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Sterbehilfe : Kein Wille geschehe

  • -Aktualisiert am

Nach der Abstimmung im Bundestag steht fest: Geschäftsmäßige Sterbehilfe wird verboten. Bild: dpa

Schmerz, Qual, Krankheit und Tödlichkeit hängen in vielen Fällen nicht zusammen. Der Wunsch nach Selbsttötung bleibt etwas Furchtbares. Es gibt hier kein kleineres Übel.

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          Nach dem Unfall, sagt Philippe Pozzo di Borgo, „wollte ich sterben“. Er, der bis dahin das Champagnerhaus Pommery leitete, wurde durch einen Absturz mit dem Gleitflieger 1993 vom Hals ab querschnittsgelähmt. Deshalb wollte er nicht weiterleben, aber er „fand niemanden, der mir dabei half; für einen Tetraplegiker ist ein Suizid ja kompliziert zu bewerkstelligen“.

          Pozzo di Borgo ist vielen bekannt durch den Film „Ziemlich beste Freunde“, für den seine Geschichte den Stoff lieferte. „Heute“, sagte er kürzlich, „würde ich mein Leben niemals aufgeben wollen. Im Gegenteil: Die wiederkehrenden Debatten um eine Vereinfachung der Sterbehilfe ängstigen mich. Ich fürchte manchmal, unsere Gesellschaft könnte in ihrem Optimierungswahn einen Automatismus dieser Methode akzeptieren.“

          Wenn der Bundestag an diesem Freitag in zweiter und dritter Lesung über Gesetzesentwürfe zur Sterbehilfe diskutiert, sollten Fälle wie dieser im Blick bleiben. Sie zeigen nämlich die Ambivalenz der Entscheidungen, um die es hier geht. Mit allgemeinen Redensarten über Werte und Selbstbestimmung wird man ihr nicht gerecht. Jemand entscheidet sich, im Vokabular der Befürworter von ärztlicher Assistenz beim Suizid, „freiverantwortlich“ für das Sterben – und hätte sich damit, wie sein späteres Selbst befindet, falsch entschieden. Das verzweifelte Selbst war nicht sein einziges. Bis zu welchem Punkt Verzweiflung und Selbstbestimmung überhaupt zueinander passen, bleibt als Frage.

          Tödliche Krankheiten ohne Schmerzen

          Der Fall Borgos wäre auch dann kein Fall von Sterbehilfe gewesen, wenn seinem ersten Wunsch entsprochen worden wäre. Was das Leben für ihn zunächst unerträglich machte, war kein zwangsläufiges Zulaufen auf den Tod, sondern eine furchtbare Behinderung. Er suchte nicht Hilfe im Sterben, sondern Hilfe zum Suizid. Beides zu vermischen, ist entweder gedankenlos oder ein niederträchtiges rhetorisches Manöver. Wenn in Ländern mit völlig liberalisierten Regelungen Patienten auch ohne eine entsprechende Willenserklärung ärztlich zu Tode gebracht werden, weil sie dement sind, entspricht auch das nicht dem Bild des selbstbestimmten Todes angesichts unerträglicher Qualen.

          Schmerz, Qual, Krankheit und Tödlichkeit hängen in vielen Fällen nicht zusammen; es gibt schwer erträgliche Qualen ohne tödlichen Verlauf, tödliche Krankheiten ohne Schmerzen, unerträgliche Lebenssituationen ohne Krankheit und Schmerz. Und es gibt bei manchen sogar den Todeswunsch ohne all dies. Sollen Ärzte in die Entscheidung, welche Kombination vorliegt, hineingezogen werden? Sollen sie zu Experten für den Tod und, als Berufsstand mit Zugang zu Pharmazeutika, zur Anlaufstelle für solche Wünsche werden?

          Umgekehrt sterben am Ende neun von zehn Patienten an einer unheilbaren Krankheit. Soll ärztliche Suizidbeihilfe „nur“ in solchen Fällen möglich sein, wie es der Gesetzentwurf von Peter Hintze (CDU) und den Seinen vorsieht, kann man das „nur“ getrost streichen. Dass die meisten Ärzte sich gegen eine solche Lizenz zur Suizid-Beihilfe wehren, liegt nämlich auch daran, dass sie wissen, wie oft sie Patienten anbieten müssten, von ihr Gebrauch zu machen: regelmäßig. Von der willkürlichen Grenze zwischen einem physisch und einem psychisch unerträglich gewordenen Leben haben wir dann noch gar nicht gesprochen. Genau so wenig von der, wer für Minderjährige oder Unmündige Unerträglichkeit feststellt.

          Auch in der Schweiz stürzen sich Verzweifelte von Brücke

          Das Argument derer, die aus dem Selbstbestimmungsrecht von Personen eine Straffreiheit von organisierter Beihilfe zum Selbstmord ableiten, beruht auf einem Denkfehler. Die Gesellschaft bestehe aus freien Individuen, sagen sie. Aber das Problem beim assistierten Selbstmord ist ja gerade, dass manche von der Freiheit zum Suizid, die sie haben, ohne Hilfe nicht Gebrauch machen können oder wollen. Freiheit als Recht zu behandeln, wo sie niemand anderem schadet, gehört zum Kern einer liberalen Ordnung. Doch wer einen anderen braucht, um sich selbst zu töten, hat freiwillig oder unfreiwillig den Umkreis schlichter Entgegensetzungen von freiheitlichem und rechtlich zustimmungspflichtigem Handeln verlassen.

          Dann geht der Tod der Lebensmüden, auf den sie mit einer merkwürdigen Formulierung „ein Recht“ zu haben beanspruchen, eben nicht mehr nur sie selbst etwas an. Das wird besonders deutlich, wenn der assistierte Tod als humanere Alternative nicht nur zur Palliativmedizin, sondern auch zu allen anderen Arten von Suizid geschildert wird, als das „kleinere Übel“. Aber gerade die Schweiz, in der geschäftsmäßige assistierte Sterbehilfe erlaubt ist, hat im europäischen Vergleich außerordentlich hohe Zahlen unassistierter Selbstmorde. Auch dort stürzen sich Verzweifelte von Brücken und werfen sich vor Züge.

          Die Befürworter der Straffreiheit von professioneller Suizidbeihilfe wirken darum wie Leute, die eine solche Person am Gleiskörper stehen sehen – aber nur eingreifen, um ihr den Weg zu einem weniger schrecklichen Tod zu weisen. Der Bundestag steht vor der Entscheidung, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der wir im Wunsch nach Selbsttötung das Furchtbare, Nicht-sein-Sollende wahrnehmen oder nur noch die Präferenz einer Privatperson, die uns nichts angeht.

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