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Suche nach Sinn und Erlösung : Das sind Gottes neue Sinnfluencer

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Feministin und alleinerziehende Mutter: Pastorin Josephine Teske hat zwei Gemeinden, eine in ihrem Dorf, eine auf Instagram. Bild: Maximilian Virgili

Gott hat es bei uns nicht leicht: Wer tritt heute noch als offener, liberaler und moderner Mensch für den Glauben ein? Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem Verständnis von Religion neue Wege beschreiten – und Türen öffnen wollen.

          12 Min.

          Gott hat es bei uns nicht leicht. Seit Jahren müssen zumindest seine offiziellen irdischen Vertreter hierzulande mit schlechten Nachrichten leben: „Deutschland nimmt Abschied von Gott“ oder „Kirchenaustritte auf historischem Höchststand“. So haben mehr als eine halbe Million Christen im vergangenen Jahr hierzulande die großen Amtskirchen verlassen – mehr als je zuvor. Auch jenseits der nüchternen Empirie ist überall spürbar: Der christliche Glaube ist aus dem Mittelpunkt der Gesellschaft weggerückt, und das liegt nicht allein an den vielen Missbrauchsfällen und anderen Verfehlungen der Würdenträger. Aber fehlt damit auch automatisch Gott? Und was fehlt, wenn Gott fehlt? Und, so könnte man fragen, wer kümmert sich dann um einst so hoffnungsvolle Botschaften wie Nächstenliebe, wer hilft bei Antworten auf die letzten Fragen, wer spendet Trost und gibt Hoffnung? Warum können die Glaubensgemeinschaften nur so wenige dafür mobilisieren?

          Allein mit der generellen Säkularisierung, der Verweltlichung des Lebens in einer von Wissenschaft und Technik geprägten Zeit, lässt sich das nicht begründen. Denn das Bedürfnis nach irgendeiner Form von Spiritualität scheint groß. Im Internet boomt eine neoliberale Esoterikszene mit „Erwecke die Göttin“-Kursen oder Meditations-Apps. Und die erfolgreichste Serie der letzten Jahre, „Dark“ auf Netflix, ist eine Mischung aus Glauben, Metaphysik und Wissenschaft. Die Suche nach Sinn und Erlösung ist also allgegenwärtig, aber scheint nur da insbesondere für Jüngere interessant, wo die Alternativen leicht konsumierbar sind. Kirche, Synagoge oder Moschee wirken da vergleichsweise unattraktiv. Welcher modern denkende, zumal jüngere Mensch würde da gar noch ein religiöses Amt übernehmen wollen? Oder liegt diese Entwicklung nur an der falschen Interpretation und Vermittlung der alten Wahrheiten? Braucht es einfach eine neue Generation von Sinnfluencern?

          Dieser Text ist aus dem neuen F.A.Z. Quarterly

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          Jesus sei emotional, lustig, gender-bending sexy, einer, der gerne tanze und okay mit LGBT sei, er sprach von seiner göttlichen Mutter, und vermutlich war er Feminist, schrieb das englischsprachige Online-Magazin Medium.com kürzlich und nannte „10 Dinge, die Christen nicht über Jesus wissen“, und dazu die passenden Bibelstellen. Im Internet bringen Netzwerke junger Christen Jesus in die sozialen Medien. Oder junge Muslime oder Juden verbreiten auf Youtube oder Instagram neue Ideen und wollen über Feminismus, Migration oder Klimawandel diskutieren – und eine Sprache entwickeln, mit der mehr Menschen erreicht werden können. Genau das, was die britische christliche Theologin und Professorin Catherine Keller fordert: eine neue Sprache, eine „Theopoesie“. Denn auch Gott entwickle sich, sei im Werden und noch nicht fertig – und die Menschen könnten sich mit „selbstreflexiver Kreativität“ an diesem Prozess beteiligen.

