche Kontextualisierung nötig.

          „Haus der Demokratie“

          Deswegen ist die Errichtung eines in unmittelbarer Nähe befindlichen Gebäudes erforderlich, das in einer ergänzenden und komplementären Beziehung zur Paulskirche als eigentlichem Gedenkort steht. Hier können die Verbindungen zu den revolutionären Vorgängen in allen Teilen Deutschlands sowie zu den anderen Revolutionen in Europa hergestellt werden, auch zur Geschichte der Frankfurter Revolten, wie etwa dem „Sturm auf die Hauptwache“. Hier kann man sich mit der Geschichte des revolutionären Exils, aber auch der Akkommodation so manchen Paulskirchenabgeordneten an das Bismarck‘sche Projekt der Reichseinigung von oben beschäftigen und eine Brücke von der Vergangenheit in die Gegenwart und deren eigene Herausforderungen schlagen

          Ein solches „Haus der Demokratie“ als separates, transparent gestaltetes Gebäude in enger Verbindung mit der Paulskirche kann als Brücke zwischen Historie und Gegenwart fungieren, in den Stadtraum wirken und zugleich den Paulsplatz aufwerten. Städtebaulich kann ein Gebäude dieser Art an die historische Bebauung des Paulsplatzes anknüpfen, welche die Paulskirche um einen Vorplatz herum einrahmte und bei den Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.

          Das „Haus der Demokratie“ soll im Wesentlichen zwei Funktionen erfüllen: Es soll Lernort und Ort der Kommunikation sein. Veranstaltungen und Workshops für die verschiedensten Zielgruppen aus dem In- und Ausland könnten hier ausgerichtet werden. Unterschiedliche didaktische Zugänge sind notwendig und möglich. Durch eine ansprechende Architektur und sachgerechte Ausstattung des neuen Gebäudes können Kommunikation und Partizipation in den Vordergrund treten.

          Nationale Strahlkraft

          Neben traditionellen Vermittlungskonzepten sollen ausdrücklich auch moderne digitale Formate angewandt werden. So können diese Vermittlungsangebote sowohl vor Ort zur Verfügung stehen wie auch zum Ausgangspunkt für vielfältige Aktivitäten sowohl im Stadtraum wie auch darüber hinaus im nationalen und internationalen Rahmen werden.

          In Frankfurt und darüber hinaus kann die Paulskirche im Zusammenwirken mit Akteuren der Demokratiegeschichte in Deutschland nationale Strahlkraft erlangen. Hier kann ein zeitgemäßes Ensemble im Stadtraum mit hoher Aufenthaltsqualität entstehen, das Kulturinteressierte wie auch Stadttouristen aus dem In- und Ausland zum Besuch anregt.

          Historisch-politische Bildung soll stets informativ, sachlich und wissenschaftlich basiert sein, muss aber auch emotional ansprechen und lebendig präsentiert werden. Kurzum: Die Paulskirche, der authentische, historische Ort kann – baulich und gestalterisch aktualisiert – die geschichtlichen Ereignisse verkörpern. Das „Haus der Demokratie“ kann die Historie mit der Gegenwart verbinden. Als Lernort soll es der Information über die Demokratie in Deutschland und als Ort der Kommunikation die kritische Auseinandersetzung, aber auch die Verbundenheit mit der Demokratie fördern.

          Das erinnerungspolitisch elementare Zusammenwirken von Emotionalität und Reflexion kann so angeregt werden. Diese Herausforderung geht deutlich über den Sanierungsbeschluss der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung vom November 2019 hinaus. Es ist ein Vorhaben von nationaler Bedeutung mit internationaler Ausstrahlung, es ist für die Festigung der Demokratie in Deutschland von erheblicher Bedeutung. Gerade deshalb darf dieses Vorhaben keine ferne Vision bleiben. Vielmehr sollten Stadt, Land und Bund dieses Projekt gemeinsam und entschlossen angehen.

          Herfried Münkler ist Emeritus für Politische Theorie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Hans Walter Hütter ist Präsident und Professor der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. Peter Cachola Schmal ist Direktor des Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main.

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