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Stuttgart 21 : Verzichtet auf die futuristischen Pickel

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Stuttgarts Kopfbahnhof bleibt auch ohne seine Funktion ein Haupt der Stadt Bild: dpa

Teilabriss oder Erhaltung? Der Streit um Stuttgarts Hauptbahnhof geht weiter - auch vor Gericht. Der Architekt Arno Lederer plädiert für einen Kompromiss.

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          Beim Lucanus cervus, dem Hirschkäfer, kann es vorkommen, dass er sich im Kampf mit einem Kontrahenten untrennbar mit dessen Geweih verhakt. Den Streithähnen in Stuttgart, die um das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 kämpfen, ergeht es nicht anders. Schon lange hat man sich die Argumente um die Ohren geschlagen, Zahlen hin und her geschleudert, die die Vorteile der einen oder anderen Lösung beweisen sollen.

          Die erheblichen Mehrkosten würden aus dem geliebten „Stuttgarter Kessel“ ein Fass ohne Boden schaffen, so die einen, der Kessel werde durch den neuen Bahnhof bis zum Rand mit Wohlstand gefüllt, so die anderen. Der schmale Strang, der beide verbindet, ist die zukünftige Bahnstrecke nach Ulm, die alle haben wollen. Aber auch dieser mutiert zum seidenen Faden, denn seine Funktionstüchtigkeit wird zunehmend in Frage gestellt, und auch die Finanzierung bereitet offensichtlich Kopfzerbrechen. Montag für Montag versammeln sich die Gegner zur Demonstration. Ihre Zahl hat sich entgegen den Erwartungen von Bahn, Land und Stadt nicht vermindert, sondern eher vergrößert. Oben oder unten, lautet die Devise, Kopf- oder Durchgangsbahnhof, als gäbe es keine andere Lösung. Wirklich?

          Peter Dübbers, direkter Nachkomme des Architekten Paul Bonatz, kämpft unter Berufung auf das Urheberrecht für die Erhaltung der Seitenflügel des Bonatzschen Baus, die zugunsten des von Christoph Ingenhoven geplanten neuen abgerissen werden sollen; den Rumpf des Altbaus, dem die Gliedmaßen fehlen würden, möchte die Bahn allerdings behalten.

          Der Entwurf von Bonatz und Scholer ist ein exzellentes Beispiel, wie ein Bauwerk untrennbar mit der Stadt verbunden werden kann: Hauptmerkmal der Wettbewerbsarbeit von 1914 war die Abkehr von den symmetrisch arrangierten Baukörpern, die bis dahin die Bahnhofsarchitektur auszeichneten. Deren architektonisches Konzept basierte auf Austauschbarkeit. Nicht so das Stuttgarter Gegenstück: Nahtlos aus den städtebaulichen und topographischen Bedingungen heraus entwickelt, stellt es einen neuen Typ eines Verkehrsbauwerks dar, das nur an diesem Ort stehen kann.

          International wird Stuttgarts Bahnhof gerade deshalb hoch geschätzt. Nur in der eigenen Stadt ist das weniger der Fall. Das liegt vorrangig an der teilweise fatalen laienhaften Einschätzung der Architektur wie auch der Person des Architekten: Paul Bonatz, der übrigens nie Mitglied der NSDAP war, gehört als Vertreter der Stuttgarter Schule zu jenen Kreisen, die zu Unrecht in direkte Verbindung mit dem Dritten Reich gebracht werden - und so leidet sein Monumentalbau unter den Ressentiments, die eigentlich seinem Erbauer gelten.

          Lichtauge oder Pickelhaut?

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