          Wir stellen fünf Menschen vor, die mit ihrem modernen Verständnis von Religion neue Wege beschreiten und Türen öffnen wollen:

          „So lange habe ich gebetet – und bin immer noch schwul“

          Ich bin in unserer Moschee der Ansprechpartner für LGBT-Menschen und alle Themen, die damit zu tun haben. Ich halte Vorträge, organisiere den Stammtisch, mache Youtube-Videos zu dem Thema und habe auch einen eigenen Podcast gestartet, in dem ich mit queeren MuslimInnen und NichtmuslimInnen ins Gespräch komme. Sie reden darüber, wie wir mit unserer religiösen und unserer sexuellen Identität zurechtkommen.

          Ich persönlich sehe da gar keinen Widerspruch. Natürlich ist die vorherrschende Meinung unter Muslimen, Homosexualität sei verboten. Das wird mit der Geschichte um den Propheten Lot und seinen angeblich homosexuellen Handlungen begründet. Das ist die Geschichte von Sodom und Gomorra, die man auch aus dem Judentum kennt. Aber die Geschichte, auch im Koran, gibt das gar nicht her. Die Verse handeln von Drohungen, Vergewaltigung und Gewalt insgesamt. Und die wird doch abgelehnt. Gott sagt, er ist barmherzig.

          Tugay Sarac, 22 Jahre, studiert Islamwissenschaften in Berlin und ist Imam der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee.
          Tugay Sarac, 22 Jahre, studiert Islamwissenschaften in Berlin und ist Imam der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. : Bild: Maximilian Virgili

          Ich bin mit der Religion aufgewachsen, meine Familie war nicht so konservativ, aber der Islam hat da eine Rolle gespielt. Ich habe gemeinsam mit meinem Vater gebetet und bin in die Moschee gegangen an Feiertagen. Mein Vater wusste nicht, dass ich schwul bin, und ich habe es lange für mich selbst nicht annehmen können. Als mein Vater 2011 verstorben ist, bin ich ziemlich in den Islamismus abgedriftet, ich war ultrakonservativ, ja ideologisiert unterwegs. Fünfmal am Tag beten war Standard, in der zehnten Klasse habe ich mir einen Betraum in der Schule erstritten, ich wollte Frauen nicht die Hand geben und habe mich oft mit meiner Familie über diese Themen gestritten. Generell habe ich versucht, mich sehr im Leben zurückzuhalten, weil ich mich von dieser Homosexualität heilen wollte, die mir als etwas Schlechtes beigebracht worden war. Das ging ein paar Jahre, dann habe ich mich erst mal vom Islam verabschiedet. Ich dachte, es passt einfach nicht: So lange habe ich gebetet – und ich bin immer noch schwul. Entweder nehme ich an, wer ich bin, oder es gibt Gott nicht. Meine Mutter, meine Tante, meine Schwestern und Cousinen haben toll reagiert, als ich mich geoutet habe.

          Schließlich bin ich in die Ibn-Rushd-Moschee gekommen, die meine Tante gegründet hat, habe von Chinastudien zu Islamwissenschaften gewechselt, und inzwischen arbeite ich hier auch als Imam. Bei uns gibt es einen Islamwissenschaftler, noch eine Frau, die Predigten hält – und mich. Es gibt gar keine genaue Beschreibung, wie man Imam zu werden hat, das steht nirgendwo geschrieben. Imam heißt wortwörtlich übersetzt: derjenige, der zuerst aufsteht oder der vorne steht. Der Begriff des Imams ist eigentlich schwerer zu fassen als zum Beispiel der Begriff des Priesters. Natürlich kann man eine praktische Imam-Ausbildung machen, aber dann folgt man einer bestimmten Rechtsschule oder den Vorgaben des türkischen Staates, der eigene Imame ausbildet. Aber jeder kann zum Beispiel eine Wohnzimmermoschee aufmachen, das würde ihm niemand streitig machen können.

