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Streit um Völkerkundemuseum : Erhobenen Hauptes

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Eine Intrige? In einem Papier an die Fraktionen schrieben die anderen Kuratoren, die Experten hätten gefordert, „dass dringend ein neues, auch aktuelle Themen aufgreifendes Museumskonzept entwickelt werden sollte“. Da ist es also wieder: das „tragfähige Konzept“. Doch ausgerechnet die Museumsleiterin schlossen sie von der Erarbeitung aus – ein Verstoß gegen die Satzung, findet Pavaloi. Stattdessen schrieben es Keck und Boehm-Tettelbach, beide ohne Erfahrung im Museumsbetrieb. Es behandele „hochaktuelle Fragestellungen“ wie „Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus, Diversity“, heißt es in einer Stellungnahme. Nur: Welches ethnologische Museum tut das nicht? „Das ist doch kein Konzept, das sind bloß Schlagworte“, meint Pavaloi.

Außen- und Innenansichten des Museums im Palais Weimar.

Was aber steht denn nun drin? Boehm-Tettelbach frohlockt am Telefon, sie würde es gerne weitergeben, könne das aber „mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren“. Gerner hält ein Papier hoch, „darf ich Ihnen aber nicht geben, sondern nur der Vorsitzende, sonst schreibt mir wieder sein Anwalt“. Koepff will es nie bekommen haben, lediglich ein allgemeines Tourismuskonzept Gerners zur Entwicklung des Neckarufers: „Die haben nichts in der Hand, das ist doch klar“, meint er: „Das ist bloß ein Vorwand. In Wahrheit will Gerner das Museum dem städtischen Kulturbetrieb einverleiben.“

Tatsächlich: Falls die Stiftung sich aus eigenen Mitteln nicht mehr finanzieren kann und aufgelöst wird, fällt sie laut Satzung der Stadt Heidelberg zu – eine Änderung, für die Carl Neinhaus verantwortlich war. Das sei doch „Kaschberletheader“, entgegnet Gerner.

Auch Moraw sagt Koepff solche Ambitionen nach: Als beide nach einer Kuratoriumssitzung zusammen im „Roten Ochsen“ deftig speisten, habe dieser seinen wirklichen Plan für das Museum verraten – es müsse „sobald wie möglich“ geschlossen werden. Die Einnahmen aus den Grundstücken sollten stattdessen einmal im Jahr „im Sinne der Stifter“ an Kulturinstitutionen verteilt werden. Dafür gibt es sogar einen Zeugen, den emeritierten BWL-Professor Hans Frotz.

Die Bausubstanz bröckelt

Seltsame Szenen spielen sich ab, der Streit geht mehrmals vor Gericht. Keck und Boehm-Tettelbach treten zurück. Ganze Sitzungen lang streitet sich das Kuratorium darüber, ob man überhaupt schon in die Tagesordnung eingetreten sei. Hinter der Forderung Gerners und Moraws, Garten und Museum auch vom Neckarufer aus zugänglich zu machen, wittert Pavaloi die Absicht, dort Latrinen für die mit Bussen in die Stadt gekarrten Touristen aufzustellen. Ihr wiederum werfen die beiden vor, „sich im Elfenbeinturm zu verstecken“. Gerade einmal 5000 Besucher seien 2016 im Museum gewesen. Pavaloi hält dagegen: „Jeder Besucher kostet Geld, so ist das nun mal im Kulturbetrieb!“ Sie könne ihr Museum nur wenige Stunden am Tag öffnen, habe auch noch andere Aufgaben: Digitalisierung, Provenienzforschung und vor allem die Pflege der Sammlung, ohne die der Ausstellungsbetrieb gar nicht möglich wäre.

Pavaloi ist eine Getriebene: Vor acht Jahren hat sie das letzte Mal Urlaub genommen, wohnt sogar im denkmalgeschützten Museumsgebäude, ist quasi mit ihm verwachsen. Die Bausubstanz bröckelt: Es gab Risse in der Außenmauer, die Steine hätten womöglich Touristen erschlagen, und bei Hochwasser wird mangels Isolierung schon mal die zum Neckar gelegene Bootshalle überflutet. Eine große Sanierung steht an, die erste überhaupt seit Jahrzehnten. Das Defizit wird dadurch nicht kleiner. Um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten, gab Koepff schon fast 300 000 Euro aus eigener Tasche dazu.

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