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Steve Pinker in Frankfurt : Vereinfache das Leben!

Die Graphen, die er in seinen Vorträgen an die Wand wirft, können selbst den schlimmsten Pessimisten zuversichtlicher stimmen: Steven Pinker im November 2017 in Mexiko. Bild: EPA

Steven Pinker, der kanadische Stardenker, will Frankfurt zum Optimismus bewegen. Er hält es mit Ökopragmatismus statt Naturverbundenheit. Doch auch für ihn gibt es eine schlechte Nachricht.

          Dass die Deutschen trotz bester Wirtschaftsdaten so mies drauf sind, hat Angela Merkel kürzlich erstmals als Problem benannt. Die Kanzlerin ging dem wertkonservativen Parteiflügel der Union bis dahin beträchtlich auf die Nerven, wenn sie in der Werte-Debatte allein an die Bereitstellung von Turnhallen für Flüchtlinge dachte. Fortschritte des Gemeinsinns lassen sich eben nicht mit Innovationen in der Batterieforschung erkaufen, wenn Sinn überhaupt eine Fortschrittsgeschichte ist. Das hängt davon ab, ob man Kultur mit Max Weber als einen als bedeutsam bewerteten Weltausschnitt versteht oder mit dem kanadischen Stardenker Steven Pinker als einen Parcours technischer Probleme, die ungeduldig darauf warten, gelöst zu werden. Bedeutsam ist für Pinker, was die Statistik erfasst. Über diesen Punkt ist nicht mit ihm zu reden.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

          So gesehen, ist die Lage viel besser als die Stimmung. Wohlstand, Demokratie, Lebensdauer sind im Lauf der Jahrhunderte und Jahrzehnte weltweit und selbst in Entwicklungsländern signifikant gestiegen. Könnte das zerstrittene Land eine kräftige Dosis Pinkerism also nicht gut vertragen? Es muss dafür erst einmal sehr tapfer sein, denn am Anfang von Pinkers Optimismus steht eine eher schlechte Botschaft: Das Universum interessiert sich nicht für uns, die Natur ist gefühllose Materie. Umarmt keine Bäume, sie werden euch die Liebe nicht zurückgeben! Wer sich in diesem Wissen aufgehoben fühlt und nicht nach dem Strohhalm der Religion greift, der lernt aus tiefer Ernüchterung den Optimismus. Den Nihilismus kann ja nur ausrufen, wer sich, anders als Pinker, auf die Sinn spendende Hypothese Gott eingelassen hat.

          Pinker, der sich nicht heftig genug über den verblendeten Irrsinn im Weißen Haus erregen kann, steht aber nun vor dem gleichen Problem wie Merkel: Die Menschen wollen den Fortschritt nicht wahrhaben. „Let’s go to the data“, sagt er mit feinem Lächeln im großen Saal der Frankfurter Nationalbibliothek, wirft Graph um Graph an die Wand, und was darauf zu erkennen ist, kann selbst den schlimmsten Pessimisten zuversichtlicher stimmen: Die Zahl der Kriegsopfer, der tödlichen Krankheiten, der Kinderarmut ist im Laufe der Jahrhunderte im weltweiten Durchschnitt deutlich gesunken. Die Hausarbeit, eine der weltweit unbeliebtesten Tätigkeiten, ist im globalen Mittel von sechzig auf fünfzehn Stunden gesunken, so dass auch Berufstätige nicht weniger Zeit für ihre Kinder haben als früher. Im Gegenzug sind Alphabetismus, Sicherheit, Intelligenzquotient, um nur einige Beispiele zu nennen, deutlich gestiegen. Ein Feuerwerk der Evidenz nennt es die Moderatorin Elisabeth von Thadden von der „Zeit“, die sich mit ihm über sein neues Buch „Aufklärung jetzt“ unterhält. Es ist mitreißend.

          Mitgefühl für sieben Milliarden Menschen

          Warum will die Welt das nicht wertschätzen? Die Leute seien nostalgisch, fortschrittsvergessen, sagt Pinker, sie profitierten von den Werten der Aufklärung so sehr wie noch nie und redeten sie schlecht. Er hat dafür folgende Erklärung: Die menschliche Psyche lasse sich nach empirischen Erkenntnissen von negativen Ereignissen stärker beeindrucken als von positiven, die Medien trügen die negative Selektion weiter. Warum lese man so selten die Headline: „In den letzten zehn Jahren sind soundso viele Millionen Menschen über die Armutsschwelle gesprungen“?

          Wenn die Weltwahrnehmung nun immer stärker von Medien bestimmt wird, die das Katastrophenbedürfnis zudem noch, wie die sozialen Netzwerke, manipulativ anheizen, kommt ein Teufelskreislauf in Gang, den Pinker aber für auflösbar hält. Er empfiehlt dafür eine leichte Gewichtsverschiebung im Journalismus zugunsten positiver Nachrichten und die empirische Wissenschaft vom Menschen, die das Zeug dazu hat, den blinden Fleck in der Wahrnehmung zu korrigieren.

          Elisabeth von Thadden, die erkennbar wenig mit Pinkers Weltbild sympathisiert, lenkt den Blick auf den blinden Fleck dieser Wissenschaft: Das Innenleben, das in Pinkers Buch so gut wie keine Rolle spiele, sei auch das eine Fortschrittsgeschichte? Das Subjekt, die innere Erfahrung, bei der alle Vernunft anfängt, hält mit dem wissenschaftlichen Fortschritt ja nicht Schritt – das Gehirn schrumpft im Vergleich zu dem Wachstum des objektiven Wissens, weshalb sich heute so viele verloren fühlen. Auch dafür hat Pinker eine Patentlösung: die Empathie, der zweite Pfeiler der Aufklärung. Mitgefühl für sieben Milliarden Menschen, sagt er, könne er ehrlicherweise nicht empfinden. Die Vernunft sage ihm aber: sie seien so wertvoll wie er selbst mit seinem einzigartigen Bewusstsein.

          In Pinkers schweigendem Universum ist das Bewusstsein die kosmische Insel, die es braucht, um seinen Humanismus zu rechtfertigen, der sich dann aber nur auf Artgenossen erstrecken kann und nicht auf vernunftlose Käfer und Grashalme: „Der Planet fühlt keinen Schmerz, anders als das einzigartige Bewusstsein.“ Von Thadden bohrt weiter: „Brauchen wir heute nicht eine zweite Aufklärung, die nicht mehr den Menschen, sondern Mutter Erde ins Zentrum stellt?“ Die Mutterliebe weist Pinker zurück. Er hält es mit Ökopragmatismus: den Klimawandel durch den Umstieg auf erneuerbare Energien zu stoppen und das Gefühl der Naturverbundenheit, das ja eh nur eine Illusion war, verloren zu geben.

          Es gibt nun aber auch für ihn eine schlechte Nachricht: Die Zeit läuft davon, und die rettende Technik könnte uns zu spät erreichen. Am Ende könnte es sogar so kommen, dass Pinkers Erzfeind Adorno, einer dieser übellaunigen Intellektuellen, die das Leben so schrecklich verkomplizieren, mit seiner Kritik der instrumentellen Vernunft recht behält und Pinkers Graphen plötzlich nach unten zeigen.

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