          Vor einem Jahr habe ich meine erste Predigt gehalten. Darin habe ich von Erfahrungen von homosexuellen Muslimen berichtet und Auszüge aus dem Koran vorgelesen, in denen es um Barmherzigkeit und Liebe geht. Die zweite Predigt hielt ich zu Sarah Hegazi, der lesbischen Aktivistin, die aus Ägypten geflohen ist und schließlich Selbstmord begangen hat, weil sie so gebrochen war.

          Manchmal schicken mir Leute irgendwelche Drohungen oder sexualisierte Beleidigungen und nennen mich Hurensohn. Aber ich erhalte auch sehr viele positive Nachrichten. Ich würde auch sagen, dass das überwiegt. Oft kommt ein Dankeschön von jungen MuslimInnen, dafür, dass ich das Thema offen anspreche, es würde sie in ihrem Weg bestärken (Tugay Sarac).

          „Der Planet gehört Gott“

          Auf die Ordination habe ich neun lange Jahre gewartet. Erst den Bachelor in Jüdischer Theologie gemacht, dann den Master, parallel die Rabbiner-Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg und ein Jahr lang Studium und Praktika in Jerusalem.

          Mein Praktikum dort habe ich in der ältesten Reformgemeinde Israels verbracht, wo ich von einer Rabbinerin betreut wurde. Sie war ein richtiges Vorbild für mich. Charakterstark, besonnen, sie hat viele Gespräche hinter den Kulissen geführt, wofür man nicht so viel öffentliches Lob bekommt, hat den Leuten dort richtige Seelsorge geboten. Endlich hatte ich eine konkrete Idee für meinen beruflichen Lebensweg.

          Jasmin Andriani, 37 Jahre, hat Jüdische Theologie studiert und ist vor kurzem zur Rabbinerin ordiniert worden. Damit ist sie in Deutschland die siebte Frau in dem Amt.
          Jasmin Andriani, 37 Jahre, hat Jüdische Theologie studiert und ist vor kurzem zur Rabbinerin ordiniert worden. Damit ist sie in Deutschland die siebte Frau in dem Amt. : Bild: Maximilian Virgili

          Ich weiß noch, als ich zum ersten Mal vom Abraham Geiger Kolleg hörte und zu meinem heutigen Ehemann sagte, willst du das nicht machen? Und er sagte zu mir: Mach du das doch! Bis dahin hatte ich noch Jura in Berlin studiert, wo ich auch aufgewachsen bin. Einmal stand ich vor meinem Spiegel im Badezimmer, habe mir in die Augen geschaut und mich gefragt, ob ich das wirklich kann, einen Beruf ergreifen, in dem man sich sonst eher ältere Männer mit Bart und Hut vorstellt. Ich bin nicht die allererste Frau. Aber ich gehöre noch zur ersten Welle. In Deutschland bin ich die siebte, die jemals zur Rabbinerin ordiniert wurde. 1935 gab es Regina Jonas, eine Berlinerin wie ich und die erste Frau weltweit. Dann gab es 2010 die zweite, dann vier weitere und jetzt mich.

          Es gibt nur eine Handvoll Gemeinden in Deutschland, die mich überhaupt nehmen würden. Sowohl in Göttingen als auch in Hannover, das sind die beiden Gemeinden, die ich heute betreue, bin ich die erste Frau in dem Amt. Meine Vorgänger waren immer Männer.

