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Sterbehilfe : Wer schließt sich ab?

  • -Aktualisiert am

Literaturwissenschaftler Walter Jens, 2006 Bild: picture-alliance/ dpa

Hans Küng ist erschüttert, weil er nichts mehr für seinen an Demenz erkrankten Freund Walter Jens tun kann. Dabei kann er mit ihm zum Kaninchenstall gehen oder zum Wachhund. Was das Beispiel Walter Jens' unsere Gesellschaft lehrt.

          In Ronald Dworkins Mitte der neunziger Jahre veröffentlichtem Buch „Die Grenzen des Lebens“ ist es ein Gedankenspiel: „Gehen wir einmal davon aus, Margo hätte vor Jahren, als sie noch gesund war, in einem formellen Dokument verfügt, falls sie je an Alzheimer erkranken sollte, wolle (sie) möglichst rasch und schmerzlos getötet werden ...“ Der amerikanische Philosoph, der als Theoretiker der Bürgerrechte Renommee erworben hat, als Bioethiker aber keine Schwierigkeiten darin sieht, Lebensqualität hierarchisch abzustufen, führt Margos Geschichte schnell zu dem Punkt, an dem existentielle Entscheidungen getroffen werden müssen. Verlangt das Recht auf Selbstbestimmung, dass die für Margos Betreuung zuständigen Menschen den Tötungswunsch nun respektieren, obwohl die an Alzheimer erkrankte Patientin „allem Anschein nach mit ihren eselsohrigen Kriminalromanen und ihren Erdnussbutterbroten glücklich“ ist? Dworkin lässt keinen Zweifel daran, dass seine Antwort „ja“ lautet.

          Wer das Selbstbestimmungsrecht als höchstes Gut wahren will, muss bereit sein, Härten in Kauf zu nehmen. Das ist die Botschaft dieses intellektuellen Exkurses, den Dworkin mit der Geschichte von Odysseus anreichert, der – weil er die Sirenen hören, ihnen aber nicht zum Opfer fallen will – sich am Mastbaum seines Schiffes festbinden ließ und die Gefährten verpflichtete, ihn keinesfalls loszubinden, auch wenn er sehnlichst danach verlangen werde. Das Odysseus-Beispiel geht allerdings fehl: Den Sirenen zu folgen bedeutete den Tod; als Odysseus sich also vor der Abfahrt entschied, dass seine Freunde eine spätere, im Zustand der Verzauberung durch den Sirenengesang getroffene Willensänderung nicht zu beachten hätten, traf er eine Entscheidung für das Weiterleben. Er wollte gerade verhindern, dass er im Zustand verlorener Willensfreiheit einer Verlockung folgen und dadurch zu Tode kommen würde.

          Ist das Weiterleben noch erträglich?

          Dworkin interessiert sich aber nicht für den Mythos in seinem Zusammenhang, er analysiert den darin enthaltenen Konflikt unter Ausblendung konkreter Umstände abstrakt: das Spannungsfeld zwischen Wünschen, die im Zustand der Zurechnungsfähigkeit getroffen werden, und dazu entgegengesetzten Wünschen „im Zustand der Inkompetenz“. Aus einer Lebensgeschichte eine abstrakte Kasuistik zu entwickeln ist ein in der Bioethik verbreitetes und nach außen erfolgreiches Vorgehen, weil es die suggestive Dramatik des Einzelfalles erhält, ohne eine (in diesen Fällen theoretische) Entscheidung durch dessen komplexe Differenzierungen zu erschweren.

          Theologe Hans Küng, 2008

          Hans Küngs Betrachtungen über Walter Jens (siehe Walter Jens ist dement – Beobachtungen aus nächster Nähe von Hans Küng ) haben nichts von Dworkins extremistischer Konsequenz. Der Ausgangspunkt seines erschütterten Berichtes über das (Weiter-)Leben seines Freundes und Kollegen ist allerdings von dem des Bioethikers nicht wesentlich verschieden. Das Leben mit Demenz betrachtet Küng in erster Linie unter dem Aspekt, ob das Weiterleben des Erkrankten noch erträglich erscheint. Dabei schreibt Küng gar nicht in erster Linie über Jens. Sein Bericht skizziert vor allem die Wirkung, die Jens auf ihn hat. Küng ist erschüttert, und er leidet darunter, dass keine geistige Kommunikation mit seinem erkrankten Freund mehr möglich ist. Der Intellektuelle Küng vermerkt zwar, dass er noch emotionalen Zugang zu Jens finden kann, offensichtlich setzt er diese Erkenntnis aber nicht um. Im Verlauf der Besuche, wie er sie beschreibt, sucht er das Gespräch, das mit Jens kaum möglich ist, mit dessen Frau, bewundert sie für ihre Haltung, lässt die so Geadelte aber im Ergebnis allein.

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