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George-Washington-Fresko : Soll Geschichte ausgelöscht werden?

  • -Aktualisiert am

Arnautoffs Fresko über den Völkermord an den Indianern im Schulfoyer Bild: Laif

Als Victor Arnautoff 1936 dreizehn Fresken über das Leben George Washingtons für eine High School schuf, illustrierte er auch die Schattenseiten des amerikanischen Säulenheiligen. Darüber ist nun ein erbitterter Streit entbrannt.

          San Francisco hält sich gern für die toleranteste Stadt der Welt. Hier nahm die Hippiebewegung ihren Ausgang, hier wagten es Homosexuelle erstmals, öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen. Wenn im Schwulen-Stadtteil Castro am hellichten Tag ein splitternackter Mann in der Sonne flaniert, dann schaut kaum ein Passant von seinem Smartphone auf. Was nicht so viele wissen: Schon vor dem Sommer der Liebe gab es in San Francisco radikale politische Bewegungen. In den dreißiger Jahren war die Stadt eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Und ein Kunstwerk aus dieser Zeit hat nun angeblich eine derart verstörende Wirkung auf Jugendliche, dass es dem Blick der Öffentlichkeit entzogen wird. Zeitweise sollte es sogar übermalt und damit zerstört werden.

          Der Stein des Anstoßes ist eine Serie von Wandgemälden, die der Künstler Victor Arnautoff 1936 an der George Washington High School schuf. In der Zeit des New Deal, nach der großen Wirtschaftskrise, war Kunst auch eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die föderale Regierung gab Geld dafür, dass arbeitslose Künstler öffentliche Bilder malten. Sie waren angehalten, das amerikanische Leben in realistischer Weise abzubilden – fast wie ihre Kollegen in der Sowjetunion, die damals den Stil des Sozialistischen Realismus entwickelten. Berühmt sind die Wandgemälde am Coit Tower, damals dem höchsten Gebäude San Franciscos, die den Alltag von Arbeitern und Bauern, aber auch Szenen aus dem amerikanischen Familienleben darstellen.

          Die Schattenseiten des Säulenheiligen

          Arnautoff bekam den Auftrag, in dreizehn Fresken das Leben George Washingtons darzustellen, des ersten amerikanischen Präsidenten und Namenspatrons der Schule. Der linksgerichtete Künstler begnügte sich nicht mit hagiographischer Erhöhung, sondern zeigte auf zwei Bildern auch die Schattenseiten des Säulenheiligen der Nation. Eines zeigt Washington als Plantagenbesitzer. Er ist an den Rand des Bildes gerückt, in der Mitte sieht man vier schwarze Sklaven, die Maiskolben in Säcke verpacken. „Das macht sehr deutlich, dass Washington zwar die Gleichheit aller Menschen propagierte, aber gleichzeitig andere Menschen als Eigentum besaß“, erklärt der Historiker Robert Cherny, ein anerkannter Fachmann für die öffentliche Kunst des New Deal.

          Den Blicken der Schüler entzogen: Am Dienstag wurden die umstrittenen Wandgemälde, dieses zeigt George Washington als Sklavenhalter, hinter Paneelen versteckt.

          Auf dem zweiten umstrittenen Bild zeigt Washington mit ausgestrecktem Arm gen Westen. Ein paar in Grau gehaltene, schemenhafte Soldaten folgen seiner Weisung, aber zu ihren Füßen liegt ein toter Indianer. Das Bild nimmt damit den Völkermord vorweg, den die Siedler auf ihrem Zug gen Westen begingen. Arnautoff war bei Diego Rivera in die Schule gegangen, sein Stil ähnelt stark dem des mexikanischen Muralisten und Revolutionärs. Die Figuren sind realistisch, aber stilisiert dargestellt, erinnern an Werke der italienischen Renaissance. Die Gewalt der historischen Ereignisse wird nicht in blutrünstigen Details präsentiert, sie formt sich im Kopf des Betrachters, der um die Geschichte weiß. Trotzdem sagen nun indianische und afroamerikanische Elternverbände: Wir können es unseren Kindern nicht zumuten, Tag für Tag mit der Unterdrückung ihrer Vorfahren konfrontiert und zu Opfern degradiert zu werden. Die Schulbehörde griff den Protest auf und beschloss im Juni einstimmig, die Kunstwerke zu übermalen – abmontieren und woanders wieder aufbauen lassen sich die in den feuchten Putz gemalten Bilder nicht.

          Vielleicht war der Anlass für den Protest gegen Arnautoffs Bilder die Debatte um Statuen von Führern der konföderierten Staaten, die seit 2017 vor allem im Süden Amerikas geführt wird. Die stellen für viele eine Glorifizierung der Sklavenhalter dar, sie möchten sie im öffentlichen Raum nicht mehr sehen. Das Paradoxe an der Debatte in San Francisco: Hier geht es gegen Kunst, die zur ihrer Zeit eine äußerst fortschrittliche Interpretation der Geschichte darstellte.

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