https://www.faz.net/-gqz-16qd3

Strafrecht : Haltet den geborenen Dieb!

  • Aktualisiert am

Muss das Strafrecht geändert werden, weil Hirnforscher die Möglichkeit von Freiheit, Schuld und Verantwortlichkeit bestreiten? Ein Plädoyer für reife Rationalität. Von Winfried Hassemer

          Die Strafrechtler haben die Sirenen der Neurowissenschaften nicht herbeigesehnt, die meisten von uns sind auch nicht süchtig nach ihren Liedern, aber ihr Gesang ist mittlerweile so angeschwollen, dass wir die Ohren vor ihm nicht mehr verschließen können.

          Inhaltlich, strategisch und rhetorisch erinnert mich der Gesang an die beiden Wellen, welche das Strafrecht und vor allem seine Wissenschaft in der noch sichtbaren Vergangenheit erreicht haben: die italienischen Menschenvermesser wie Lombroso und Ferri, die mit dem Selbstbewusstsein und der Durchschlagskraft der jungen exakten Naturwissenschaften dem Schuldstrafrecht ins Herz gezielt haben, als sie den „geborenen Verbrecher“ ausmachten und vorführten, und Psychologen und Gesellschaftswissenschaftler wie Arno Plack, die auf der Woge der intellektuellen Institutionenkritik und Systemzertrümmerung der siebziger Jahre für die Abschaffung des Strafrechts plädiert, als Alternative freilich nichts Besseres zu bieten hatten als ein trostloses und unfreundlicheres Maßregelrecht.

          Der Pathologe findet die Seele nicht

          Es gibt eine Todsünde auf dem Gebiet der Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie. Ich nenne sie Kategorienfehler und sehe, dass sie häufig von übermütigen Humanbiologen, nicht selten aber auch von verschreckten Strafrechtswissenschaftlern begangen wird. Humanbiologen begehen diese Sünde mittels der Überzeugung, ihre Ergebnisse widerlegten die Möglichkeit von Willensfreiheit und Verantwortlichkeit; Strafrechtswissenschaftler begehen diese Sünde mittels der Überzeugung, die Humanbiologen hätten recht und nun sei das Strafrecht umzustellen und das im Strafprozess notwendige Wissen neu zu vermessen.

          Subjektive Zurechnung stiftet den Zusammenhang von Schuld und Verantwortung: Strafrechtler Winfried Hassemer

          Während die Theologie ihren Kategorienfehler, sie könne die Entstehung der Erde erklären, in der westlichen Kultur bis auf einige kreationistische Überbleibsel längst gebüßt hat, goutieren nicht wenige unter uns noch die Sottise des Pathologen, er habe beim Aufschneiden der Leiche eine Seele nicht entdeckt - und folglich könne es sie nicht geben.

          Es gibt kein allgemeines Konzept von Freiheit

          Der Kategorienfehler in den Neurowissenschaften besteht in der Annahme, empirisch arbeitende Wissenschaften könnten wissenschaftlich darüber befinden, ob andere Wissenschaften ein Konzept von Freiheit entwickeln dürfen oder nicht, also: ob es Freiheit „gibt“ oder nicht. Eine solche Annahme setzt eine Hegemonie unter Wissenschaften zwingend voraus, und diese Hegemonie gibt es nicht. Es gibt auch kein allgemeines Konzept von Freiheit, das über allen Wissenschaften schwebt, und es gibt schon gar keine Verfügungsmacht der empirischen Wissenschaften, gäbe es ein solches Konzept.

          Zur Struktur der Strafrechtswissenschaft gehört das fundamentale Konzept der Verantwortlichkeit, und dieses Konzept ist auch in unserer alltäglichen Verständigung tief begründet. Es ruht auf einem Pfeiler der europäischen Kultur, nämlich auf dem Grundsatz von Personalität und Menschenwürde, der nicht erst mit Artikel 1 Grundgesetz für uns bestimmend geworden ist, sondern für jedes Nachdenken über Mensch, Gesellschaft und Staat auf der Höhe der Zeit.

          Ohne das Prinzip der Zurechnung wäre unsere Welt gänzlich anders

          Der Grundsatz der Menschenwürde, manifestiert im Konzept der Person, durchzieht unsere gesamte Rechtsordnung wie ein roter Faden, vom Kindeswohl im Familienrecht bis zur Subjektstellung der an den rechtlichen Verfahren Beteiligten. Im materiellen Strafrecht wird er wirksam vor allem im Prinzip der Zurechnung; dieses Prinzip nimmt eine alltägliche Orientierung auf und bildet sie für die besondere Struktur des Strafrechts ab; ohne das Prinzip der Zurechnung wäre unsere Welt gänzlich anders - im Recht und im Alltag. Zu dieser Wirklichkeit haben die empirischen Wissenschaften vom Menschen keinen unmittelbaren und keinen vollständigen Zugang.

          Subjektive Zurechnung stiftet den Zusammenhang von Ereignis und Verantwortlichkeit des Menschen, der das Ereignis verursacht hat. Sie begründet Schuld. Sie setzt objektive Zurechenbarkeit voraus und treibt deren Fragestellung bis zum Konzept der Person voran. Subjektive Zurechnung erlaubt die rationale Unterscheidung und Bewertung von Graden des Dafür-Könnens, der inneren Beteiligung des Menschen an seiner Tat, von der Absicht bis zur unbewussten Fahrlässigkeit. Auch diese Unterscheidung gehört zur Kultur der Zurechnung und ist in unserem normativen Alltag tief verankert.

          Weitere Themen

          „It Must Be Heaven“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „It Must Be Heaven“

          „It Must Be Heaven“ ist eine französisch-kanadische Komödie aus dem Jahr 2019 von Elia Suleiman. Der Film kämpft in Cannes um die Goldene Palme.

          „All my Loving“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „All my Loving“

          „All my Loving“ ist der neue Film von Edward Berger und zeigt drei Geschwister, die an einem Punkt angelangt sind, an dem sie schnell etwas verändern müssen, bevor die zweite Hälfte ihres Lebens beginnt.

          Topmeldungen

          Der russische Präsident Wladimir Putin und Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, geben sich während einer gemeinsamen Pressekonferenz in Moskau die Hand.

          Nach Ibiza-Video : Orbán und Putin wenden sich von Strache ab

          In seinem Ibiza-Video hat Heinz-Christian Strache den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán als sein Vorbild bezeichnet. Doch der hat sich nun von Österreichs ehemaligem Vizekanzler distanziert. Auch Putin wendet sich von Strache ab.
          Klimastreik in Turin.

          Klimanotstand : Höllisch, wie das jetzt knallt

          Klimawandel war gestern, heute ist Notstand. Den haben wir zwar nicht den Jungen zu verdanken, aber die schlachten ihn jetzt schwungvoll aus und drängen die Politik in die Ecke. Eine Glosse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.