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Streit um Museumsdefinition : Was tun wir hier überhaupt?

Sind menschliche Überreste, deren Herausgabe unbedingt geboten ist, das Paradigma für alles Museumsgut? Ein Repräsentant der australischen Gemeinschaft der Ngarrindejeri holte im November 2019 Gebeine seiner Vorfahren in Dresden ab. Bild: dpa

Was ist ein Museum? Ein „demokratisierender Raum“? Und keine permanente Institution, mit Adresse und Sammlung? Im Weltverband der Museen tobt ein Definitionsstreit, der auch die deutsche Sektion spaltet.

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          Wer weiß nicht, was ein Museum ist? Jedermann versteht den Satz: Das gehört ins Museum. Er kann zweierlei bedeuten. Einerseits: Das ist veraltet, nicht mehr zu gebrauchen. Andererseits: Das ist wertvoll, sollte zur Schau gestellt werden. Zusammengenommen: Ein Museum ist ein Ort zur Verwahrung von Dingen, die nicht mehr in Gebrauch sind und stattdessen in Augenschein genommen werden. Mit dem Duden: ein „Institut, in dem Kunstwerke sowie kunstgewerbliche, wissenschaftliche, technische Sammlungen aufbewahrt und ausgestellt werden“.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Seit 1946 gibt es eine Dachorganisation für die Museen der Welt, den Internationalen Museumsrat (ICOM). Seine Satzung enthält eine Definition des Museums, die von Zeit zu Zeit der Zeit angepasst wird. Alle drei Jahre finden Generalversammlungen statt. In Kyoto sollte im September 2019 über eine Neufassung der Museumsdefinition abgestimmt werden. Die Abstimmung wurde vertagt, weil etliche nationale Verbände Bedenken anmeldeten, darunter Frankreich und Deutschland, aber auch Iran und Russland. Im deutschen Nationalkomitee, einem Verein von etwa 5000 Museumsfachleuten, hat das Abstimmungsverhalten seiner Delegation Widerspruch hervorgerufen. Per Umfrage wurde ein Meinungsbild erhoben, das im März auf einer Zusammenkunft in Hamburg vorgestellt werden soll.

          Wer mit dem Berufsbild des Museumsbeamten eine Neigung zum stillen Arbeiten assoziiert, wird überrascht sein, mit welcher Heftigkeit dieser Streit um Worte geführt wird. Im Jüdischen Museum Berlin trafen jetzt zwei Exponenten der Debatte aufeinander, Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsens und Mitglied des Weltvorstands von ICOM, und Markus Walz, Professor für Museumskunde in Leipzig und Vorstandsmitglied des deutschen Vereins. Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin, die ein Seminar zum Museumsbegriff absolviert hatten, moderierten das Streitgespräch und stellten präzise Fragen. Worüber wird gestritten?

          Zum Wohl des Planeten

          Der erste Satz der neuen Definition lautet: „Museen sind demokratisierende, inklusive und polyphone Räume für kritischen Dialog über die Vergangenheiten und die Zukünfte.“ Die Definition umfasst vier Sätze, deren letzter den Museen das Ziel aufgibt, „zur Menschenwürde und sozialen Gerechtigkeit, zur globalen Gleichheit und zum Wohl des Planeten beizutragen“. Walz monierte, dass das Museum nicht mehr wie in der gültigen Fassung von 2007 als „permanente Institution“ bezeichnet wird. Vor dem Berliner Schlagabtausch mochte man glauben, diese Wörter seien angesichts der Verlängerung der Definition um einen Katalog in mehrfacher Hinsicht globaler Zielvorgaben aus Platzgründen gestrichen worden, die neue Definition, die den gesamten Planeten zum Gegenstand kuratorischer Zuständigkeit macht, setze den Institutionscharakter und die Dauerhaftigkeit von Museen selbstverständlich weiter voraus.

          Doch das ist ein Irrtum, wie Léontine Meijer-van Mensch unmissverständlich deutlich machte. Sie bekundete ihre Freude darüber, dass Museen keine permanenten Institutionen mehr sein müssten, und verwies zur Begründung auf ihren Arbeitsalltag. Täglich bekomme sie Rückgabeforderungen auf den Tisch. Sie möchte diese Sache aktivistisch betreiben, aber daran hindert sie einstweilen der Rechtsgrundsatz der Unveräußerlichkeit des Museumsbesitzes. Während Bénédicte Savoy nicht müde wird zu versichern, dass die Rückübertragung des Eigentums an außereuropäischem Kulturgut nicht zu einer Entleerung der Museen führen werde, haben Museumsfunktionäre diese Vision schon zu einem Leitbild gemacht. Mit ökologischen Hilfsargumenten: Dem Wohl des Planeten zuliebe sollen die Museen nach Meijer-van Mensch über das Nichtsammeln nachdenken und mit dem „Entsammeln“ beginnen.

          Auch leergeräumte Museen könnten weiter Dialoge über Zukünfte und Vergangenheiten veranstalten; sie würden sich in Universitäten und Volkshochschulen verwandeln und brauchten statt einer Schausammlung nur eine gut sortierte Bilderdatenbank. Museumsbesuchern kann das Denken hinter der neuen Definition bekannt vorkommen, aus Sammlungen oder Ausstellungen zur klassischen Moderne: ein Avantgardismus, der die Gesellschaft von der Kultur aus revolutionieren will. Walz sprach von museologischen Konzepten französischer Provenienz, die sich in Frankreich nie durchgesetzt hätten und jetzt über Lateinamerika zurückkehrten.

          Könnte es sein, dass die kritische Museologie selbst schon museumsreif ist? Solcher Kritik gestand Léontine Meijer-van Mensch keinen Raum zu: „Wer sich in diesem Diskurs nicht auskennt, sollte vielleicht besser nicht in einem Museum arbeiten.“

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