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Streit um Völkerkundemuseum : Erhobenen Hauptes

  • -Aktualisiert am

Momente des Friedens: Das Palais Weimar beherbergt das Heidelberger Völkerkundemuseum. Bild: Museum

„House of Cards“ ist nichts dagegen: Die Heidelberger streiten sich ausdauernd um ihr Völkerkundemuseum. Mit im Spiel: ein Gelatinekönig, eine müde Museumsdirektorin und eine Reihe aufgebrachter Akademiker.

          Am Ende will niemand mehr reden. Die Direktorin des Museums nicht, dessen Betrieb hier in Frage steht; der Sparkassenmensch nicht, der mit hochrotem Kopf den Frontsoldaten mimt; der Oberbürgermeister nicht, der nun die Museumsstiftung führt und dabei zuerst die Gehälter einfror und dessen Kulturbürgermeister der Direktorin gar mit einer Anzeige drohte, als sie die „erpresserischen Praktiken“ der Stadt mit der Zeit „von 1933 bis 1945“ verglich. Das Ganze ist wie Privatfernsehen, nur in reich und real.

          Der Streit dauert schon länger als zwei Jahre (F.A.Z. vom 19. Dezember 2016), die Fronten sind mehr als verhärtet. Auf der einen Seite stehen Peter Koepff, millionenschwerer Gelatinekönig, und Margareta Pavaloi, Direktorin des Heidelberger Völkerkundemuseums. Koepff war bis vor kurzem Vorsitzender des Kuratoriums der Portheim-Stiftung, die vom jüdischen Kristallographen Victor Goldschmidt 1919 gegründet wurde, um nach seinem Tod die Geschicke der von ihm aufgebauten Institute und ethnologischen Sammlungen unabhängig von Universität und Kultusministerium zu halten. Doch bald darauf übernahmen die Nationalsozialisten die Stiftung und verscherbelten einen Großteil der Bestände. Wie der Stadt Carl Neinhaus (zuerst NSDAP-, dann CDU-Bürgermeister), so blieb der Stiftung nach dem Krieg der Einfluss von Rathaus und Uni erhalten: Ihre Vertreter verschafften sich „ewige“ Sitze im Kuratorium.

          Sie wählten ihn ab, während er im Urlaub war

          Vor dem Krieg besaß die Stiftung 85 Grundstücke in ganz Heidelberg, nach dem Krieg noch 47. Unter ihrer Ägide wurden die entweder zu Spottpreisen verpachtet oder nach und nach weiterverschachert, um das Defizit des Museums zu decken, in dem die verbliebenen Sammlungen nun lagern; das sind zurzeit gut 200 000 Euro pro Jahr. Heute besitzt die Stiftung bloß noch siebzehn Grundstücke. Koepff und Pavaloi wollten Schluss damit machen. Eine Erhöhung der städtischen Zuschüsse forderte Pavaloi vergangenes Jahr im Sommer, von 7320 Euro auf fast 400 000 jährlich. Sonst müsse das Museum bald schließen.

          Hier kommen nun die Gegner ins Spiel – alle anderen Kuratoriumsmitglieder nämlich. Das sind: Siegbert Moraw aus dem Vorstand der Heidelberger Sparkasse; deren Verwaltungsratschef (und zugleich Oberbürgermeister) Eckart Würzner, der als Stadtvertreter im Kuratorium sitzt und sich die meiste Zeit durch den Kulturbürgermeister Joachim Gerner vertreten ließ; der Unternehmerfamilienspross Günter Reimann-Dubbers, der Koepff in einer E-Mail auf Französisch empfahl, sich doch zu „verpissen“; die junge Ethnologin Verena Keck, die sich mit einer Arbeit über eine Nervenkrankheit auf Guam habilitierte; die Indologin Monika Boehm-Tettelbach, die lange an der Heidelberger Uni lehrte.

          Misswirtschaft und Einflussnahme

          Rasch gaben sie eine Erklärung heraus, in der sie der Direktorin vorwarfen, mit ihrem Gang an die Lokalpresse „Druck“ auszuüben auf den Gemeinderat, und Abstand nahmen von der Forderung nach mehr Geld. Koepff wählten sie ab, während der im Urlaub war, und Moraw zum neuen Vorsitzenden. Einige Tage später wollte der sich von Pavaloi eine „Geschäftsordnung“ unterschreiben lassen, die ihr jeglichen Kontakt mit der Presse und die Einstellung neuer Mitarbeiter ohne Zustimmung des Kuratoriums verboten hätte – Pavaloi weigerte sich. Die Abwahl Koepffs wurde später für ungültig erklärt. Schnell offenbaren sich Interessenskonflikte: Moraw wollte den Verkauf eines Stiftungsgrundstücks über die Sparkasse abwickeln. Und Gerner soll die Interessen der Stadtverwaltung vertreten, die die Portheim-Stiftung jahrzehntelang mit Krümeln abgespeist hat, ja, daran teilhatte, deren Vermögen Stück für Stück abzutragen – und er soll zugleich die Interessen der Portheim-Stiftung vertreten, die nun auch etwas vom Kulturkuchen abhaben möchte.

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