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Grüner Beethoven : Alle Menschen

  • -Aktualisiert am

Von Natur aus grün: Das frisch restaurierte Beethoven-Denkmal auf dem Bonner Münsterplatz Bild: Imago

Einfache Sprache und Klimaaktivismus: Steven Walter, der Intendant des Beethovenfestes Bonn, macht mit Beethoven Politik und schreibt damit die Geschichte der Inbesitznahme von dessen Musik fort.

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          Alle reden vom Klima. Richard Wagner auch. Wenn man durch Bayreuth spaziert, kann man sich Podcasts auf den Taschenfernsprecher laden: zum Thema „Kunst und Klima“. Marie Luise Maintz und Patrick Hahn haben sich das ausgedacht für die kluge, zumutungsreiche Reihe „Diskurs Bayreuth“. Denn über „Kunst und Klima“ hat Wagner wirklich geschrieben. Eine seiner Schriften von 1850 heißt so. Ulrich Konrad liest daraus vor, wobei schnell klar wird, dass Wagner das Klima als weitgehend unerheblich für die Kunst einstuft. Die Zivilisation sei vielmehr das Übel aller Wurzeln, weil sie die Natur zerstöre und uns unfrei mache. Deshalb wolle Wagner am Ende der „Götterdämmerung“, so Herfried Münkler, „die Resettaste drücken“.

          Klingt einfach. So auch dies: „Wir erleben, wie sich unsere Erde immer schneller erwärmt. Das bedroht uns alle. (...) Wir fühlen einen Schmerz. Das Beethovenfest 2022 drückt diese Stimmung aus. Sie ist ein Hauptthema des Festes. In vielen Werken geht es um den Schmerz. Aber wir setzen dem Schmerz auch etwas entgegen: Das sind Begegnung, Nähe und eine Vielfalt an Erlebnissen für alle Menschen. Sie sollen ein wenig dazu beitragen, dass wir uns besser fühlen.“ Das schreibt Steven Walter, der neue Intendant des Beethovenfests Bonn zum Geleit seiner ersten Saison, die am 25. August beginnen wird. „Alle Menschen“ ist sie überschrieben. Nach Friedrich Schillers Zeile „Alle Menschen werden Brüder“, die in Beethovens neunter Symphonie gesungen wird. „Heute würden wir sagen: Alle Menschen werden Brüder und Schwestern“, ergänzt Walter. Aber Schiller in gerechter Sprache – so weit sind wir noch nicht. Erst einmal Beethoven in einfacher Sprache.

          „Immer einfacher werden“ hatte sich Beethoven tatsächlich in die Skizzen zur Neunten geschrieben. Sie wurde trotzdem komplex. „Alle Menschen werden Brüder“ meint bei ihm nicht „alle Leute“. Zunächst müssen die Leute erst mal Menschen werden. Das würden sie nach Beethovens Auffassung durch Beschäftigung mit Kunst und Wissenschaft. „Alle Menschen“ meint bei Steven Walter: auch die Straßenarbeiter und Asphaltkocher, auch die Migranten mit schütteren Deutschkenntnissen. Das ist schön. Denn Beethoven darf kein Privileg für Besserverdienende mit Hochschulabschluss sein. Walter meint mit „alle Menschen“ vielleicht nicht: Viel-Griller, SUV-Fahrer und Corona-Leugner. Keine Partizipation ohne Exklusivität.

          Zu jeder Zeit meldeten politische Gruppen Besitzanspruch auf Beethoven an. In der kommunistischen Zeitung „Die rote Fahne“ schrieb Hanns Eisler 1927: „Denn er war unser“. Joseph Goebbels sah das kurz danach genauso. Jetzt sind die Klimaaktivisten dran. Der Radiosender „Stimme der DDR“, bemüht, durch Bildung aus Leuten auch „Menschen“ in Beethovens Sinn zu machen, hatte früher eine Reihe, in der man – eingeschoben in ein Programm für Hörerinnen, die in heutigen Marktforschungsstudien als „Tchibo-Hausfrauen“ firmieren – Beethovens „Eroica“ in voller Länge hören konnte. Titel der Reihe: „Musik an alle, für alle“.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

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