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Streit ums Humboldt-Forum : Kniet nieder!

Die Schlosskuppel mit dem vermeintlichen Bibelspruch Bild: dpa

Claudia Roth will einen frommen Spruch an der Schlosskuppel überblenden lassen. Ist das Abendland in Gefahr, wie ihre politischen Gegner jetzt behaupten?

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          Es gibt Streit in Berlin, um das Schloss und ein Bibelzitat, das, in goldener Schrift vor blauem Grund, unter der Schlosskuppel steht – und anscheinend hat dieser Streit sehr viel damit zu tun, dass das Schloss kein Schloss ist und das Bibelzitat kein Bibelzitat. Und dass man, weil das alles so verwirrend ist, die Sache am besten auf sich hätte beruhen lassen. Als das Schloss nämlich noch ein Schloss werden sollte (und nicht der Mehrzweckbau, der daraus jetzt geworden ist), eine exakte Re­konstruktion der Hohenzollernresidenz im Zustand vor ihrer Zerstörung, da gehörte das vermeintliche Zitat eben dazu; und die Frage, was es uns sagen wolle, spielte nur eine un­tergeordnete Rolle.

          Friedrich Wilhelm IV. hat den frommen Spruch selbst kompiliert, er hat dazu einen Satz aus der Apostelgeschichte und einen aus den Philippern genommen – ein sinnvolles Ganzes ergeben sie nicht, auch wenn man aus dem zweiten Teil die Forderung herauslesen kann, dass alle Welt, die Lebenden und die Toten, vor Jesus Christus die Knie beugen solle. Die Verwunderung darüber, dass diese Forderung über dem Humboldt-Forum stehen würde, einem Ort also, wo die Kulturen und Religionen der Welt einander doch gleichberechtigt begegnen dürfen, hat, als es so weit war, ganz das Staunen darüber verdrängt, dass ein König sich einst angemaßt hat, die Bibel neu zu schreiben. Friedrich Wilhelm IV. ist eine ambivalente Figur; wer in ihm nur den Verächter der Revolution und Feind aller Emanzipation sieht, unterschätzt ihn vermutlich. Aber dass der Spruch an der Kuppel ein Ausdruck der Demut sei, wäre sicher eine allzu wohlwollende Interpretation.

          Sich aus der Bibel zu bedienen, sie gewissermaßen umzuschreiben, ist im Grunde eine blasphemische Tat – und eher als seine Frömmigkeit wollte der König damit wohl seine Macht, seine gottgegebene Herrschaft demonstrieren. Weil das aber lange her ist, weil ohnehin kaum jemand hinaufschaut zu der Schrift, und weil die Botschaft ziemlich schwer verständlich ist, wäre es ganz sicher am besten gewesen, den Satz dort stehen und langsam verblassen und verwittern zu lassen.

          Claudia Roth, die Kulturministerin, will jetzt aber, im Rahmen eines Kunstprojekts, Friedrich Wilhelms Spruch überblenden oder mit einer Licht­in­stal­la­tion überschreiben lassen in der Dunkelheit – mit der Folge, dass die Schrift, die doch schon so gut wie vergessen war, jetzt die Aufmerksamkeit jener Leute erregt, die das Buch der Bücher, statt darin zu lesen, am liebsten anderen Leuten um die Ohren hauen.

          Es steht dort oben ja nicht: „Du sollst nicht töten!“ Oder: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!“ Trotzdem wird Claudia Roth als Abendlandsverräterin be­schimpft. Martin Huber, Generalsekretär der CSU, sah unter der Schlosskuppel „das Fundament unserer Werte“ in Gefahr. Julia Klöckner twitterte, dass „ein offenes Land auch offen für seine Wurzeln, das Christentum, stehen“ dürfe. Die deutsche Kultur, so muss man das wohl verstehen, braucht dringend einen Zahnarzt.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

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