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Sterbehilfeorganisation Exit : Der Tod ist eine Option, kein Ziel

Bevor Heidi Vogt in Rente ging, war sie Supervisorin im Gesundheitswesen. Sie war früher auch als Krankenschwester tätig sowie in einer Drogenberatungsstelle, damals, in den achtziger Jahren, als die große Angst vor HIV ausbrach. Seit bald acht Jahren leitet sie nun das Team der Freitodbegleiter. Um die vierzig sind es insgesamt, die meisten von ihnen Frauen und älter als sechzig Jahre. „Gestandene Persönlichkeiten“, sagt Heidi Vogt.

So oder so, man lernt einander kennen

Ein Jahr dauert die Ausbildung, die Tätigkeit wird im Grunde ehrenamtlich ausgeübt, die Bezahlung: sechshundert Franken. Auch Heidi Vogt begleitet Menschen in den freiwilligen Tod. Ob sie das jeden Tag tue, wurde sie einmal gefragt, als ließe sich das Sterben routinemäßig abarbeiten. Sie sagt: „Wir achten darauf, dass unsere Sterbebegleiter eine ihrer individuellen Belastbarkeit angemessene Anzahl Menschen betreuen und in den Tod begleiten.“

Je nachdem, wie schwer, wie aggressiv die Krankheit ist, die sehr oft Krebs heißt, bleibt den Sterbebegleitern mehr oder weniger Zeit, um die Formalitäten zu klären und Gespräche zu führen, auch mit den Angehörigen. So oder so, man lernt einander kennen. Beziehungen entstehen. Vielleicht ist das die größte Schwierigkeit überhaupt, sich abzugrenzen. „Wir sind nicht Teil der Familie, wir sind auch keine Freunde, aber das heißt nicht, dass einem ein Mensch nicht ans Herz wachsen kann“, sagt Heidi Vogt. Es gibt immer einen Moment der Traurigkeit.

Die letzten Wünsche der Menschen sind verschieden. Die einen möchten spazieren gehen, noch einmal den Himmel sehen, andere gemeinsam mit ihren Angehörigen zu Mittag essen oder alte Fotos anschauen, bevor sie sterben. Und manche möchten es einfach nur so schnell wie möglich hinter sich bringen, ohne Reden, ohne Rituale. Heidi Vogt akzeptiert das. Sie ist nicht die Dramaturgin. Sie bringt das Medikament, sie fragt, ob man sich wirklich sicher sei, sie könne wieder gehen. Ganz so, als sei nichts gewesen. Ein einziges Mal ist ihr das passiert, und die Angehörigen waren über den plötzlich erwachten Lebensmut reichlich verdutzt. „Wichtig ist für mich, dass ich spüre und höre, dass dieser Mensch sich das gut überlegt hat“, sagt sie.

Die Person mit dem Sterbewunsch muss das Natrium-Pentobarbital eigenständig einnehmen oder die Infusion aufdrehen können. Bereits eine geringe Dosis wirkt tödlich. Erst setzt die Atmung aus, dann schlägt das Herz nicht mehr. Heidi Vogt bleibt, bis der Tod eingetreten ist. Für gewöhnlich dauert das nicht sonderlich lange, eine halbe Stunde vielleicht, in Ausnahmefällen können es allerdings auch mehrere Stunden sein. Dann kommt ein Gerichtsmediziner, der den Tod feststellt, die Polizei, manchmal auch die Staatsanwaltschaft.

Zurück in der Innenstadt. Direkt an der Limmat liegt der Biergarten Bauschänzli, wo täglich Livemusik gespielt wird. Die Temperaturen sind jetzt auf dreißig Grad gestiegen, trotzdem tanzen etliche Paare, allesamt herausgeputzt, viele in einem hohen Alter. Die Art, wie sie sich bewegen, hat etwas Selbstvergessenes. Und wieder könnte der Tod nicht ferner sein.

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