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Streitgespräch : YouTube ist heute unser Warhol

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Die Zukunft ist global und digital: auf der Cebit 2007 Bild: dpa

Gibt es im Internet-Zeitalter überhaupt noch Arbeit? Ein Streitgespräch zwischen dem Unternehmer Hubert Burda und dem Altlinken Albrecht Müller über Wege aus der depressiven Gesellschaft und den Kampf um Aufmerksamkeit als Währung der Gegenwart. Von Frank Schirrmacher.

          11 Min.

          Kann der Staat dem Einzelnen noch helfen? Hubert Burda, Jahrgang 1940 und einer der wichtigsten Medienunternehmer Deutschlands, propagiert die wirtschaftliche Freiheit: Wir leiden heute noch unter den Weichenstellungen, für welche die Achtundsechziger-Generation verantwortlich ist. Burda ist ein Optimist, wenn es um Kreativität geht, aber ein Pessimist, was die sozial- und wirtschaftspolitischen Strukturen unseres Landes betrifft. Die Zukunft liegt für ihn in den neuen Medien. Sein alter Weggefährte Albrecht Müller, Jahrgang 1938 und einst Leiter des Planungsstabs unter den Kanzlern Brandt und Schmidt, rechnet heute in Büchern und in seinem Web-Blog www.nachdenkseiten.de mit der wirtschaftlichen und politischen Elite ab. Er ist das Gegenteil von Burda: ein Optimist, der die Strukturen bewahren will, und ein Pessimist, was die Arbeitsmöglichkeiten großer Bevölkerungsteile im Zeitalter der neuen Medien betrifft. Wir baten die beiden zum Streitgespräch: Wie kommen wir heraus aus der depressiven Gesellschaft?

          Meine Herren, hier treffen ja Welten aufeinander. Werden Sie sich auch vertragen?

          Müller: Wenn wir uns vertragen, dann liegt das sicher auch an der Grundliberalität von Hubert Burda.

          Zwei Männer, zwei Gedankenwelten: Albrecht Müller (l.), Hubert Burda

          Burda: Liberalität ist ein Teil der eigenen Kreativität. Es gibt keinen kreativen Menschen, der nicht liberal ist. Kreativität entsteht nicht bei den Gewerkschaften und auch nicht im konservativen Lager. Warum ist Amerika so weit vorn? Dort ist Woodstock noch gar nicht so lange her. Wir hatten damals in Deutschland Roy Black und Uschi Glas. Bei uns wurde seit 1967/68 alles politisch mit diesem eigenen moralischen Anspruch verknüpft, der wie eine Ersatzreligion praktiziert wurde und die Welt in politisch Korrekte und Unkorrekte einteilte. Das gab es im Ansatz auch in Amerika, aber ohne Politisierung in Richtung Marxismus.

          Müller: Als wir uns in den Sechzigern kennenlernten, war Hubert Burda eher mit Marxisten zusammen. Ich gehörte vor 1968 zu einer Gruppe von Reformern - nicht zu verwechseln mit den heutigen, die den schönen Begriff „Reform“ missbrauchen. Wir hatten schon als Ökonomiestudenten gelernt, dass der Markt gelegentlich versagt und der Korrektur bedarf.

          Burda: Ich hatte immer Mordsrespekt vor jemandem, der sich in der Ökonomie so gut auskennt. Ich war der typische Geisteswissenschaftler: Kunstgeschichte, Soziologie und so weiter. Und mich haben immer Menschen angezogen, die ganz anders sind als ich. Wir haben uns irgendwann aus den Augen verloren. Du bist dann in die Politik gegangen, gewissermaßen in das hinein, was aus der Achtundsechziger-Zeit herauskam, die sozial-liberale Koalition.

          Welches sind für Sie die Schlüsselfiguren aus der damaligen Zeit?

          Burda: Für mich waren das sicherlich die „Beatles“, die „Rolling Stones“, Janis Joplin und ihr Song „Me and Bobby McGee“, in dem es heißt: „Freedom's just another word for nothin' left to lose“ - das war eine Hymne, wie auch die Songs von Bob Dylan und Van Morrison. In der Kunst, Malerei waren es Beuys und die Künstler der Pop-Art, vor allem Warhol.

          Im Nachhinein könnte einem diese Zeit wie eine Anomalie vorkommen, wie etwas, was nie wiederkehrt. Würden Sie sagen, dass damals entscheidende Weichen, was Hoffnungen auf Chancengleichheit und Produktivität betrifft, falsch gestellt worden sind? Gibt es etwas, das dazu geführt hat, dass wir heute in einer eher depressiven Gesellschaft leben?

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