https://www.faz.net/-gqz-15072

Sterbehilfe : Tod aus Systemzwang?

Institutionalisierte Sterbehilfe: Dignitas in der Schweiz Bild: AP

Die Sterbehilfe-Debatte tritt in ein neues Stadium. Zwei spektakuläre Urteile sorgen in Großbritannien für Aufsehen. Die Diskussion kreist um die Frage: Lässt sich der Sterbevorgang überhaupt noch aufhalten, wenn die Hebel der Helfer in Bewegung gesetzt sind?

          3 Min.

          Gesetze, die die Sterbehilfe regeln wollen, haben es mit einer besonderen Zumutung zu tun: Sie müssen den jeweiligen Wunsch zu sterben soweit objektivieren, dass er sich als Rechtsfall darstellen lässt. Die öffentliche Debatte, ob in Großbritannien, Holland oder der Schweiz, arbeitet sich am Kriterium der Selbstbestimmung ab. Als Faustregel gilt: Je klarer der Wille, sein Leben zu beenden, zu greifen ist, je besser er sich vergegenständlichen lässt, desto gerechtfertigter erscheint die Beihilfe zur Selbsttötung.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Auf dieser Linie liegen zwei neue Urteile in Großbritannien, die dort für Aufsehen sorgen. Im einen Fall wurde eine Mutter freigesprochen, nachdem sie ihrer einunddreißigjährigen, schwer kranken und lebensmüden Tochter Beihilfe zur Selbsttötung geleistet hatte. Im anderen Fall muss eine Mutter in jahrelange Haft, weil sie ihren behinderten zweiundzwanzigjährigen Sohn getötet hatte, der einen möglichen Sterbewunsch gar nicht hätte artikulieren können.

          „Aus Liebe“ den Preis zahlen

          Die Debatte kreist um die Darstellbarkeit von Selbstbestimmung nach außen: Muss, sofern nicht ohnehin eine Vorausverfügung vorliegt, der Sterbewunsch wirklich ausnahmslos noch artikuliert werden können, um als Handlungsanweisung an Dritte zu genügen? Reicht es nicht aus, wenn die verurteilte Mutter angibt, „aus Liebe“ gehandelt zu haben, um ihrem zu jeder Regung unfähigen Sohn „die Hölle auf Erden“ zu ersparen? Liebe und tu, was du willst - das sei jedenfalls für die Rechtsprechung keine taugliche Maxime, erklärte der zuständige Richter.

          Nicht die Motive der Angehörigen könnten den Ausschlag für die Vertretbarkeit von Sterbehilfe geben, sondern der auf seine Authentizität zu prüfende Wille des Lebensmüden. Den Glauben, das Gesetz in die eigene Hand nehmen zu dürfen, könne er keinem nehmen, gab der Richter zu verstehen. Aber man müsse dann eben auch bereit sein, „aus Liebe“ den Preis zu zahlen, den das Gesetz für diese Eigenmächtigkeit fordert.

          Ethik als Organisationssoziologie

          Was aber, wenn sich die Selbstbestimmung nicht nur nach außen schwer objektivieren lässt (weil entsprechende Willenserklärungen nicht oder nicht hinreichend klar vorliegen), sondern, wenn sich das Selbst auch nach innen schwer bestimmen lässt (weil es schwankt, weil es jetzt so und im nächsten Moment anders will)?

          In diesem Sinne fragt der Baseler Philosoph Bernhard Schmid gestern in einem Aufsatz für die „Neue Zürcher Zeitung“: Ist es rechtens, lediglich die Selbstbestimmung nach außen, nicht aber nach innen zum Problem der juristischen Darstellbarkeit zu machen? Mit anderen Worten: Muss nicht, wer nach der Authentizität des Sterbewunsches fragt, auch fragen, wie es im konkreten Fall um die Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Sterbewilligen steht, seinen Willen doch noch zu ändern? Nicht auf phantastische Introspektion läuft dieser Vorschlag bei Schmid hinaus, sondern auf Ethik als Organisationssoziologie: auf ein „ethisches Problem der aktiven, organisierten Sterbehilfe, welches bisher nicht beachtet wurde. Es liegt im Akt der Sterbehilfe als solchem und, nüchtern gesagt, in den organisatorischen Aspekten dieser Hilfe.“

