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Streit um die Landshut : Armer alter Vogel

  • -Aktualisiert am

Da waren alle noch voller Hoffnung: Die „Landshut“ bei ihrer Verladung 2017 in Friedrichshafen Bild: EPA

Wo soll die 1977 von Terroristen entführte „Landshut“-Maschine hin? Manche Vorschläge der Kulturstaatsministerin Grütters halten Überlebende für „verrückt“.

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          Eigentlich schien die Messe doch gelesen. Am Ende einer Nachtsitzung gab der Haushaltsausschuss des Bundestags unlängst fünfzehn Millionen für die öffentliche Zurschaustellung der „Landshut“ frei. Mit der einen Hälfte des Geldes sollte das 1977 von palästinensischen Terroristen gekaperte und von der GSG 9 befreite Flugzeug, das der Enkel des Flugzeugpioniers Claude Dornier im Sommer 2017 von einem brasilianischen Schrottplatz geborgen hatte, restauriert und als „Zeichen der wehrhaften Demokratie“ in einem neuen Hangar-Museum in Friedrichshafen präsentiert werden.

          Mit der anderen Hälfte sollten die Betriebskosten bezuschusst werden. Die Dornier-Familie, die in Friedrichshafen ein Technikmuseum betreibt, würde ein Privatgrundstück zur Verfügung stellen. So der Plan. Jetzt aber droht der „Landshut“ eine zweite Kaperung. Und zwar im Zuge eines erinnerungspolitischen Verteilungskampfs. Kulturstaatsministerin Monika Grütters positioniert sich offenbar neu, und zwar frontal gegen Friedrichshafen. Nach Informationen des Deutschlandfunks traut sie den Akteuren in Friedrichshafen nicht mehr zu, „so ein wichtiges Projekt auf Dauer zu stemmen“. Früh schon hatte Grütters von Dornier gefordert, dass er die jährlichen Betriebskosten in Höhe von rund 300 000 Euro bezahlen solle. Diesen Wunsch wollte er ihr aber offenbar nicht erfüllen und zog stattdessen mit Hilfe eines Biberacher SPD-Bundestagsabgeordneten den Haushaltsausschuss auf seine Seite.

          Darüber ist Grütters offensichtlich so erzürnt, dass sie den Standort Friedrichshafen nun grundsätzlich in Frage stellt. Einen Verbündeten hat sie dabei im Gemeinderat von Friedrichshafen, der – nicht ganz zu Unrecht – von Beginn an monierte, dass die „Landshut“ mit der Historie der Stadt nichts zu tun habe. Wohin soll jetzt aber der arme alte Vogel, dessen rostiger Torso mit abgeschraubten Tragflächen in einem abgelegenen Hangar am Bodensee auf seine versprochene Wiederauferstehung wartet? Nach Berlin natürlich, ins ehemalige aeronautische Herz der Hauptstadt, nach Tempelhof. Dann hätte man endlich irgendetwas, mit der man diese umkämpfte Leerstelle zuparken könnte. Dafür brauche man aber mindestens fünfzehn Jahre, geben Grütters’ eigene Beamte zu bedenken. Also ab damit ins Militärhistorische Museum der Bundeswehr nach Berlin-Gatow – dagegen gibt es wiederum Widerstand aus den Reihen der Überlebenden. Dann eben nach Sankt Augustin-Hangelar, wo sich das Hauptquartier der GSG 9 befindet – aber es war ja ein „begehbares Stück Zeitgeschichte“ angekündigt, kein Erbauungszeichen für den Korpsgeist.

          Verrückter Vorschlag

          Na gut, so drohte die entnervte Grütters zuletzt, dann zerlegen wir den Vogel halt, und jeder bekommt einen Teil seines Gefieders. Eine Tür geht nach Bonn, ein Klapptisch nach Leipzig, eine Armlehne nach Stammheim. Dezentral ist doch ideal. Das halten nun aber die ehemaligen Geiseln für „verrückt“ und fordern gleich ein „Museum des Deutschen Herbstes“. Was soll von alldem nur der arme alte Vogel am Bodensee halten? Hättet ihr mich doch einfach in Brasilien einschlafen lassen.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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