https://www.faz.net/-gqz-7ry2n

Sterbehilfe : Wo bist du, falls ich das Gift trinke?

Bereit, gegen seine Überzeugung handeln: Nikolaus Schneider Bild: dpa

Chronik eines angekündigten Todes: Der EKD-Chef Nikolaus Schneider will seiner kranken Frau beim Sterben helfen. Ein bewegender Fall, der nicht instrumentalisiert werden sollte

          Muss sich Nikolaus Schneider, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Schillers geflügeltes Wort vorhalten lassen: „Vor Tische las man’s anders“? Nimmt er von den Positionen seiner Kirche zur Sterbehilfe Abstand, sobald es für ihn selbst konkret wird? Behauptet, normentheoretisch gefragt, hier mal wieder jemand ein Dilemma, eine ethische Ausweglosigkeit, um den Konflikt nicht austragen zu müssen? Fragen, die den Tenor vieler (bei weitem nicht aller) Reaktionen auf zwei Interviews bilden, die Schneider gemeinsam mit seiner Frau im „Stern“ und in der „Zeit“ gab.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ein paar Beispiele: „Ausgerechnet der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Nikolaus Schneider, würde seine krebskranke Frau im Ernstfall bei der Sterbehilfe unterstützen“, so die „Deutsche Welle“. „EKD-Chef erschüttert die Sterbehilfe-Position seiner eigenen Kirche“, las man in der „Welt“. „Er spielt den Sterbehelfern in die Hände“, monierte Eugen Brysch, Chef der Deutschen Stiftung Patientenschutz, in der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. Treffen solche Reaktionen die Aussagen Schneiders, der für November seinen Rücktritt vom Amt angekündigt hat, um sich seiner schwerkranken Frau widmen zu können? Was hat der EKD-Chef in den beiden im Übrigen sehr berührenden Interviews wirklich gesagt?

          Freies Ermessen von Freunden und Ärzten

          So viel vorneweg: Schneiders Fall eignet sich nicht für die Inszenierung des Dramas „Ein Individuum rebelliert gegen seine Institution“, weder im säkularen Dissensmuster von Abwanderung und Widerspruch noch in der Fanalfassung eines „Hier stehe ich und kann nicht anders“. Schneider hält glasklar an den restriktiven Positionen seiner Kirche zur Suizidbeihilfe fest, die er in der Formel zusammenfasst: „beim Sterben jede Hilfe. Aber nicht zum Sterben.“ Dagegen wendet seine Frau ein: „Gegen kommerzielle Sterbehilfe bin ich auch, aber organisierte Sterbehilfe sollte nicht verboten werden.“ Daraufhin ihr Mann Nikolaus: „Das sehe ich ganz anders.“

          Ehrlich im besten lutherischen Sinne und geprägt von Signalen gegenseitiger Zuneigung, sind die Interviews durchaus kontroverser Natur; wiederholt liest man dieses „Das sehe ich anders“. Die beiden seit 44 Jahren verheirateten Schneiders legen ganz offensichtlich Wert darauf, sich auch in existentiellen Fragen verschiedene Standpunkte zu leisten. Mehrmals erwähnt Nikolaus Schneider den springenden theologischen Punkt hinter seiner Ablehnung von Suizid und der Beihilfe dazu: den Autonomievorbehalt bei der Entscheidung über Leben und Tod. „Der Punkt ist: Wie weit geht die Autonomie des Menschen, auch vor Gott? Erstreckt die sich auch bis hin zur freien Entscheidung, wann ich sterbe?“

          Nur scheinbar ist Anne Schneider bei dem Doppelgespräch im „Stern“ und in der „Zeit“ in der defensiven Position. In Wahrheit ist sie es, die die Unterhaltung vorantreibt und aus dem Dissens mit ihrem Mann Funken schlägt, welche die eingeschliffenen Debattenstandpunkte in ein neues Licht tauchen. Statt sich beispielsweise abstrakt weiter auf die Frage einzulassen, wo die passive Sterbehilfe endet und die aktive beginnt, erzählt Anne Schneider eine Begebenheit, die mehr sagt als alle Versuche, den einzelnen Fall auf einen theoretischen Nenner zu bringen: „Meine Mutter hatte einen tollen Arzt, der ließ sie in der Schlussphase ihrer Krebserkrankung die Dosierung des Morphiums selber übernehmen im Wissen, dass ab einer bestimmten Menge ihr Herz aufgibt.“ So erinnert sie in der Sache an etwas, das auch ihr Mann nicht in Abrede stellt: dass es „in einer humanen Zivilisation immer eine Zone des ärztlichen oder freundschaftlichen Ermessens geben wird, die nicht ans Licht gezerrt gehört“ (Robert Spaemann).

          Dieses Dokument ist nicht zu beurteilen

          Es folgen die dichten, tatsächlich dramatischen Passagen, in denen Anne Schneider das Szenario ihres Sterbens entfaltet. Sie will sich für den äußersten Fall die organisierte Sterbehilfe als Option offenhalten und dabei auf die Solidarität ihres Mannes setzen: „Ich hoffe, wenn ich selber an den Punkt kommen sollte, sterben zu wollen, dass mein Mann mich dann in die Schweiz begleitet. Dass er neben mir sitzen und meine Hand halten würde, wenn ich das Gift trinke.“ Woraufhin ihr Mann erwidert: „Das wäre zwar völlig gegen meine Überzeugung, und ich würde es sicher noch mit Anne diskutieren. Aber am Ende würde ich sie wohl gegen meine Überzeugung aus Liebe begleiten.“

          Man kann das im Zusammenhang nur so verstehen, dass nicht etwa der Akt schmerzlicher Anteilnahme - „dass er neben mir sitzen und meine Hand halten würde“ - gegen Schneiders Überzeugung steht. Ein solcher Liebesdienst ist ihm völlig selbstverständlich: Sollte er seine Frau, die ihre eigene Entscheidung trifft, in der Todesstunde etwa alleinlassen? Wenn Schneider diesen letzten Dienst leistet, kann man ihm deswegen nicht schon vorhalten, dass er beim Sterben nachhilft. Keineswegs erwartet seine Frau denn auch von ihm persönlich, ihr, wenn es überhaupt so weit kommen sollte, das Gift einzuflößen. Die Erwartung richtet sich nur auf sein Bei-ihr-Sein, welche er zu erfüllen verspricht: „Dazu stehe ich. Die Liebe ist entscheidend.“

          Wozu er nicht steht und was seiner Überzeugung widerspricht, wäre die Entscheidung, das Gift zu nehmen. Um diese Entscheidung will er mit seiner Frau ringen, „noch diskutieren“. So heißt es im Interview: „Für Anne würde ich auch etwas gegen meine Überzeugung tun. Aber ich würde alles versuchen, Anne für einen anderen Weg zu gewinnen ... (Anne Schneider lächelt).“

          Dieses bewegende Dokument gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens steht für sich selbst. Es gehört nicht in die Beurteilungsmaschine. Es verdient keine Instrumentalisierung für den politischen Gremienkampf um die Sterbehilfe. Man liest es, schaut aus dem Fenster und staunt, als hätte man Sonne und Wolken noch nie gesehen.

          Weitere Themen

          Zahl der Kirchenaustritte steigt

          Aktuelle Statistik : Zahl der Kirchenaustritte steigt

          Die am Freitag veröffentlichte Mitgliederstatistik zeigt, dass die beiden großen Kirchen in Deutschland weiter Mitglieder verlieren. Aus der katholische Kirche heißt es, dies seien „besorgniserregende“ Zahlen.

          Topmeldungen

          Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

          Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.