          Aber gut, ich habe mich schon als Kind nicht auf eine Rolle beschränken lassen. Beim Fußball war ich das einzige Mädchen in der Schulmannschaft. Bei Wettkämpfen haben die anderen mich und mein Team dafür ausgelacht. Ich habe dann versucht, doppelt so gut wie die anderen zu spielen. Ansonsten bin ich ziemlich normal aufgewachsen, nicht sehr konservativ. Aber schon als Kind hatte ich so eine Gläubigkeit in mir. Und natürlich haben wir in der Familie die jüdischen Feiertage zelebriert. Ich war mit meinen Eltern auch oft in Israel. Später habe ich im jüdischen Ferienlager und im Jugendzentrum als Betreuerin gearbeitet. Und zehn Jahre lang habe ich neben dem Studium im Jüdischen Museum in Berlin gejobbt. Ich habe eine Führung angeboten, die hieß „Ist das im Islam auch so?“. Manche muslimischen Eltern haben ihre Kinder bei den Schulwandertagen davon ausgeschlossen. Aber die meisten fanden es spannend. Es gibt viele Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen, kein Schweinefleisch essen, der Abraham ist im Koran der Ibrahim. Ich habe muslimische Freunde oder auch Freunde, die Pfarrer und Pfarrerinnen sind. Ab und an habe ich auch schon in einer Kirche gepredigt, zum Beispiel im Berliner Dom. Aber das ist ein sehr modernes Konzept unseres Berufs, das sich noch entwickelt. Letztlich sind wir hier doch alle Gäste. Aus biblischer Perspektive gehört dieser Planet sowieso Gott, wir sollten weder einander ausbeuten noch das Land, auf dem wir leben. Das beschäftigt mich sehr. Klimawandel oder Migration, das sind so gegenwärtige Themen. Und die Tora ist für mich ein interessantes Spiegelobjekt, um sich der eigenen Perspektiven klarzuwerden. Natürlich muss ich das mit dem Leben heute füllen, auch in meinen Predigten. Nächstenliebe hört sich erst mal so verklärt an, so nach romantischer Spinnerei, aber sie ist doch so grundlegend für unsere Spezies (Jasmin Andriani).

          „Ich zeige mich auch als Mensch, der mal Liebeskummer hat“

          Ich bin Pastorin einer kleinen evangelischen Kirchengemeinde in Büdelsdorf, einer alten Arbeiterkleinstadt in Schleswig-Holstein am Nord-Ostsee-Kanal. Meine zweite Gemeinde ist auf Instagram, da poste ich christliche Inhalte, aber ich zeige mich auch privat, als Mensch, der auch mal Liebeskummer hat oder bei dem die Wohnung nicht aufgeräumt ist, und mein Leben als alleinerziehende Mutter. Das wird oft kritisiert. Aber ich glaube, die Menschen vertrauen einem Amt heute nicht mehr einfach so. Gerade in meinem Beruf muss man doch nahbar sein. Gleichzeitig ist dieser Beruf sehr einnehmend, mein ganzer Familienalltag wird von ihm bestimmt. Aber er muss doch Platz lassen für mein In-der-Welt-Sein, für meine Lebensthemen. Bestimmte Themen werden gerne von der Kirche tabuisiert. Aber wenn die Kirche in dieser Welt sein will, dann darf sie eben nicht an veralteten Themen festhalten, sondern muss sich öffnen.

          Dazu gehört für mich eindeutig die Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder auch Sex vor der Ehe. Wenn ich das schon höre, mit Menschen, die Sex vor der Ehe haben, breche ich nicht das Brot. Ich bekomme so oft Anfragen „Kannst du mir sagen, ob es eine Sünde ist, Sex vor der Ehe zu haben?“. Natürlich ist es das nicht. Oder wenn Menstruation als unrein beschrieben wird. Man muss doch verstehen, in welcher Zeit die Texte entstanden und was wir heute wissen in der Medizin und über den weiblichen Körper. Mich stört einfach, wie manchmal mit der Bibel umgegangen wird. Wenn aus ihr menschen- oder auch demokratiefeindliche Narrative genommen werden und damit zum Beispiel homosexuelle Christen aus ihrer Gemeinde vertrieben werden. Oder wenn die Bibel dazu benutzt wird, um gegen Muslime zu sein. Die Bibel ist ein wunderbares Buch.

