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Sterbehilfeorganisation Exit : Der Tod ist eine Option, kein Ziel

Das Schlafmittel Pentobarbital wirkt bereits niedrig dosiert tödlich Bild: KEYSTONE

Wer nicht mehr leben, aber auch noch nicht sterben kann, sucht Erlösung bei der Sterbehilfeorganisation Exit. Pro Tag melden sich dort bis zu hundert Menschen an. Wie geht es dann weiter? Eine Inspektion.

          7 Min.

          Es gibt Menschen, die glauben, der Tod lasse sich kurzerhand nach Hause bestellen. Da ruft man einfach bei der Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit an, und es kommt jemand und bringt in einem Köfferchen das tödliche Medikament. Aber so einfach funktioniert das mit dem Tod nicht, auch nicht bei einer Sterbehilfeorganisation.

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Vor ein paar Wochen zum Beispiel bekam Bernhard Sutter, zukünftiger Geschäftsführer von Exit, einen Anruf von einem verzweifelten Mann. „Sie kommen jetzt sofort“, rief der ins Telefon. „Sie kommen jetzt sofort.“ Ein junger Mensch, keine dreißig Jahre alt, kämpfte gegen den Tod. Es war die Tochter des Anrufers. Sutter hörte sie im Hintergrund röcheln, sie rang nach Luft, drohte zu ersticken. Zystische Fibrose im Endstadium. „Exit konnte in diesem Moment nichts tun, ich konnte dem Vater nur sagen, er solle sofort die Notrufnummer wählen und nach einem mobilen palliativen Team verlangen“, sagt Sutter.

          Zürich liegt unter einem wolkenlosen Himmel an diesem Morgen. Auf dem See kreuzen die ersten Segelboote, und in der Ferne zeichnen sich die Berge ab. Der Tod könnte nicht ferner sein. Bernhard Sutter, 47 Jahre alt, schlank, trägt ein kariertes Hemd, Sandalen und eine blau getönte Brille. Er könnte auch in einer Werbeagentur arbeiten, aber sein Geschäft ist das Sterben, wobei er das nie so formulieren würde.

          Der Tod soll nicht an der Religion scheitern

          Er sagt: „Wir setzen uns für die Selbstbestimmung des Menschen ein.“ Exit hilft beim Abfassen von Patientenverfügungen, berät, leistet Suizidprävention, unterstützt Menschen in Krisen und begleitet sie in den Freitod oder zurück ins Leben, je nachdem.

          Wer mit Exit sterben möchte, der muss einige Bedingungen erfüllen. Er muss unter „einer zum Tode führenden Krankheit, unzumutbaren Behinderung oder unerträglichen Beschwerden“ leiden. Er muss urteils- und handlungsfähig sein, der Sterbewunsch wohlerwogen und konstant. Er muss seine Entscheidung autonom getroffen haben, ohne Druck.

          Liegen die Dinge eindeutig, dann verschreibt der Hausarzt das Schlafmittel Natrium-Pentobarbital. Doch manche Ärzte weigern sich, aus religiösen Gründen oder standesethischen: Ein Arzt solle Leben retten, nicht den Tod per Rezept verschreiben. Für solche Fälle hat Exit Konsiliarärzte. Der Tod soll nicht an der Religion scheitern.

          Die Leidensgeschichte von Janine

          Exit hilft nicht bei Depressionen. Psychische Leiden sind in ihrer Nicht-Greifbarkeit extrem heikel. Wer will schon beurteilen, ob eine Seele unheilbar ist? Das Verfahren ist langwierig, mehrere unabhängige psychiatrische Gutachten müssen erstellt werden, was sich durchaus über Jahre hinziehen kann. „Wir beraten sehr viele psychisch Kranke, aber nur sehr wenigen können wir beim Sterben helfen“, sagt Sutter. Vielleicht sind es drei, vielleicht fünf im Jahr. Mehr nicht.

          Eine dieser psychisch Kranken hieß Janine. Die Eltern haben die Leidensgeschichte ihrer Tochter in der Exit-Broschüre „Und dann schlief sie ganz friedlich ein“ niedergeschrieben, es ist das erschütternde Dokument einer jahrelangen Leidensgeschichte. Mit neunzehn erlebte Janine einen Auffahrunfall, sie saß hinten im Auto, durch die Wucht des Aufpralls erlitt sie ein schweres Schleudertrauma. Die Beschwerden wurden von da an nie wieder besser.

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