          Stummer organisatorischer Druck

          Schmid hat recht, wenn er die Sterbehilfe-Diskussion von den spektakulären Grenzfällen wie jenen in England entkoppeln und auf die institutionalisierten Möglichkeiten - Sterbehilfevereine wie „Dignitas“ - konzentrieren möchte. Dort gehe es nicht um einsame Entscheidungen verzweifelter Mütter, sondern um eine komplexe Gemeinschaftshandlung, „bei der sich alle Beteiligten auf ihre Rollen festlegen: Beitritt zum Verein, Anreise, Vorgespräch, Arzttermin, Arrangement des Sterbetermins, vorbereitende Einnahme des den Magen beruhigenden Medikaments - Schritt für Schritt legt sich der Todeskandidat auf ein Ziel fest. Auf Grund dieser Vereinbarung werden die weiteren Beteiligten tätig. Aus der Konstellation resultiert jedoch ein Spannungsverhältnis im Begriff der Freitodbegleitung selbst, nämlich die Spannung zwischen der Freiheit und der Begleitung - gleichgültig, wie ,helfend' letztere auch immer ausfallen mag.“

          Hier öffnet sich eine neue Dimension der Sterbehilfe-Debatte: Im Mittelpunkt steht der bürokratische Systemzwang, B zu sagen, wenn erst einmal A gesagt wurde. Es geht nicht länger um die dramatische Abwägung zwischen der Unverfügbarkeit des Lebens in allen seinen Stadien und dem Wunsch, vom Leid zu erlösen. Hat der Vorgang der assistierten, gemeinschaftlichen Sterbehilfe erst einmal begonnen, so wird der Spielraum enger, ihn wieder abzubrechen - einfach deshalb, weil ein Kollektiv von Helfern stummen organisatorischen Druck ausübt: Die Abläufe geben den Ausschlag, der Tod wird zum Funktionserfordernis. Der Sterbewillige ist, so Schmid, „nicht mehr bloß sich selbst gegenüber, sondern auch anderen gegenüber festgelegt - anderen gegenüber, die diese Festlegung dadurch bestätigen, dass sie auf ihrer Grundlage aktiv werden.“ Verwandelt sich hier Freiheit doch wieder in Unfreiheit? Wie viel Selbstbestimmung bleibt übrig, wenn der Sterbewillige zum Mitläufer seines eigenen erklärten Willens wird?

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine App für mehr Freiheiten? So könnte der grenzüberschreitende Corona-Impfausweis künftig aussehen.

          Vier Fragen zur Immunität : Was steht drin im Corona-Impfpass?

          Immun gegen Corona, geht das überhaupt? Der europäische Impfpass ist von der Politik inzwischen fest avisiert, aber es sind einige Fragen offen. Was könnte in einem Immunitätszertifikat stehen, das digital überall abrufbar ist? Vier Fragen, vier Antworten.
          Kevin Trapp und die Frankfurter verlassen des Rasen als Verlierer.

          1:2 in Bremen : Das Ende der großen Frankfurter Serie

          Nach elf Spielen ohne Niederlage in der Bundesliga verliert die Eintracht. Die Frankfurter gehen in Führung, danach dreht Bremen die Partie. Nicht nur beim Siegtor entscheiden Zentimeter.
          Britisch-Deutsches Pubtreffen: Dominic Raab (li.) und Heiko Maas im Juli 2020 in Kent

          Neue britische Außenpolitik : Auf dem kurzen Dienstweg

          Nach dem Brexit sucht Großbritannien die Nähe zu Deutschland und Frankreich in der Außen- und Sicherheitspolitik. Das gefällt nicht jedem in der EU.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.