          Josephine Teske, 32 Jahre, ist feministische Pastorin in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein, sie bloggt und postet im Netz über christliche und persönliche Inhalte.
          Josephine Teske, 32 Jahre, ist feministische Pastorin in Büdelsdorf in Schleswig-Holstein, sie bloggt und postet im Netz über christliche und persönliche Inhalte. : Bild: Maximilian Virgili

          Ich habe sie schon als Kind gelesen. Alle meine Freunde waren in der Kirchengemeinde, in dem Dorf in der Uckermark, wo ich aufgewachsen bin. Für mich war dann auch früh klar, dass ich Theologie studieren wollte. Während des Studiums habe ich meine Beziehung zu Gott aber stark in Frage gestellt. Das Studium dauert lange, man braucht Ausdauer, Biss und Ehrgeiz, muss drei Sprachen lernen, Altgriechisch, Hebräisch und Latein. Dann wurde ich schwanger. Und mein Sohn ist bei der Geburt gestorben. Der Nabelschnurknoten hatte sich zu fest zugezogen. Ich habe mit Gott gerungen und ihm Vorwürfe gemacht, aber ich konnte ihn wieder spüren. Und die Vorstellung, dass mein Sohn nicht in dieser kalten Erde ist, hat mir Trost gegeben. Und plötzlich hat sich meine Intention, Pastorin zu werden, gefestigt. Ich dachte, ich kann das, vom Glauben erzählen, von Auferstehung und Seelsorge.

          Bis 2015 habe ich studiert und dann 27 Monate lang das Vikariat in der Nordkirche absolviert. Seit eineinhalb Jahren bin ich jetzt im Berufsleben. Noch ein Grünschnabel. Hier in der Kleinstadt kennen mich die meisten. Am Anfang kam schon mal: Ach, so ’ne junge Pastorin, haben Sie das schon mal gemacht? Oder: Endlich eine Frau mit Kurven. Aber es kommen inzwischen auch viele junge Frauen und Eltern vom Konfirmationstraining. Viele Büdelsdorfer folgen mir auch auf Instagram. Ich habe eine andere Sprache, und ich habe moderne Themen. Sosehr ich selbst Liturgie liebe, so wenig spricht sie andere Menschen noch an. Was bedeutet das, was wir da singen? Wie reden wir im Gottesdienst? Ich will weg von diesen Wahrheitssätzen. Die Kirche muss sich verständlicher machen, und sie muss auch Stellung beziehen. Ich fand es sehr mutig, dass wir als Kirche jetzt ein Schiff ins Mittelmeer geschickt haben, um Menschen zu retten. Darum geht es doch, um klare Botschaften (Josephine Teske).

          „In die Randgebiete der Gesellschaft: unser Auftrag zur Nächstenliebe“

          Wenn mich jemand fragt, warum ich Priester werden will, antworte ich: Aus der Liebe zu Gott folgt die Liebe zu den Menschen, ohne die Liebe zum Menschen kann man nicht Priester werden. Meine Liebe zu Gott ist die grundlegende Beziehung, die alle anderen Beziehungen in meinem Leben prägt. Da ist eine große Sehnsucht da. Wenn ich meine Religion vernachlässige, fehlt mir etwas. Darüber hinaus vermisse ich nichts. Hobbys kann ich ja trotzdem haben. Ich fotografiere zum Beispiel leidenschaftlich gerne. Ich merke, dass trotz aller Enttraditionalisierung und Säkularisierung die Sinnfragen doch eher mehr werden. Es gibt einen großen spirituellen Hunger bei den Leuten.

          Der katholische Glaube wurde bei uns zu Hause schon immer gelebt. An Sonntagen, an Feiertagen, abends beim Essen. Wir haben viel miteinander diskutiert, über die Bibel gesprochen und über unser Verständnis davon im alltäglichen Leben. Wenn jemand in der Schule gemobbt wurde, hat mein Vater gesagt: Da musst du gegen aufstehen!

