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Sterbehilfe : Eine total abstruse Bitte

  • -Aktualisiert am

„Wenn einen jemand fragt, ob man ihm bei der Selbsttötung hilft: Was macht man dann? Wie geht das?“ Die Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim hat es erfahren - und aufgeschrieben Bild: Frank Röth

Was tun, wenn einen der eigene Vater fragt, ob man ihm beim Sterben helfen könne? Der Schriftstellerin Emmanuèle Bernheim ist genau das passiert. In ihrem Buch „Alles ist gutgegangen“ schreibt sie über ihre Erfahrungen.

          Ende November checkte ein altes Ehepaar im Pariser Hotel „Lutetia“ ein, das sehr schön im sechsten Arrondissement gelegen ist und als besonders romantisch gilt. Am nächsten Morgen wurden die beiden in ihrem Zimmer tot aufgefunden, Hand in Hand, ihre Körper waren noch warm, beide hatten eine Plastiktüte über ihrem Kopf. In einem Abschiedsbrief erklärten sie, das Gesetz verwehre ihnen Zugang zu Medikamenten, die ihnen den Weg in den Tod erleichtern würden - sie seien deshalb gezwungen, diese grausame Methode anzuwenden.

          Emmanuèle Bernheim, 58, erzählt mir von dieser Geschichte, über die sie in der Zeitung gelesen hat. Sie hat ihre eigene Erfahrung damit gemacht, wie kompliziert es sein kann, wenn ein alter Mensch beschließt, nicht mehr weiterleben zu wollen. Ihr Buch „Alles ist gutgegangen“, das jetzt auf Deutsch erscheint, handelt vom Selbstmord ihres Vaters - und liest sich komischer, rasanter und spannender, als man bei diesem Thema meinen sollte.

          Das eigene Leben, wie durch eine Kameralinse beobachtet

          Emmanuèle Bernheim hat lange fürs französische Fernsehen als Script-Doctor gearbeitet, als jemand also, der bei einem Drehbuch sofort die Schwachstellen findet und weiß, wie man sie repariert. Sie hat zusammen mit Michel Houellebecq dessen Roman „Plattform“ fürs Kino adaptiert (der Film wurde letztlich nie realisiert) und zusammen mit François Ozon mehrere Drehbücher geschrieben, etwa zu dessen Filmen „Unter dem Sand“ oder „Swimmingpool“.

          Keine Überraschung also, dass diese Autorin etwas von Rhythmus versteht und so zu schreiben weiß, dass ein Weglegen des Buchs, nachdem man einmal zu lesen begonnen hat, schwerfällt. Sie hat bereits mehrere Romane veröffentlicht - dies ist das erste Mal, dass sie etwas in der ersten Person Singular schreibt.

          „Ich hatte ehrlich gesagt überhaupt keine Lust, von mir zu erzählen“, sagt sie, als sie mich in ihrer großen, hellen Wohnung in der Nähe des Jardin des Tuileries in Paris empfängt. „Ich wollte erzählen, was meinem Vater passiert ist, und es ist mir sehr schwer gefallen anfangs, die richtige Distanz zu finden. Zuerst habe ich versucht, nur die Fakten aufzuschreiben. Also: Am 27. September 2008 hatte mein Vater einen schweren Schlaganfall. Seine rechte Seite war dadurch gelähmt. Am darauffolgenden Tag etc. Es war entsetzlich langweilig. Beim Schreiben gibt es immer einen gewissen Grad der Erregung, selbst bei einem solchen Thema müsste das so sein.

          Aber ich schrieb und schrieb und: nichts. Ich konnte mich am Morgen kaum an den Schreibtisch bekommen. Ich dachte, vielleicht liegt es am Thema. Aber dann kam ich darauf, dass es etwas anderes war. Es hat mich ganz einfach angekotzt. Ich hatte die Form nicht gefunden. Und dann hab’ ich mir gesagt: Erzähl es halt einfach, wie du einen Roman erzählen würdest. Es braucht eine Dynamik, es braucht Bewegung. Also dachte ich, na was soll’s, fange ich eben mit mir an. Und so beginnt die Geschichte jetzt also damit, wie ich diesen Anruf entgegennehme, dass meinem Vater etwas passiert ist, wie ich die Treppen runterlaufe, meine Kontaktlinsen vergesse . . . Und sofort klang es wie ein Roman. Ich hatte nicht verstanden, warum eine Geschichte, die ich so intensiv erlebt hatte, so langweilig sein konnte. Auf einmal hatte ich den Ton.“

          Die Autorin erhält also einen Anruf - und rast los. Wir folgen ihr in die Métro. Die Sätze sind kurz und schnörkellos. Es geht sehr sachlich zu. Da sind viele Details, Handgriffe, Informationen - gepaart mit einem Gefühl höchsten Unbehagens, ja vielleicht sogar Angst. Dies steht so nicht im Text, der niemals, an keiner Stelle psychologisiert, sondern stets nur schildert, was auch eine Kamera einfangen könnte - doch alles, was die Icherzählerin tut und erlebt, deutet darauf hin: Immer wieder kontrolliert sie ihr Handy, schlägt sich bei einem plötzlichen Bremsen die Nase hart an der Scheibe an, schwitzt. Ihr ist flau im Magen, und sie erinnert sich daran, wie ihr als Kind immer schlecht wurde, wenn sie im Auto die Karte zu lesen versuchte, während der Vater fuhr. Und wie dieser sie, viel später, nach ihrem ersten Fernsehauftritt anrief, ihr gratulierte und anbot, wenn sie sich je die Nase operieren ließe, würde er gerne dafür aufkommen. Dergestalt vorbereitet kommen wir schließlich in der Notaufnahme des Krankenhauses an.

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