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Studie zur „Herdprämie“ : Ein Fall von Tendenzforschung

Ist das Geld der wichtigste Anreiz, das Kind nicht in die Kita zu schicken? Bild: dpa

Eine vom Familienministerium in Auftrag gegebene Studie will herausgefunden haben, dass das Betreuungsgeld die Bildungschancen von Migrantenkindern schmälert. Doch die Untersuchung ist methodisch fragwürdig und liefert verzerrte Ergebnisse.

          Haben sich die schlimmsten Befürchtungen bestätigt, wie man jetzt beim stichflammenhaft aufflackernden Betreuungsgeldstreit landauf, landab lesen konnte? Kinder aus Migrantenfamilien werden, so heißt es empört, in den ersten drei Lebensjahren vom nötigen Deutschsprechen abgehalten, wenn sie nicht in die Kita gehen. Aber wieso soll das eigentlich so schlimm sein? Selbst in den Fällen, in denen zu Hause gar nicht deutsch gesprochen wird, braucht eine Karriere in Deutschland jedenfalls nicht deshalb zu scheitern, weil man erst im Kindergarten, vom vierten Lebensjahr an, mit der deutschen Sprache in näheren Kontakt kam. Der Mythos „frühkindliche Bildung“ gehört demontiert! Zumal er wissenschaftlich hoch umstritten ist.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Man muss die Schlacht um das als „Herdprämie“ geschmähte Betreuungsgeld wahrhaftig nicht neu schlagen wollen. Die Argumente wurden ausgetauscht, die Entscheidungen sind gefallen, zum 1.August wird der Betrag von 100 auf 150 Euro angehoben. Die Familienministerin Manuela Schwesig (natürlich keine Freundin dieser Prämie) setzt im Übrigen auf das Bundesverfassungsgericht, was ihr gutes Recht ist. Gleichsam als Tischvorlage fürs Gericht hat sie eine Studie in Auftrag gegeben, die unter anderem die Effekte des Betreuungsgeldes erforschen sollte. Der Einfachheit halber ging dieser Auftrag gleich an eine aus den Geldtöpfen des Familienministeriums geförderte Einrichtung: ans Deutsche Jugendinstitut in München, dessen Direktor Thomas Rauschenbach zugleich Leiter des Forschungsverbunds der TU Dortmund ist – jener anderen Gliederung „wissenschaftsbasierter Dienstleistung“, die als Koautor der Studie auftritt. Man nennt das auch Forschung aus einem Guss.

          Deren Ergebnisse sind noch gar nicht in eine abgestimmte, publizierbare Form gebracht, da werden sie auch schon einer Nachrichtenagentur zugespielt, die dafür sorgt, dass die Nation Gewissheit erhält: Schwesigs Forscher wollen herausgefunden haben, dass zumal Migrantenfamilien und Kinder aus bildungsfernen Milieus allein um der Herdprämie willen der Kita-Betreuung fernbleiben und damit ungleiche Bildungschancen verfestigt würden.

          Gründe könnten woanders liegen

          Schaut man sich jedoch die dem Ergebnis zugrundeliegende Befragung an, so fällt die Alternativlosigkeit auf, mit der hier nach dem Betreuungsgeld als dem „Anlass“ gefragt wird für den Fall, dass das Kind nicht in eine Kita gegeben werden soll. Die Befragung fand obendrein vor Einführung des Betreuungsgeldes statt und konnte also nur die Pläne, nicht das tatsächliche Verhalten der Eltern erheben. Nicht nur begrifflich ist es fragwürdig, nach einem „Anlass“ zu fragen und die Antwort dann umstandslos als „Grund“ zu interpretieren (Thukydides lässt grüßen).

          Warum aber gibt man in der Frage nicht auch Antwortmöglichkeiten vor, die explizit andere Gründe als das Geld zum Ankreuzen vorsehen? Mit anderen Worten: Warum sollen Eltern mit Migrationshintergrund nicht auch ankreuzen können, dass sie ihre Kinder in den ersten drei Jahren deshalb zu Hause behalten, weil sie das aus anderen Gründen als dem Erhalt der Herdprämie für richtig halten: aus Gründen der Erziehung, der Bindung ihres Nachwuchses oder weil es sich einfach um ein noch wenig belastbares Kind handelt? Oder weil die Qualität der Einrichtung zu wünschen übriglässt, wie das bei etlichen der ehemaligen Ladenlokale der Fall ist, die jetzt in Windeseile zur Kita umfunktioniert werden? Nicht allen Eltern ist wohl dabei, wenn ihre Kinder hinter Schaufensterglas von Passanten begafft werden und keine Auslauffläche im Freien zur Verfügung haben.

          Der selektive Fragemodus verzerrt die Ergebnisse im Ganzen. Gerade Eltern mit Migrationshintergrund, die des Deutschen vielleicht nicht so mächtig sind, können hier leicht in die Irre geführt werden: Mangels inhaltlicher Alternativen kreuzt man als Grund für den Kita-Verzicht das allein in Kästchenform ausgeschilderte Betreuungsgeld an, das ja als ein Faktor im Ursachenbündel durchaus mit im Spiel sein kann, auch wenn die entscheidenden, aber eben im Frageraster nicht benennbaren Gründe woanders liegen mögen. Wie viele Befragte haben sich wohl gedacht: lieber eine Version ankreuzen, die nicht ganz zutreffend ist (aber eben auch nicht völlig danebenliegt), als gar keine inhaltliche Aussage in einer Sache zu machen, die mich doch betrifft. Wir haben hier ein Stück Tendenzforschung, das die schlimmsten Befürchtungen wenn nicht erfüllt, so doch übertrifft.

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