          Leonard Skorczyk, 25 Jahre, ist Student der Theologie und lässt sich in Regensburg zum Priester ausbilden.
          Leonard Skorczyk, 25 Jahre, ist Student der Theologie und lässt sich in Regensburg zum Priester ausbilden. : Bild: Maximilian Virgili

          Mit 14 Jahren habe ich mit dem Gedanken gespielt, Theologie zu studieren und ins Priesterseminar einzutreten. Als es aufs Abitur zuging, wurde ich mir der Sache immer sicherer. Jetzt habe ich schon alle Prüfungsleistungen erbracht und muss nur noch die Abschlussarbeit schreiben. Dann geht es in die pastorale Praxis. Ich hoffe, dass ich dann bereits in einem Jahr geweiht werde – solang Gott und die Kirche das wollen.

          Schon während des Studiums leben wir zusammen im Priesterseminar. Mit Vollverpflegung und Wohngruppen. Das soll uns auf das priesterliche Leben vorbereiten. Wir lernen das Stundengebet zu festen Zeiten, mehrmals am Tag. Wir versprechen unseren Bischöfen bei der Weihe Gehorsam und folgen ihrer Weisung. Um 6 Uhr stehe ich morgens auf. Um 7 Uhr ist die Heilige Messe. Dann frühstücke ich und fahre in die Uni oder in die Bibliothek. Nach dem Mittagessen beten wir wieder gemeinsam. Dann gibt es spirituelle und praktische Ausbildungseinheiten, wir haben auch Medientraining, lernen den Umgang mit Kindern, Schul- und Jugendarbeit – dazu gehört auch Prävention von Missbrauch.

          Mein Sozialpraktikum habe ich im Krankenhaus auf der Palliativstation absolviert und in einem Gefängnis für schwere Straftäter, Vergewaltiger und Mörder. Franziskus ruft uns immer wieder auf, in die Randgebiete der Gesellschaft zu gehen. Das ist unser Auftrag zur Nächstenliebe. Für Christus selbst war es das höchste Gebot. Ob ich nun einem verirrten Touristen in der Fußgängerzone helfe oder mit meinen Ministranten bei der Obdachlosenspeisung, da mache ich keine Unterschiede.

          Im vierten Studienjahr sollte ich wie ein normaler Student leben, mir selber eine Wohnung suchen, mich selber verpflegen. Das ist so vorgesehen, um unsere Berufung zu prüfen. Im realen Leben ankommen, das ist eine große Herausforderung. Ich habe diese Zeit in den Vereinigten Staaten verbracht, viel fotografiert und viel über eine ganz konkrete Frau nachgedacht. Eine sehr gute Freundin, wir hatten Interesse aneinander. Aber ich habe mich dagegen entschieden, eine Beziehung einzugehen und irgendwann eine Familie zu gründen (Leonard Skorczyk).

          „Wissenschaft und Glaube stehen nicht im Widerspruch!“

          Eigentlich haben wir schon eine wunderschöne Erklärung, wie diese Welt funktioniert. Wir können mit der Astrophysik die Strukturen des Weltalls erklären, wie unsere Sonne und unsere Erde entstanden sind, begreifen wir im Großen und Ganzen. Aber die Radioastronomie beantwortet nicht die großen Fragen des Lebens. Was ist meine Aufgabe hier? Wie sollen wir uns im Miteinander verhalten? Das ist nicht Aufgabe der Physik, aber dafür führt sie uns manchmal an die Grenzen des Mess- und Erforschbaren. Gerade mein Forschungsfeld, die Radioastronomie, führt uns erstaunlicherweise mit dem Urknall an den Anfang von Raum und Zeit, also den Beginn der Welt, und sie führt uns ebenso an den Rand von schwarzen Löchern. Wo die Anziehungskraft so schwer ist, dass ihnen nichts mehr entkommt, weder Licht noch irgendwelche Informationen. Schwarze Löcher bilden die fundamentalen Grenzen unserer Erkenntnis. Weil sie Information scheinbar für immer festhalten und sich an ihren Rändern Raum und Zeit extrem verändern. So bringt mich die Forschung auch immer wieder an Grenzen, bringt mich dazu, noch tiefer nachzufragen.

