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Symbolort der Demokratie : Der Paulskirche fehlt die Aura

  • -Aktualisiert am

Leergeräumtes Haus der Demokratie: Die Paulskirche vor der Frankfurter Skyline Bild: dpa

Die Gestaltung der Frankfurter Paulskirche ist ein erinnerungspolitisches Desaster. Damit sie als zeitgemäße nationale Gedenkstätte wirken kann, muss die anstehende Sanierung mehr als eine technische Ertüchtigung sein. Ein Gastbeitrag.

          13 Min.

          Die alte Bundesrepublik, die Bonner Republik, war ein ausgesprochen symbolarmer Staat – im Unterschied zur DDR, die sich in die Tradition des Bauernkriegs von 1525, der antinapoleonischen Befreiungskriege mitsamt der russisch-preußischen Waffenbrüderschaft und schließlich in die des antifaschistischen Widerstands gestellt hatte und diese drei historischen Legitimitätsansprüche auch denkmalpolitisch präsent hielt. Im Westen verzichtete man auf die Ausgestaltung analoger Legitimationsstränge, weil man sich als politisches Provisorium verstand und deswegen keine separaten Legitimationslinien ausgestaltete. Man begnügte sich damit, dass das neue Selbstbewusstsein der Westdeutschen in den Ikonen des Wirtschaftswunders zum Ausdruck kam, der D-Mark, dem legendären VW-Käfer und dem Mercedesstern, und beließ es ansonsten bei der bestehenden Denkmallandschaft des 19. Jahrhunderts, die sich um Bismarck und die Reichseinigung drehte. Daneben spielten Gedenkorte der Demokratie, wie etwa die Frankfurter Paulskirche oder das Hambacher Schloss, für das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik keine große Rolle, und dementsprechend war auch der Umgang mit diesen Baudenkmalen.

          Kann sich eine Demokratie auf Dauer einen derart lässigen Umgang mit ihren Gründungs- und Ursprungsorten leisten? Erinnerungsorte und Denkmale sind zentrale Elemente im kollektiven Gedächtnis eines sozio-politischen Verbandes und damit elementar für dessen Selbstverständnis. Sie sind Symbole für die Zusammengehörigkeit einer Nation, die den  Fliehkräften des sozialen Lebens und politischen Betriebs entgegenwirken; wenn die Demokraten diese Erinnerungsorte nicht pflegen und nutzen, ist zu erwarten, dass sich die Gegner des liberaldemokratischen Rechtsstaats ihrer bemächtigen.

          Demokratie zur Geltung bringen

          Fast alle als politisch einschneidend und identitätskonstitutiv angesehenen Ereignisse der deutschen Geschichte haben ihre Denkmale und Erinnerungsorte, vom Teutoburger Wald über den Bauernkrieg bis zur Leipziger Völkerschlacht, und an die Reichseinigung erinnern im öffentlichen Raum die zahllosen Bismarckstatuen. Sie alle haben für die Entstehung der Demokratie in Deutschland keine oder eine allenfalls randständige Bedeutung. Der Fortbestand einer politisch überholten Erinnerungskultur lässt sich verkraften, wenn daneben auch die Demokratie zur Geltung gebracht wird. Das ist aber so gut wie nicht der Fall: Das Hambacher Schloss, zu dem 1832 ein Protestzug gegen Fürstenwillkür und für politische Teilhabe des Volkes stattfand, findet mehr regionale als nationale Aufmerksamkeit; und die Frankfurter Paulskirche, wo sich 1848/49 das erste deutschen Parlament versammelte und nach langen Debatten am 28. März 1849 die „Grundrechte des Deutschen Volkes“ als zentrales Element der Reichsverfassung verabschiedete, wird vor allem für Feierlichkeiten mit Bezug auf Frankfurt genutzt, spielt als Gründungsort der deutschen Demokratie aber eine allenfalls marginale Rolle.

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