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Stichwahl in der Ukraine : Kommt jetzt Waldo, der Bär?

  • -Aktualisiert am

Beispiellos ist seine politische Karriere nicht: Wolodymyr Selenskyj Bild: Reuters

Demokratie als Trugbild: Wenn am Ostersonntag in der Ukraine die Stichwahl stattfindet, geht mit Wolodymyr Selenskyj ein Fernsehclown ins Rennen um das höchste Amt im Staat. Wie absurd ist diese Situation?

          7 Min.

          Sagt ein Brite: „Der Brexit ist der krasseste Streich der letzten zehn Jahre.“ Darauf sagt ein Ukrainer: „Aber jetzt kommen wir.“ Der bittere Witz ging gleich nach der ersten Präsidentenwahl durch die sozialen Medien der Ukraine. Da war bereits klar, dass die Wahlprognosen ein realistisches Bild geliefert hatten und tatsächlich der Komiker Wolodymyr Selenskyj und der amtierende Präsident Petro Poroschenko in die Stichwahl einziehen würden. Die Figur von Selenskyj erinnert an Waldo, den fluchenden blauen Bären aus der britischen Serie „Black Mirror“, der zum Wahlkandidaten wird und von der Bevölkerung große Unterstützung erhält. Die Ukrainer brauchten ein paar Tage, um ihr eigenes Wahlergebnis zu verdauen, alle waren schockiert, nicht einmal in Selenskyjs Lager kam Jubel auf. Auch dort war man überrascht, dass dreißig Prozent der Wähler, also fast achtzehn Prozent aller Wahlberechtigten, Selenskyj ihre Stimme gegeben hatten, zwei Millionen mehr als Poroschenko.

          Die Suche nach Parallelen bringt in Situationen wie diesen meist Linderung: Siehe da, wir sind nicht die Ersten, auch früher schon haben Wahlkampfstrategen mit hybriden Kreuzungen von Politik und Showbiz experimentiert und demokratieerfahrenere Länder als unseres um den Finger gewickelt. Nehmen wir etwa die Webshow der italienischen Fünf-Sterne-Bewegung, die unter der Patronage des populären Satirikers Beppe Grillo läuft. Oder den Bund der Bauern und Grünen in Litauen, der mit Hilfe einer Fernsehserie, die im Dorf des Parteivorsitzenden spielt, in den vergangenen vier Jahren so viel Anklang fand, dass er bei der jüngsten Wahl 54 Parlamentssitze errang. Und selbst das Mutterland des Parlamentarismus, das noch bis vor kurzem als unerschütterlich schien wie der Thron Ihrer Majestät, als Insel des gesunden Menschenverstands, ist inzwischen den Manipulationen von Cambridge Analytica erlegen und sucht vergeblich einen Ausweg aus der Brexit-Falle – was ist da schon die Ukraine?

          Katastrophalen Folgen der populistischen Revolution

          Natürlich sind wir empfänglicher und anfälliger für jede Art von Manipulation als die Länder der Europäischen Union. Bei uns gibt es zahlreiche offene Wunden: Seit fünf Jahren wehrt sich das Land gegen die russische Aggression, Woche für Woche betrauert es die Toten an der Frontlinie – und hatte dem Nachbarland doch fünfzehn Jahre lang für seine offene und verdeckte Propaganda einer zukünftigen Besetzung widerstandslos alle Medienkanäle überlassen.

          In einer solchen emotional angespannten und intellektuell instabilen Situation muss ein mediales Märchen mit einer positiven Nachricht oder auch einfach nur mit dem lustigen Gesicht eines netten „jungen Mannes aus dem Volk“ Erfolg haben. Vor allem wenn dieser junge Mann seit gut fünfzehn Jahren im postsowjetischen Raum so brillant ukrainische Politiker parodiert hat, dass es unter den Politikern eine Zeitlang als schick galt, seine Shows zu besuchen und über seine primitiven Witze zu lachen, um damit Weltläufigkeit und Kritikfähigkeit zu demonstrieren. Und so sah zunächst niemand die 2015 auf Igor Kolomojskyjs Oligarchensender gestartete Satireserie „Der Diener des Volkes“ mit Wolodymyr Selenskyj in der Rolle des Schullehrers und späteren Präsidenten als heimlichen Start eines tatsächlichen Präsidentenwahlkampfs. Vor drei Jahren wäre schon allein die Idee absurd gewesen. Heute erleben wir, dass man damit womöglich Präsident werden kann. Dass, um es offen zu sagen, das große Geld vor unseren Augen Demokratie zu einem Trugbild, zu einer Seifenblase, zu einer leeren Hülle macht.

