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Stierkampf-Debatte : Ritual oder Sadismus?

Twitter hält seine Kunst für sadistisch: Der spanische Stierkämpfer Morante de la Puebla im Juni 2021 in der Arena von Granada. Bild: EPA

Twitter hat Videos des populären spanischen Stierkämpfers Morante de la Puebla blockiert – und der Matador beklagt einen Verstoß gegen die Meinungsfreiheit.

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          Twitter hat einen Account, den ein Anhänger des populären spanischen Matadors José Antonio „Morante de la Puebla“ betreibt, wegen zweier Videos mit Szenen aus einem Stierkampf vom vergangenen Samstag blockiert. In den Augen des Konzerns darf kein „übertrieben deutliches“ Bildmaterial geteilt werden. Es sei schädlich für die Nutzer, blutigen Szenen ausgesetzt zu sein, besonders, wenn der Inhalt „aus sadistischem Vergnügen“ veröffentlicht werde. Damit folgt Twitter der Praxis von Youtube und Vimeo, die Inhalte der Tauromachie häufiger blockieren.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Die Begründung des Konzerns hat in der spanischen Stierkampfwelt Empörung ausgelöst. Denn von Sadismus wollen Anhänger der Corrida nichts hören. Morante de la Puebla selbst schrieb auf Twitter: „Die Freiheit in diesem Land existiert nicht. Es reicht.“ Die Meinungsseite der Tageszeitung El Mundo argumentiert, nicht einmal die Gegner des Stierkampfs hätten Anlass zur Freude, denn hier gehe es mitnichten um Tierschutz, sondern darum, „ob wir es zulassen, dass gigantische Unternehmen ohne jede Kontrolle über die Ausübung von Grundrechten wie der Meinungsfreiheit entscheiden“. Twitter und andere seien keine normalen Firmen, so die Zeitung, sondern „Player des Systems“, die nur ihren eigenen Regeln folgten und sich mit ihrer Steuerung der weltweiten sozialen Kommunikation auch über die Gesetzgebung demokratischer Staaten erheben könnten.

          Das nationale Kulturgut und seine Künstler

          Tatsächlich ist der Stierkampf zum Kristallisationspunkt zahlreicher Konflikte in Spanien geworden, die nur bedingt mit dem zu tun haben, wofür er einmal stand. Früher konnte man sich damit arrangieren, dass die Anhänger der Tauromachie von einem „Ritual“ mit einem komplexen Regelwerk sprachen, die Gegner dagegen von Tierquälerei. Die einen gingen also in die Arena, die anderen nicht. Dann erklärte die konservative Rajoy-Regierung den Stierkampf 2013 zum nationalen Kulturgut. Gegen dieses Statut verstieß der sozialistische Kulturminister José Manuel Rodríguez Uribes im Mai 2020, als er bei der Verkündung der Corona-Soforthilfen für den Kulturbereich die „Fiesta nacional“ mit keinem Wort erwähnte, obwohl sich Matadore „Künstler“ nennen dürfen und die Branche viele tausend Arbeitsplätze umfasst. Uribe korrigierte sich im vergangenen März, als er den Stierkampf im Zusammenhang mit neuen Kultursubventionen dreimal erwähnte und ihn für vereinbar mit dem Tierschutz hielt.

          Das ändert allerdings nichts daran, dass die Aktien der ehemals immens beliebten Darbietung schlecht stehen. Der Stierkampf gilt inzwischen nicht nur als überaltert, sondern auch als „rechts“, seit sich insbesondere die Vox-Partei zu seiner lautstarken Verteidigerin aufgeschwungen hat. Insofern liegt im Übergriff von Twitter eine gewisse Konsequenz: Richteten sich frühere Kontoblockaden gegen die Fake News von Donald Trump, die Corona-Verharmlosung des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro oder die aggressive Rhetorik der AfD-Abgeordneten Beatrix von Storch, hat es jetzt ein Element des älteren, kaum noch vermittelbaren Spaniens erwischt. Bedeutende spanische Künstler von Goya bis García Lorca und Picasso mögen im Stierkampf eine Quelle der Inspiration gefunden haben – Twitter entscheidet sich für die Zensur.

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