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Strafrecht : Haltet den geborenen Dieb!

  • Aktualisiert am

Muss das Strafrecht geändert werden, weil Hirnforscher die Möglichkeit von Freiheit, Schuld und Verantwortlichkeit bestreiten? Ein Plädoyer für reife Rationalität. Von Winfried Hassemer

          Die Strafrechtler haben die Sirenen der Neurowissenschaften nicht herbeigesehnt, die meisten von uns sind auch nicht süchtig nach ihren Liedern, aber ihr Gesang ist mittlerweile so angeschwollen, dass wir die Ohren vor ihm nicht mehr verschließen können.

          Inhaltlich, strategisch und rhetorisch erinnert mich der Gesang an die beiden Wellen, welche das Strafrecht und vor allem seine Wissenschaft in der noch sichtbaren Vergangenheit erreicht haben: die italienischen Menschenvermesser wie Lombroso und Ferri, die mit dem Selbstbewusstsein und der Durchschlagskraft der jungen exakten Naturwissenschaften dem Schuldstrafrecht ins Herz gezielt haben, als sie den „geborenen Verbrecher“ ausmachten und vorführten, und Psychologen und Gesellschaftswissenschaftler wie Arno Plack, die auf der Woge der intellektuellen Institutionenkritik und Systemzertrümmerung der siebziger Jahre für die Abschaffung des Strafrechts plädiert, als Alternative freilich nichts Besseres zu bieten hatten als ein trostloses und unfreundlicheres Maßregelrecht.

          Der Pathologe findet die Seele nicht

          Es gibt eine Todsünde auf dem Gebiet der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Ich nenne sie Kategorienfehler und sehe, dass sie häufig von übermütigen Humanbiologen, nicht selten aber auch von verschreckten Strafrechtswissenschaftlern begangen wird. Humanbiologen begehen diese Sünde mittels der Überzeugung, ihre Ergebnisse widerlegten die Möglichkeit von Willensfreiheit und Verantwortlichkeit; Strafrechtswissenschaftler begehen diese Sünde mittels der Überzeugung, die Humanbiologen hätten recht und nun sei das Strafrecht umzustellen und das im Strafprozess notwendige Wissen neu zu vermessen.

          Subjektive Zurechnung stiftet den Zusammenhang von Schuld und Verantwortung: Strafrechtler Winfried Hassemer

          Während die Theologie ihren Kategorienfehler, sie könne die Entstehung der Erde erklären, in der westlichen Kultur bis auf einige kreationistische Überbleibsel längst gebüßt hat, goutieren nicht wenige unter uns noch die Sottise des Pathologen, er habe beim Aufschneiden der Leiche eine Seele nicht entdeckt - und folglich könne es sie nicht geben.

          Es gibt kein allgemeines Konzept von Freiheit

          Der Kategorienfehler in den Neurowissenschaften besteht in der Annahme, empirisch arbeitende Wissenschaften könnten wissenschaftlich darüber befinden, ob andere Wissenschaften ein Konzept von Freiheit entwickeln dürfen oder nicht, also: ob es Freiheit „gibt“ oder nicht. Eine solche Annahme setzt eine Hegemonie unter Wissenschaften zwingend voraus, und diese Hegemonie gibt es nicht. Es gibt auch kein allgemeines Konzept von Freiheit, das über allen Wissenschaften schwebt, und es gibt schon gar keine Verfügungsmacht der empirischen Wissenschaften, gäbe es ein solches Konzept.

          Zur Struktur der Strafrechtswissenschaft gehört das fundamentale Konzept der Verantwortlichkeit, und dieses Konzept ist auch in unserer alltäglichen Verständigung tief begründet. Es ruht auf einem Pfeiler der europäischen Kultur, nämlich auf dem Grundsatz von Personalität und Menschenwürde, der nicht erst mit Artikel 1 Grundgesetz für uns bestimmend geworden ist, sondern für jedes Nachdenken über Mensch, Gesellschaft und Staat auf der Höhe der Zeit.

          Ohne das Prinzip der Zurechnung wäre unsere Welt gänzlich anders

          Der Grundsatz der Menschenwürde, manifestiert im Konzept der Person, durchzieht unsere gesamte Rechtsordnung wie ein roter Faden, vom Kindeswohl im Familienrecht bis zur Subjektstellung der an den rechtlichen Verfahren Beteiligten. Im materiellen Strafrecht wird er wirksam vor allem im Prinzip der Zurechnung; dieses Prinzip nimmt eine alltägliche Orientierung auf und bildet sie für die besondere Struktur des Strafrechts ab; ohne das Prinzip der Zurechnung wäre unsere Welt gänzlich anders - im Recht und im Alltag. Zu dieser Wirklichkeit haben die empirischen Wissenschaften vom Menschen keinen unmittelbaren und keinen vollständigen Zugang.

          Subjektive Zurechnung stiftet den Zusammenhang von Ereignis und Verantwortlichkeit des Menschen, der das Ereignis verursacht hat. Sie begründet Schuld. Sie setzt objektive Zurechenbarkeit voraus und treibt deren Fragestellung bis zum Konzept der Person voran. Subjektive Zurechnung erlaubt die rationale Unterscheidung und Bewertung von Graden des Dafür-Könnens, der inneren Beteiligung des Menschen an seiner Tat, von der Absicht bis zur unbewussten Fahrlässigkeit. Auch diese Unterscheidung gehört zur Kultur der Zurechnung und ist in unserem normativen Alltag tief verankert.

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