          Der erste europäische Intellektuelle, der diese Entwicklung bereits in ihrem Anfangsstadium bemerkte und Alarm schlug und vor den katastrophalen Folgen der populistischen Revolution warnte, war Umberto Eco. Er analysierte das Phänomen Berlusconi und die demokratiegefährdende Verwandlung der Politik in Showbiz und stellte fest, dass die Informationstechnologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Verbindung mit dem Konsumismus der Zivilisation keinen Fortschritt bescheren, sondern neugewandete Totalitarismen mit einem lachenden Antlitz hervorbringen. Und das ausgebeutete Proletariat, auf das die Neomarxisten bis vor kurzem noch ihre Hoffnungen gesetzt hatten, führt sich selbst zur Schlachtbank und gibt denen seine Stimme, die die beste Show zeigen.

          Gauner und Geheimdienstler kennen diesen Trick

          Wie alle Kassandrarufe kam Ecos Warnung zu früh, um gehört zu werden: Berlusconis Fernsehdemokratie war lange Zeit ein lokales Phänomen, bis sich im Jahr 2014 mit dem russischen Überfall auf die Ukraine das globale Ausmaß von Putins sogenannter „gelenkter Demokratie“ zeigte. Aus einer Verbindung von Lubjanka-Gefängnis und Hollywood-Inszenierung schuf Putin die erste postmoderne Diktatur. Im Übrigen hat die russische Seite bei allen neueren Fällen von Volksverdummung ihre Hände im Spiel. Selbst Dominic Cummings, der Chef der Kampagne „Vote Leave“, war drei Jahre lang in Russland, um zu lernen, wie man scheinbar aussichtslose Schnapsideen in politische Realität verwandelt. Und Wolodymyr Selenskyjs Karriere ist nichts als das Produkt des russischen Showbusiness, das bis zur Einführung der Quoten für russische Sendungen 2015 die ukrainischen Fernsehkanäle vollkommen dominierte.

          Natürlich sind die fünfeinhalb Millionen Menschen, die im ersten Wahlgang für Selenskyj gestimmt haben, nicht so naiv, dass sie eine Fernsehfigur nicht von einem Menschen unterscheiden können. Allerdings wird während des gesamten offiziellen, als separate Fernsehshow gestalteten Wahlkampfs kontinuierlich daran gearbeitet, die Grenzen zwischen Rolle und Person zu verwischen. Den Anfang machte Selenskyjs Neujahrsansprache an das ukrainische Volk, die exakt zur selben Zeit ausgestrahlt wurde wie die Neujahrsansprache des Präsidenten. Das setzt sich auch jetzt vor der Stichwahl fort, etwa mit dem zwar gesetzeswidrigen, aber medial höchst wirksamen Videoaufruf an Poroschenko, sich dem Kandidatenduell im Stadion zu stellen, oder auch mit der Verbreitung von Boulevardthemen, etwa der Frage, ob Selenskyj drogenabhängig sei oder nicht. Hat Selenskyj Proben abgeliefert oder nicht? Ist er ein Junkie oder nicht? Ob die Leute darauf nun gleichgültig oder verärgert reagieren, ob sie klatschen oder pfeifen, sie sind unweigerlich Teil der Reality-Show, sie schalten nicht aus.

          Selenskyjs größter Trick jedoch ist, dass er die wahlberechtigten Zuschauer nicht einfach auffordert, für Waldo, den blauen Bären, für ein aus Pixeln zusammengesetztes Bild zu stimmen, sondern sie aufruft, sich einen Präsidenten nach den eigenen Hoffnungen und Wünschen zu basteln, ein Hologramm zu zeichnen, wie ein Kind ein Bild ausmalt. Deswegen hat Selenskyj nach der Verkündung seiner Kandidatur die potentiellen Wähler als Erstes aufgefordert, ihm zu „helfen“, sein Wahlprogramm zu schreiben, nach dem Motto: Lasst uns das Land gemeinsam verändern – Tausende Menschen fühlten sich geschmeichelt und stürzten sich wie in den Tagen des Majdan ins Facebook, um dem „Kandidaten ohne Programm“ ihre ausführlichen, zum Teil sehr kenntnisreichen und vernünftig begründeten Änderungsvorschläge zu übermitteln: ein Triumph des Populismus – und gleichzeitig ein äußerst cleverer Schachzug zur Bindung von Sympathisanten. Gauner und Geheimdienstler kennen diesen Trick – je mehr eigene Ressourcen ein Opfer in ein Spiel investiert, umso schwerer fällt es ihm später zuzugeben, dass es einer Täuschung aufgesessen ist.

