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Putins neues Russland : Wer nicht jubelt, ist ein Volksfeind

  • -Aktualisiert am

„Alle Homosexuellen deportieren und erschießen!“

Bald wird man fragen, warum jemand nach Ägypten oder in die Türkei in Urlaub fährt und nicht nach Sotschi. Warum hörst du fremdländische Musik und keine russische? Wir haben nicht die Krim wiederbekommen, sondern die Sowjetunion.

Die Sprache der Gewalt durchtränkt das ganze Leben. Morgens schaltet man den Computer an und liest immer das Gleiche: Die Russen kommen, die Russen haben sich erhoben. Überall, wo Gewalt wieder ein Ideal ist, findet sich auch ein Karadžić, der die Leute davon überzeugt, dass man mit der Maschinenpistole Gutes tun kann.

Die roten Fahnen sind wieder da, der „rote“ Mensch ist wieder da. Alles erweist sich als quicklebendig. Fünfzehn Jahre hat Putin daran gearbeitet. Tag für Tag reanimierte das Fernsehen die sowjetischen Ideen. Und wir dachten, sie wären tot.

Russland erwies sich als nicht aufnahmefähig für die westlichen Werte, für das westliche Christentum. In den Kirchen wird gepredigt: „Man drängt uns wieder ein fremdes Entwicklungsmodell auf, bei dem wir unsere Spiritualität verlieren.“ Ich fragte einen mir bekannten Priester, was denn unsere Spiritualität ausmache. „Alle Homosexuellen in eine Stadt deportieren und dort erschießen!“, lautete die Antwort. Und dass alle Russen sich in einem obrigkeitlichen Staatskörper zusammenschließen sollten. Wir seien jetzt stark und könnten unsere Leute auch im Baltikum oder in Tadschikistan beschützen.

Putin schafft seinen eigenen Journalismus

Wohin treibt Russland? Statt Reformen wählen wir den Krieg. Der Durst, verlorenes Land zurückzugewinnen, kann Millionen Menschen um den Verstand bringen. Und zwar vernünftige Menschen, die noch gestern von einem europäischen Russland träumten. Heute geloben sie im Chor: „Wegen der Krim verzeihen wir Putin alles!“ Orthodoxe Publikationen bezeichnen allen Ernstes Putin als Heiligen. Es stellt sich heraus, dass er in einem früheren Leben Fürst Wladimir war und Russland getauft hat. Es gibt Gerüchte, dass in einigen Kirchen aus Putin-Ikonen Myrrhe tropfe. Ein Heiliger! Ein Wundertäter! Er lebt wie ein Mönch. Er ist mit Russland verheiratet.

Die Kirche, das sind nicht nur Ikonen, Kerzen, Gebete. Die Kirche ist eine der Reserven des Oberkommandierenden.

Nach den Gesetzen des Kriegszustandes werden die Medien gesäubert. Alle alternativen Informationsquellen, die eine andere Sichtweise zulassen, werden zerstört. Jedes wahrhaftige Wort wird einem Aufruf zum Regimewechsel gleichgesetzt, nicht genehme Internetseiten werden blockiert. Unlängst wurde der Chefredakteur des größten Nachrichtenportals „Lenta“ gefeuert. Aus Protest gingen nach ihm vierzig Redaktionsmitglieder. Anstelle der weggesäuberten Publikationen schafft Putin seinen eigenen Journalismus und setzt Leute, die die Kremllinie durchsetzen, auf leitende Posten.

Die Welt wird nie mehr die gleiche sein

Das Internet ist voller Ideen zum Überleben. Auch hier kommt den Leuten die Sowjeterfahrung zunutze. Für alle Fälle habe auch ich mir einige sowjetische Rezepte aufgeschrieben: sich mit den Babuschkas anfreunden, die vorm Haus auf der Bank sitzen, und mit Taxifahrern, sie geben schnell Informationen weiter. Flugblätter drucken (alle kaufen Scanner und Drucker), in einen Klub eintreten, zum Beispiel in einen Schach- oder Sportverein, das erweitert den Bekanntenkreis. Noch sind Facebook und Twitter nicht gesperrt. Auch SMS sind ein gutes Mittel, um Informationen zu verbreiten.

Die Welt wird nie mehr die gleiche sein. Putin hat die Welt, die nach dem Zweiten Weltkrieg aufgebaut wurde, in die Luft gesprengt. Wird der Westen dieses Russland mitnehmen oder es zurückstoßen? Dann bleibt es allein mit seinen Gasleitungen.

Aus dem Russischen von Kerstin Holm

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