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Stichwahl in der Ukraine : Kommt jetzt Waldo, der Bär?

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Der erste europäische Intellektuelle, der diese Entwicklung bereits in ihrem Anfangsstadium bemerkte und Alarm schlug und vor den katastrophalen Folgen der populistischen Revolution warnte, war Umberto Eco. Er analysierte das Phänomen Berlusconi und die demokratiegefährdende Verwandlung der Politik in Showbiz und stellte fest, dass die Informationstechnologien des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Verbindung mit dem Konsumismus der Zivilisation keinen Fortschritt bescheren, sondern neugewandete Totalitarismen mit einem lachenden Antlitz hervorbringen. Und das ausgebeutete Proletariat, auf das die Neomarxisten bis vor kurzem noch ihre Hoffnungen gesetzt hatten, führt sich selbst zur Schlachtbank und gibt denen seine Stimme, die die beste Show zeigen.

Gauner und Geheimdienstler kennen diesen Trick

Wie alle Kassandrarufe kam Ecos Warnung zu früh, um gehört zu werden: Berlusconis Fernsehdemokratie war lange Zeit ein lokales Phänomen, bis sich im Jahr 2014 mit dem russischen Überfall auf die Ukraine das globale Ausmaß von Putins sogenannter „gelenkter Demokratie“ zeigte. Aus einer Verbindung von Lubjanka-Gefängnis und Hollywood-Inszenierung schuf Putin die erste postmoderne Diktatur. Im Übrigen hat die russische Seite bei allen neueren Fällen von Volksverdummung ihre Hände im Spiel. Selbst Dominic Cummings, der Chef der Kampagne „Vote Leave“, war drei Jahre lang in Russland, um zu lernen, wie man scheinbar aussichtslose Schnapsideen in politische Realität verwandelt. Und Wolodymyr Selenskyjs Karriere ist nichts als das Produkt des russischen Showbusiness, das bis zur Einführung der Quoten für russische Sendungen 2015 die ukrainischen Fernsehkanäle vollkommen dominierte.

Natürlich sind die fünfeinhalb Millionen Menschen, die im ersten Wahlgang für Selenskyj gestimmt haben, nicht so naiv, dass sie eine Fernsehfigur nicht von einem Menschen unterscheiden können. Allerdings wird während des gesamten offiziellen, als separate Fernsehshow gestalteten Wahlkampfs kontinuierlich daran gearbeitet, die Grenzen zwischen Rolle und Person zu verwischen. Den Anfang machte Selenskyjs Neujahrsansprache an das ukrainische Volk, die exakt zur selben Zeit ausgestrahlt wurde wie die Neujahrsansprache des Präsidenten. Das setzt sich auch jetzt vor der Stichwahl fort, etwa mit dem zwar gesetzeswidrigen, aber medial höchst wirksamen Videoaufruf an Poroschenko, sich dem Kandidatenduell im Stadion zu stellen, oder auch mit der Verbreitung von Boulevardthemen, etwa der Frage, ob Selenskyj drogenabhängig sei oder nicht. Hat Selenskyj Proben abgeliefert oder nicht? Ist er ein Junkie oder nicht? Ob die Leute darauf nun gleichgültig oder verärgert reagieren, ob sie klatschen oder pfeifen, sie sind unweigerlich Teil der Reality-Show, sie schalten nicht aus.

Selenskyjs größter Trick jedoch ist, dass er die wahlberechtigten Zuschauer nicht einfach auffordert, für Waldo, den blauen Bären, für ein aus Pixeln zusammengesetztes Bild zu stimmen, sondern sie aufruft, sich einen Präsidenten nach den eigenen Hoffnungen und Wünschen zu basteln, ein Hologramm zu zeichnen, wie ein Kind ein Bild ausmalt. Deswegen hat Selenskyj nach der Verkündung seiner Kandidatur die potentiellen Wähler als Erstes aufgefordert, ihm zu „helfen“, sein Wahlprogramm zu schreiben, nach dem Motto: Lasst uns das Land gemeinsam verändern – Tausende Menschen fühlten sich geschmeichelt und stürzten sich wie in den Tagen des Majdan ins Facebook, um dem „Kandidaten ohne Programm“ ihre ausführlichen, zum Teil sehr kenntnisreichen und vernünftig begründeten Änderungsvorschläge zu übermitteln: ein Triumph des Populismus – und gleichzeitig ein äußerst cleverer Schachzug zur Bindung von Sympathisanten. Gauner und Geheimdienstler kennen diesen Trick – je mehr eigene Ressourcen ein Opfer in ein Spiel investiert, umso schwerer fällt es ihm später zuzugeben, dass es einer Täuschung aufgesessen ist.

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