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Sucht nach Anerkennung : Mehr dickes Fell!

Fleißkärtchen in einem französischen Schulmuseum Bild: Picture-Alliance

In der Politik wird derzeit gern von Anerkennung gesprochen. Dabei nimmt die Sozialphilosophie sie inzwischen als Spielart von Unterwerfung in den Blick. Warum die Sucht nach Anerkennung den Bürger zum Kleinkind macht.

          3 Min.

          Zu den augenblicklich am meisten überschätzten Werten gehört die Anerkennung. Klar möchte man sich anerkannt fühlen, je mehr, desto besser. Das ist ja das Schöne am Privatleben: dass man sich nicht dauerhaft mit Leuten umgeben muss, von denen partout kein Zuspruch kommt. Bleibt in den weniger privaten Sphären unseres Gemeinwesens der persönliche Zuspruch aus, ist das bedauerlich, jedoch kein Grund, ein „J’accuse“ gegen die Politik zu schleudern. Denn Motivlagen lassen sich nicht politisieren. Politik hat eine Steuerungsfunktion, muss im Rahmen des politisch Gewollten Anreize schaffen. Aber der direkte Eingriff in die psychische Antriebsstruktur der Bürger ist ihr aus gutem Grund verwehrt. Als seelische Supervisoren sind staatliche Organe fehl am Platz. Die bürgerliche Psyche ist kein Politikfeld für Mut- und Muntermacher. Wie es auf den Erwerb von Frustrationstoleranz keinen politischen Anspruch gibt, ebenso wenig gibt es einen solchen auf persönliche Beachtung, Bestätigung, Bewunderung.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          „Es kommt von nirgendwo Anerkennung und Wertschätzung, obwohl man alles meistert. Wenn tatsächlich mal etwas schiefläuft, bekommt man von der Verwaltung immer noch eines obendrauf“, heißt es in dem Brandbrief, den der bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband jetzt aufgesetzt hat, um auf die Überlastung der Schulleitungen an Grund- und Mittelschulen aufmerksam zu machen. Die Überlastung ist fraglos gegeben. Es fehlt im großen Stil an Personal und Sachmitteln. Aus diesem Missstand politische Forderungen abzuleiten liegt nahe. Aber wie kommt der Berufsverband darauf, in diesem Zusammenhang von der Verwaltung auch mehr Balsam für die Seele seiner Mitglieder zu erwarten? Hier hat sich der Verband offenkundig in der Adresse geirrt und ist vom Dienstweg abgekommen. Aber womöglich ist das auch nur ein Symptom dafür, dass das Rollenbewusstsein im Schwinden ist und die auf persönliche Wertschätzung drängende Frage „Was macht das mit mir?“ zunehmend den Stil von politischen Petitionen prägt.

          Eher eine soziale Pathologie

          So kündigt sich ein Wandel im Politikverständnis an, wie er derzeit vielfach zu beobachten ist. Auf lange Sicht wird dadurch, mit der Politisierung des Psychischen, der Weg in die Entpolitisierung beschritten. Was hindert die Verwaltung, das psychische Begehr mit Kursangeboten zur sogenannten Resilienz zu beantworten, wie die Therapeuten die psychische Widerstandsfähigkeit in widrigen Umständen nennen? In Resilienz-Kursen lernt man, wie man sich ein dickes Fell zulegt. Ein politisches Sparmodell, sollte dadurch der Druck auf die Institutionen gemindert werden können, mehr Geld für Personal und Sachmittel auszugeben. Die soziale Frage steht nicht so nackt, so fordernd im Raum, wenn sie psychisch abgepolstert wird. Das ist genau die Alibi-Politik, die aus der persönlichen Verletzbarkeit eine Demokratietheorie gewinnen möchte, in der soziale Missstände nur unter „ferner liefen“ Beachtung finden.

          Ironischerweise geht die Konjunktur des Anerkennungs-Begriffs in den aktuellen politischen Auseinandersetzungen einher mit der Degradierung des Begriffs in dem sozialphilosophischen Kontext, dem er entstammt. Wobei Degradierung vielleicht übertrieben ist; aber die schrittweise Revision, die die einflussreiche Anerkennungstheorie Axel Honneths erfährt, ist mit Händen zu greifen und hat der Anerkennung als positiv besetztem Leitwert, wie Honneth selbst einräumt, seine „Unschuldsvermutung“ geraubt. Anerkennung kommt dann als Spielart von Unterwerfung in den Blick (wie es umgangssprachlich am Begriff des „Weglobens“ ablesbar ist). Gefallsucht ist demnach nicht nur ein energetischer Motor für außergewöhnliche Leistungen. Sie ist auch ein Vehikel der Selbstunterwerfung. So ist Anerkennung immer zugleich beides: motivationale Ressource für die Anerkannten und Machttechnik seitens der Anerkennenden. Zumal von emanzipatorischer Seite wird darauf hingewiesen, wie leicht man etwa auf geschlechtliche und andere Rollenklischees festgelegt werden kann, wenn sie nur hinreichend wertgeschätzt werden. Judith Butler bringt ihre Skepsis gegenüber dem Anerkennungsmodell denn auch auf die Formel: „Die Normen, nach denen ich mich anerkennbar zu machen suche, sind nicht wirklich meine. Sie kommen nicht mit mir in die Welt; die Zeitlichkeit ihres Erscheinens deckt sich nicht mit der Zeitlichkeit meines eigenen Lebens.“

          Seine Unschuld verloren hat der Leitwert der Anerkennung aber auch als anthropologische Prämisse. Amy Allen etwa kritisiert die sozialphilosophische Übertragung der Kleinkindforschung auf das Sozialverhalten von Erwachsenen. Was für das Kleinkind gelten mag, die unbedingte Angewiesenheit auf die permanente Bestätigung durch Bezugspersonen, sei im Erwachsenenleben eher eine soziale Pathologie. Im Widerspruch bilden sich Charaktere, gelegentlich auch nur im Ertragen von Widrigem. Als politischer Fetisch hält die Anerkennung nicht, was sie verspricht. Sie ist, als zu erbringende Leistung des Gemeinwesens, ein infantiler Anspruch.

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