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Streit um Garnisonkirche : Lernort Potsdam

  • -Aktualisiert am

Ein künftiger deutscher Lernort, mit Spenden und Bundesmitteln finanziert: die Baustelle des Turms der Garnisonkirche in Potsdam Bild: ZB

Was Künstler, Architekten und Stadtplaner in einem offenen Brief zum Wiederaufbau der Potsdamer Garnisonkirche fordern, klingt auf den ersten Blick plausibel und auf den zweiten absurd.

          Die Potsdamer Garnisonkirche war ein Symbol in mehrfacher Hinsicht. Ab 1730 in hochbarockem Stil errichtet, stand sie für den Geist des alten Preußen, das sich hier als Einheit von Kirche und Militär unter der Obhut des Staates inszenierte. In der Weimarer Republik diente sie als Festkulisse reaktionärer Soldatenbünde. Und am 21. März bildete sie den Rahmen für den „Tag von Potsdam“, bei dem der Händedruck zwischen Hindenburg und Hitler das Bündnis des NS-Regimes mit den Deutschnationalen besiegelte.

          Später dann, bevor sie im Bombenkrieg ausbrannte und 1968 auf Geheiß Walter Ulbrichts gesprengt wurde, war die Garnisonkirche das Gemeindegotteshaus des Infanterieregiments 9, aus dem viele Verschwörer des 20. Juli hervorgingen, darunter Tresckow und Axel von dem Bussche. Kein einfaches Bauwerk also, sondern ein vieldeutiges, zeichenhaft für die schlimmsten wie für einige bessere preußische Traditionen.

          Sind Regimentsfahnensprüche rechtsradikal?

          Aber das ist den Verfassern eines offenen Briefs, den zahlreiche berufene Geister von Kasper König bis Klaus Staeck unterzeichnet haben, zu kompliziert. Sie fordern eine Demilitarisierung des Turms, der anstelle des vollständigen Kirchenbaus als Lernort mit Spenden- und Bundesmitteln wiedererstehen und dabei auch seinen alten Schmuck aus steinernen Fahnen, Helmen und Harnischen bekommen soll. Und sie verlangen den Abriss des Glockenspiels, das die Stadt Potsdam 1991 als Geschenk eines inzwischen aufgelösten rechtslastigen Traditionsvereins empfing und seither als Gedenkort nutzt. Beides klingt auf den ersten Blick plausibel und auf den zweiten absurd.

          Denn die „rechtsradikalen Widmungen“, welche die Briefschreiber an den Glocken entdeckt haben, bestehen bei näherem Hinsehen aus einem Regimentsfahnenspruch („Kein Unglück Ewigk“), dem Motto des königlichen Schwarzen Adlerordens („suum cuique“), das auch an deutschen Schlössern und Gerichtsgebäuden prangt, und einer Dedikation an den adelsfeindlichen Berliner Polizeipräsidenten Hinckeldey. Und die „Verherrlichung von Kriegsgerät“, die den barocken Turmverzierungen angekreidet wird, ist angesichts des Wappenschmucks süddeutscher Fürstenresidenzen der reine Witz.

          Das größte Eigentor aber haben sich die Verfasser mit einem Satz geschossen, der so tut, als verstünde er sich von allein: „Die Rekonstruktion der Architektur ist für einen Lernort ohnehin entbehrlich.“ Wie soll man denn die Symbolik eines Ortes begreifen, den man nicht sieht? Und wo könnte man besser lernen, wofür die Garnisonkirche in ihrer Geschichte stand, als in der Garnisonkirche selbst?

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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