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Streit über „Tal der Wölfe“ : Die Grenzen von Kunst- und Meinungsfreiheit

  • Aktualisiert am

Sein Gegner heißt Amerika: „Tal der Wölfe” Bild: Maxximum Film

Während CSU-Generalsekretär Söder den türkischen Film „Tal der Wölfe“ in keiner Form akzeptabel findet, hält ihn die FDP-Europapolitikerin Koch-Mehrin sogar für eine gute Gesprächsgrundlage - in Schulen beispielsweise.

          Der umstrittene türkische Kriegsfilm „Tal der Wölfe“ sorgt weiter für heftige Diskussionen. Der Verleiher des Streifens, Anil Sahin, wehrte sich am Dienstag in der „Rheinischen Post“ gegen Kritik und wies die Forderung des CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber, den Film abzusetzen, zurück (siehe auch: Politiker fordern Absetzung vom „Tal der Wölfe“). Die Türkische Gemeinde zu Berlin verteidigte den Actionstreifen als türkische Variante des „American Way of Life“: „Er ist genau die Kultur, die uns der Westen seit 50 Jahren predigt.“

          CSU-Generalsekretär Markus Söder betonte dagegen im Programm des Fernsehsenders Phoenix, der Film sei in keiner Form zu akzeptieren. Grünen-Chef Reinhard Bütikofer mahnte in derselben Sendung, man müsse nicht unbedingt mit Antisemitismus und mit Antiamerikanismus Geschäfte machen in Deutschland.

          Meinungsfreiheit oder Volksverhetzung?

          Auch nach Einschätzung des FDP-Medienexperten Hans-Joachim Otto setzt die Produktion antiamerikanische und antisemitische Ressentiments frei. Er sprach sich gegenüber der Nachrichtenagentur ddp aber gegen ein Verbot aus.

          Sahin betonte: „Herr Stoiber spielt mit seiner Kritik der rechten Szene in die Hände.“ Zugleich zweifelte er an der westlichen Demokratie. „Da stimmt doch was nicht: Wenn ein Cartoon-Zeichner zwei Milliarden Moslems beleidigt, ist das Meinungsfreiheit“, sagte der Verleiher. Wenn aber ein Actionfilm einen Amerikaner aufs Korn nehme, werde von Volksverhetzung gesprochen.

          Söder: mögliche Konsequenzen für EU-Beitritt der Türkei

          Söder sieht dagegen sogar Konsequenzen für den angestrebten EU-Beitritt der Türkei. Die türkische Politik müsse sich klar distanzieren. „Wenn eine solche Distanzierung nicht erfolgt, stellt man wohl eher fest, daß der Film gutgeheißen wird. Und so jemand kann nicht in die Europäische Union“, betonte er.

          Bütikofer appellierte an die Verantwortung der deutschen Kino-Unternehmer, durch Ausstrahlung des „offensichtlich hetzerischen Films“ kein Öl ins Feuer zu gießen. „Bei aller Freiheit sollte man an die appellieren, die zuständig sind, verdient euer Geld anders“, sagte er.

          Der FDP-Politiker Otto sagte, wenn eine Filmszene, die den Tod eines amerikanischen Soldaten zeige, in Kinos bejubelt werde, sei dies sehr bedenklich. Die Heraufsetzung der Altersfreigabe auf 18 Jahre sei ein Minimum. Zwar gelte die Kunstfreiheit, führte Otto aus, auch für antiamerikanische Filme. Mit dieser müßten Filmemacher jedoch, ebenso wie Karikaturisten mit der Presse- und Meinungsfreiheit, verantwortungsbewußt umgehen.

          Koch-Mehrin: Film zeigt Notwendigkeit des Dialogs

          Am Montag hatte das nordrhein-westfälische Familienministerium einen Antrag an den Appellationsausschuß bei der Freiweilligen Selbstkontrolle (FSK) der deutschen Filmwirtschaft in Wiesbaden gestellt. Damit soll die Aufhebung der Jugendfreigabe erwirkt werden. Der nordrhein-westfälische Familienminister Armin Laschet (CDU) bezeichnete den Streifen als „jugendgefährdend“ und „sozial desorientierend“. Der Film könne dazu beitragen, den Dialog der Kulturen zu zerstören und den Konflikt zwischen den Religionen zu schüren (siehe auch: Selbstkontrolle: „Tal der Wölfe“ frei ab sechzehn).

          Auch die FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin plädierte dafür, den Film erst ab 18 freizugeben. Zugleich schlug sie vor, den Film in Schulen zu zeigen und darüber zu diskutieren. „Ich finde es falsch, zu sagen, ein solcher Film ist kontraproduktiv für den Dialog zwischen den Kulturen“, sagte sie der „Netzeitung“. „Der aktuelle Streit und die Forderungen nach Absetzung des Films zeigen vielmehr, wie notwendig ein Dialog auf beiden Seiten ist.“

          „Die türkische Regierung sollte sich neutral verhalten“

          Die Forderungen aus der Union nach einer Absetzung des Films hat Koch-Mehrin indes scharf zurückgewiesen. „Ich finde, daß sich Herr Stoiber und die anderen genauso verhalten wie die Regimes in den arabischen Ländern, die die europäische Meinungs- und Pressefreiheit angreifen“, sagte die stellvertretende Vorsitzende der Liberalen im Europaparlament. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) falle „denjenigen in den Rücken, die westliche Werte gegen islamistischen Fundamentalismus verteidigen und macht damit auch noch Werbung für den Film“.

          Scharfe Kritik äußerte die FDP-Europapolitikerin an der Haltung der türkischen Regierung. „Daß türkische Regierungsvertreter den Film loben und zum Anschauen auffordern, halte ich für fragwürdig.“ Damit stelle die Türkei ihre Vermittlerrolle im Karikaturenstreit in Frage. „Die türkische Regierung sollte sich besser neutral verhalten“, sagte Koch-Mehrin.

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