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Stimmung in Russland : Die militarisierte Gesellschaft

  • -Aktualisiert am

Die Darstellung einer traumatrisierten Gesellschaft interessiert das russische Kinopublikum kaum, es beklatscht nur das, was es kennt: Gewalt - Szene aus dem Film „Der Bruder“ von Alexej Balabanow Bild: WhitenightPress

Die Annexion der Krim und die Entwicklungen der letzten Wochen konnten in Russland niemanden überraschen. Die aggressive Stimmung wurde unter Putin jahrelang vorbereitet: in Filmen, in Reden, im Alltag.

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          Die Annexion der Krim hat nicht nur die Ukraine, sondern auch die russische Gesellschaft gespalten. Was die einen als eine große Stunde empfinden, ist für die anderen der Höhepunkt einer Katastrophe. Die Schnelligkeit der Ereignisse hat die meisten Russen und auch den Rest der Welt überrascht - aber nicht deren Verlauf. Die russische Gesellschaft wurde in den letzten zehn Jahren militarisiert. Außerdem herrscht schon seit den neunziger Jahren eine Stimmung der Hoffnung auf Revanche in Russland. Kriegspropaganda, Gewaltverherrlichung und Chauvinismus der Staatspolitik fielen so auf fruchtbaren Boden.

          Zum Beispiel der Film von Alexej Balabanow, „Der Bruder“, der 1997 in die russischen Kinos kam, wurde zum gigantischen Publikumserfolg. Er handelt von einem jungen Mann, der aus einem nicht näher genannten Krieg nach Sankt Petersburg kommt, um dort in Frieden ein neues Leben zu beginnen. Stattdessen muss er aber seinem kleinkriminellen Bruder aus dem Schlamassel helfen. Der Film, eine kluge und bittere, wenn auch sehr verschärfte Darstellung einer traumatisierten Gesellschaft, war voll von herben, rassistischen Sprüchen und ausufernden Gewaltszenen in Tarantino-Manier. Ausgerechnet diese Sprüche und Szenen, nicht die Verbitterung, kamen besonders gut an. Aus der Fortsetzung, die Balabanow drei Jahre später lieferte, verschwand jede gesellschaftskritische Komponente. Die Handlung wurde in die Vereinigten Staaten verlegt. Im Film gibt es jüdische Trickbetrüger, schwarze Dealer und Zuhälter, brutale Cops und butterweiche Frauen und noch mehr Blut. In einer Szene metzelt einer der Protagonisten mehrere ukrainische Mafiosi - natürlich Handlanger eines amerikanischen Bankers - mit einer MP nieder und schreit dabei: „Ihr Schweine werdet mir noch für Sewastopol bezahlen!“ Das Premierenpublikum im Moskauer Puschkinskij-Kino feierte diese Szene mit heftigem Applaus. Ich war damals Filmkritiker und musste noch am selben Abend über den Film schreiben. Ich war sprachlos. Zu der Premiere begleitete mich eine Kollegin. Nach der Vorstellung konnten wir uns nicht mehr in die Augen schauen; vor Scham, vor Wut und, ja, auch vor Angst. Besonders frustrierend war, dass einige Kollegen den Film ganz toll fanden.

          Sie lagen Putin schon immer am Herzen

          So ähnlich wie damals die Zuschauer auf den Film, reagiert heute die russische Gesellschaft auf die Krim-Annexion. Die Mehrheit jubelt, die Minderheit ist verzweifelt und verängstigt. Doch diesmal ist es kein Film. Putin sprach in seiner Anschlussrede von „Nationalverrätern“, und das klang ernst. Die einen verhöhnen jetzt laut den Westen, der „uns sowieso nichts tun kann“. Die anderen zittern vor möglichen Visumseinschränkungen. Die Nachricht von der Schließung aller britischen Visa-Zentren in Russland hat eine regelrechte Panik ausgelöst. Dabei handelte es sich um eine kurzfristige technische Maßnahme. Die Warteliste der Repatriierungswilligen in der israelischen Botschaft wird mit jedem Tag länger, Beratungstermine werden mittlerweile für September vergeben. Noch vor kurzem musste man nur zwei Wochen warten. Die Verzögerungen liegen angeblich an einem Streik, doch sie werden als ein finsteres Zeichen gedeutet. Der Rubelkurs hat sich nach dem anfänglichen Absturz etwas erholt, dennoch stehen die Menschen vor russischen Wechselstuben in Schlangen.

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