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Glosse zu britischer Küche : Süßer Orwell

  • -Aktualisiert am

Man kann dabei ja so viel falschmachen: Einkochen von Orangenmarmelade Bild: Picture-Alliance

1946 schrieb George Orwell im Auftrag des British Council eine Broschüre über die englische Küche. Der Text wurde abgelehnt, wofür sich die Behörde jetzt entschuldigt. Ein Nachkochversuch jedoch bestätigt Vorbehalte.

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          In dem alten Witz über himmlische und höllische Aufgabenverteilung unter den Nationen Europas sind im Himmel die Briten die Polizisten, die Deutschen die Mechaniker, die Franzosen die Köche, die Italiener die Liebhaber und die Schweizer die Organisatoren. In der Hölle sind die Deutschen die Polizisten, die Franzosen die Mechaniker, die Schweizer die Liebhaber, die Italiener die Organisatoren und die Briten die Köche. Über britische Esskultur wird seit Jahrhunderten gespottet, nicht nur unter Ausländern wie Jacques Chirac, der einst lästerte, man könne Menschen nicht trauen, deren Küche derart schlecht sei. Auch der britische Autor William Somerset Maugham empfahl, wer in England gut essen wolle, solle dreimal am Tag frühstücken.

          1946 unternahm George Orwell den Versuch einer Ehrenrettung, als er im Auftrag des British Council eine Broschüre über die englische Küche schrieb. Der Text wurde abgelehnt, wofür sich die Behörde jetzt mehr als siebzig Jahre später entschuldigt hat. Obwohl der Aufsatz in der Orwell-Gesamtausgabe zu finden ist, ging das öffentliche Bedauern mit der Ankündigung des British Council einher, den Aufsatz erstmals zugänglich zu machen. Womöglich fiel die Verteidigung einer Kost, die Orwell als „einfach, ziemlich schwer und vielleicht etwas barbarisch“ bezeichnete, zu halbherzig aus.

          Dem Autor wurde zwar bescheinigt, einen vorzüglichen Aufsatz geliefert zu haben, doch empfand man es als „unklug“, die „Behandlung des schmerzlichen Themas Nahrung in diesen Zeiten“ zu veröffentlichen, womit die Nachkriegsnot, zumal nach dem bitteren Winter 1945/46, gemeint war. Allerdings deuten Anmerkungen am Rande des Textes auf tiefere Bedenken des British Council hin. So beanstandete der Lektor Orwells Behauptung, dass britische Suppen nichts taugten, und widersprach seiner Kritik an Milchdesserts.

          Besonderen Anstoß erregte Orwells Rezept für Orangenmarmelade, das zu viel Zucker und Wasser enthalte, süße statt bitterer Orangen verwende und rate, Teile der weißen Haut zu entfernen, die das fürs Gelieren notwendige Pektin enthält. Die BBC hat jüngst die Marmelade nach Orwell nachgekocht – und bestätigte die Mängel.

          Auch wenn der Text nicht zu Orwells Glanzstücken zählt, bleibt er ein faszinierendes zeitgeschichtliches Dokument. Daran zeigt sich etwa, wie sehr das Land sich nicht nur kulinarisch verändert hat, sondern auch gesellschaftlich. So hob Orwell unter anderem die kulturelle Kluft zwischen den Klassen beim Essen hervor. Die mit Rezepten gefüllten Zeitungen, Kochsendungen im Fernsehen und die Restaurantkultur zeigen, dass diese Grenzen zumindest in der Gastronomie durchlässiger geworden sind. Zu Orwells Zeiten war Olivenöl nur in der Apotheke erhältlich – als Heilmittel für Ohrenleiden.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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