          Ein Signal für neue Diktaturen

          Bei Selenskyjs Wählern versagen soziologische Kategorien – auf seine Masche fallen Wählergruppen herein, die sich im Alter, im Bildungsgrad und ihren Einkommensverhältnissen, ja paradoxerweise sogar in ihren politischen Überzeugungen stark unterscheiden. Das Einzige, was sie vereint, ist ihre Vertrauensseligkeit: Sie alle wünschen sich eine Wende zum Besseren – sie alle glauben vollkommen unreflektiert, ja beinahe religiös an die „Unausweichlichkeit“ dieses „Besseren“. Genau diesen Glauben bezeichnet Timothy Snyder in seinem neuen Buch „Der Weg in die Unfreiheit“ als den entscheidenden Fehler, der den Westen daran hindere zu erkennen, dass neue Diktaturen entstehen. Und wie 2014 ist auch jetzt die Ukraine das Experimentierfeld, auf dem die Lebensfähigkeit der Grundlagen der westlichen Zivilisation getestet wird.

          Damit fünfeinhalb Millionen Menschen auf Waldo, den Bären, hereinfallen, reicht die Sehnsucht nach der Wende zum Besseren allein nicht aus. Die Leute müssen die Nase von der aktuellen Situation gestrichen voll haben, damit die lange Nase, die der Bär dem Politiker dreht, diebische Schadenfreude auslöst: Dem haben wir es gezeigt! Wir haben es in der Ukraine nicht mit einer Protestwahl zu tun, es ist eine Hasswahl. Geschürt wird dieser Hass von allen ukrainischen Oligarchensendern, und er richtet sich gegen die amtierenden Machthaber, namentlich Poroschenko. Von den ukrainischen Medien kommen seit fünf Jahren pausenlos Negativschlagzeilen: Korruption, Verkehrsunfall, Korruption, wieder Tote im Osten, Korruption, Körperverletzung, Vergewaltigung, Mord, Korruption. Das ist der Grundton in unseren Medien, und da wundert es nicht, dass die Ukrainer in allen Umfragen eine äußerst geringe Lebenszufriedenheit zeigen und davon überzeugt sind, im ärmsten und schrecklichsten Land Europas zu leben. Erst im vorigen Jahr, als durch die Aufhebung der Visapflicht seitens der Europäischen Union mehr Menschen Reisen unternehmen und die Lebenswirklichkeit in anderen Ländern in Augenschein nehmen konnten, flachte die Kurve des ukrainischen Lamentos etwas ab. Die ständige Wiederholung ein und derselben Phrasen: „Das System muss sich ändern“, „Wir brauchen neue Gesichter“ fixiert die Menschen auf diese neuen Gesichter, und sie merken dabei nicht, dass es in der Realität diese neuen Gesichter durchaus gibt, dass die jetzige Regierung ein Durchschnittsalter von vierzig Jahren hat, dass die angestoßenen Reformen in vielen Bereichen erste positive Ergebnisse zeigen und dass dort, wo man vor 2013 im Intercity quasi allein durchs Land reiste, heute drei bis vier Züge täglich verkehren, die mehr als ausgelastet sind, weil die Geschäfte und der Tourismus florieren, weil es Mobilität gibt und Leben. Aber im Fernsehen heißt es, bei uns sei alles schlecht, schlimmer könne es gar nicht kommen, und wem es persönlich bessergeht, der bekommt sofort Gewissensbisse und solidarisiert sich umgehend mit allen „Von-den-Machthabern-Geplagten“.

          Und so sitzen wir plötzlich in einer professionell aufgezogenen Reality-Show, deren Szenograph und Regisseur es bislang vorziehen, nicht in Erscheinung zu treten, so dass Millionen gutgläubige Ukrainer so gut wie nichts von ihnen wissen. Der Kreml kann es indessen gar nicht erwarten, dass Poroschenko in der Stichwahl unterliegt, und hat das auch offiziell mitgeteilt. Am kommenden Sonntag treten die Ukrainer im Fach Realitätssinn zur Prüfung an – sie stimmen ab über einen realen Präsidenten, dessen Erfolge der letzten fünf Jahre sich durchaus sehen lassen können, auch wenn die Medien vorzugsweise über seine Fehler herfallen, und über Waldo, den Bären, dessen nichtssagende Videos die Wähler im Vagen lässt. Wenn diese Wahl schlecht ausgeht, kann unser Streich tragischer enden als der Brexit. Und tragisch wird es dann nicht nur für die Ukraine, sondern für alle Gesellschaften. Es wird ein Signal für neue Diktaturen: Die Tür für Waldo-Bärchen steht offen.

          Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe.

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