          Der Astrophysiker Heino Falcke, 1966 in Köln geboren, ist Professor für Radioastronomie an der Radboud- Universität in Nimwegen. Im April 2019 präsentierte Falcke das erste Bild eines schwarzen Lochs – ein Wendepunkt in der Astronomie. Kürzlich erschien sein Buch, zusammen mit Jörg Römer: „Licht im Dunkeln. Schwarze Löcher, das Universum und wir“.
          Der Astrophysiker Heino Falcke, 1966 in Köln geboren, ist Professor für Radioastronomie an der Radboud- Universität in Nimwegen. Im April 2019 präsentierte Falcke das erste Bild eines schwarzen Lochs – ein Wendepunkt in der Astronomie. Kürzlich erschien sein Buch, zusammen mit Jörg Römer: „Licht im Dunkeln. Schwarze Löcher, das Universum und wir“. : Bild: Maximilian Virgili

          Ich war schon so ein nerviges Kind, das seine Eltern immer mit Warum-Fragen nervte und selber Raketen baute. Aber ich hatte auch ein Grundvertrauen und Glauben. Wir waren als Protestanten im katholischen Rheinland immer so ein bisschen in der Minderheit, aber wir sind seit vielen Jahrhunderten in dieser Gemeinde aktiv. Ich selber halte ab und zu Gottesdienste. Der Glaube war für mich ein Prozess. Ich wollte die Bibel auch schon mal an die Wand werfen. Aber ich weiß noch, dass ich mit 14 Jahren das erste Mal das Gefühl hatte, dass Gott plötzlich etwas Nahes war. Bei Gott kann ich Ruhe finden, das ist ein tröstender Gedanke. Und die Schöpfungsgeschichte ist eine wunderbare Geschichte, die uns auf eineinhalb Seiten alles erklärt, was es bedeutet, Mensch in dieser Schöpfung zu sein, die Schritt für Schritt entstanden ist. Die Urknalltheorie liefert dann die physikalischen Details.

          Für mich stehen Wissenschaft und Glaube nicht im Widerspruch. Wir leben in einer Welt die, je mehr wir wissen, immer verunsicherter wird. Durch moderne Techniken und die Naturwissenschaften können wir vieles erklären, aber wir verlieren auch den Blick darauf, wie wertvoll jeder einzelne Mensch ist. Die junge Generation mit allen ihren Möglichkeiten, dem Leistungsdruck und den Erwartungen weiß oft nicht, wohin mit sich. In meiner Schulzeit war das entspannter, Noten waren nicht das Wichtigste, ich habe viel Jugendarbeit in der Gemeinde gemacht. Das fand ich wichtiger. Wir brauchen eine junge Generation von Gläubigen, die den Glauben wieder hinaus- und ihre Altersgenossen mittragen. Meine Tochter ist übrigens eine coole, angehende Pfarrerin, 28 Jahre alt. Sie war super in Physik wie alle meine Kinder, aber keines ist Physiker geworden.

          Die Kirchen waren zu lange und zu sehr mit sich selber beschäftigt und sich ihrer eigenen Botschaften unsicher, die in Liturgie und Struktur gegossen waren, aber nicht immer praktisch gelebt wurden. Glaube, Liebe, Hoffnung, das muss gelebt werden. Zweifel ist wichtig, aber wenn die Kirchen nur Unsicherheit statt Vertrauen ausstrahlen, haben sie ein Problem mit ihrer Kernaufgabe. Es muss eben auch mal geglaubt werden. Das ist gelebte Hoffnung. Wir können nicht alles wissen – auch nicht in der Naturwissenschaft (Heino Falcke).

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