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Siegfried Mausers Ehefrau : Strafe begreifen

Die Münchner Musikhochschule: Ihr früherer Präsident, Siegfried Mauser, ist 2017 im Münchner Landgericht wegen sexueller Nötigung verurteilt worden. Bild: Picture-Alliance

Wie konnte ihr aus dem, was ihr vorgeworfen wurde, überhaupt ein Vorwurf gemacht werden? Amélie Sandmann-Mauser, Ehefrau Siegfried Mausers, möchte im Münchner Amtsgericht verstehen.

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          Wenn ein Richter Recht spricht, wird er, wie am Donnerstag die Gerichtsreporterin der „Süddeutschen Zeitung“ mit überraschender Verwunderung vermerkte, „Worte“ gebrauchen, „wie sie nur Juristen einfallen können“. Die „strafbare Handlung“ fällt nicht darunter. Das Wort ist geläufig und scheint unproblematisch. Dabei setzt es eine erhebliche Abstraktionsleistung voraus.

          Aus dem alltäglichen Kontinuum unseres Tuns und Lassens muss man eine Handlung herauslösen, um sie als strafbar bewerten zu können. Dem Handelnden wird die Handlung durch diese isolierende Betrachtung eines Dritten vielleicht überhaupt erst bewusst. Eine Besprechung im Dienstzimmer: ein Ineinander von Berührungen, Bewegungen und Bemerkungen, Glied einer Kette kollegialer Begegnungen. Eine einzelne Berührung kann herausgeschnitten und als sexuelle Nötigung bestraft werden. So ist es Siegfried Mauser, dem früheren Präsidenten der Münchner Musikhochschule, 2017 im Münchner Landgericht ergangen.

          Oder eine lange E-Mail aus wohlüberlegten und weniger gut bedachten Behauptungen, Etappe eines Meinungskampfs um Ehre und Unehre: Ein einzelner Satz kann herausgenommen und ohne Rücksicht auf die guten Gründe für alle anderen Sätze als üble Nachrede bestraft werden. Das ist Amélie Sandmann-Mauser, der Ehefrau Siegfried Mausers, jetzt im Münchner Amtsgericht widerfahren. Sie hatte gegenüber dem Chefredakteur einer Fachzeitschrift behauptet, die von ihrem Mann angeblich genötigte Kollegin habe im Verfahren zugeben müssen, dass ein anderer Professor sie zur Anzeige angestiftet habe. Eine solche Aussage der Zeugin war aber nicht gefallen.

          Ein ungewöhnlich deutlich geäußerter Wille

          Frau Sandmann-Mauser hält ihren Satz, den geschrieben zu haben sie gar nicht bestritt, immer noch für sinngemäß richtig. Wie ihr Mann vor dem Landgericht wandte sie sich mit einem ungewöhnlichen Hilfeersuchen an das Gericht: der Bitte um begriffliche Aufklärung. Sie wolle verstehen, wie ihr aus dem, was ihr vorgeworfen wurde, überhaupt ein Vorwurf gemacht werden konnte. Das möchten ihr Juristen bitte endlich erklären!

          Der Appell der Sängerin und Schauspielerin war wohl auch als Rüge des eigenen Verteidigers zu verstehen. Die junge Einzelrichterin antwortete lächelnd, für die erbetene Erklärung sei gegebenenfalls die Urteilsbegründung da, nicht die Beweisaufnahme. Auch die Angeklagte lächelte, zur Demonstration ihres Unverständnisses, als die Staatsanwältin im Plädoyer darlegte, zu ihren Gunsten würdige sie das umfassende Geständnis. Die Angeklagte hatte nicht gemerkt, dass sie mit dem Nichtbestreiten des objektiven Hergangs der Handlung im juristischen Sinne ein Geständnis abgelegt hatte.

          Laut Hegel wird der Rechtsbrecher durch die Strafe „als Vernünftiges geehrt“. Er soll begreifen, was er getan hat. Den Willen zum Begreifen artikulierten die Eheleute Mauser ungewöhnlich explizit. Wurden sie dadurch als Vernünftige geehrt, dass ihnen die Gerichte die Arbeit am Selbstbegriff nicht vollständig abnehmen konnten?

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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