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Sterbehilfe : Der Richter und der Arzt

Wurde das Beatmungsgerät rechtmäßig abgeschaltet? Bild: dpa/dpaweb

Die Sterbehilfe gehört zu den Themen, die hochgradig kontrovers und aggressiv diskutiert werden. Ein besonderer Fall, der jetzt vor dem Landgericht Magdeburg verhandelt wird, sprengt jedoch eingeschliffene Argumentationsfiguren.

          Was denken die meisten? Ohne zu wissen, was die meisten über Tempolimit, Treibhauseffekt, Sadomasochismus, Tierschutz oder Sterbehilfe denken, braucht man sich über diese hochgradig kontroversen und aggressiv aufgeladenen Themen erst gar nicht zu unterhalten. Gründe, die man ins Feld führt, sind keine Dinge an sich, die man nur erhaschen und blank putzen müsste, auf dass sie ihre Evidenz entfalten und der Welt ein Licht aufgehe. Nein, so funktionieren Gründe nicht. Gründe wechseln ihre Farbe, je nachdem, ob die wenigsten oder die meisten von ihnen überzeugt sind.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          An der Sterbehilfe-Debatte kann man es besonders gut studieren. Sie nährt sich zu einem Gutteil von der Frage, wie die Alten in unserer Gesellschaft wohl angesehen werden, wie sie unter den Druck der bösen Blicke geraten könnten, wenn man dies oder jenes zulässt. Es ist die vermutete Meinung der meisten, die hier regelmäßig das Kalkül bestimmt. Also etwa: Wie wird der alte und kranke Mensch in der Welt der Gesunden und Munteren dastehen, wenn die Beihilfe zum Suizid erst einmal legal sein wird? Werden die meisten der Gesunden und Munteren dann nicht denken: Kann dieser Mensch sich nicht selbst aus dem Dasein schaffen, statt uns auf der Tasche zu liegen? Mobbt man die Alten nicht aus dem Leben, wenn man ihnen das Sterben zu leicht macht? So oder ähnlich lauten die Argumente der schiefen Ebene. Immer warnen sie vor den meisten, denen die wenigen zum Opfer fallen könnten.

          Verrechtlichung des Sterbens

          Ein Fall von Sterbehilfe, der jetzt vor dem Landgericht Magdeburg verhandelt wird, sprengt die eingeschliffene Argumentationsfigur. Dieser Fall lenkt den Blick nicht auf die Gefahr des soziologisch Wahrscheinlichen. Dieser Fall hat es mit der Wucht des soziologisch Unwahrscheinlichen zu tun, einer Wucht, die freilich so groß ist, dass die meisten, um die es bisher immer ging, nichts mehr zu sagen haben. Wir fassen mit diesem Fall die wahnsinnige Seite der Verrechtlichung des Sterbens, jene Seite, die Leben sichern möchte und dabei die Lebensverlängerung um jeden Preis befördert - es sei denn, jemand durchbricht die mächtige Ohnmacht des Systems, ermächtigt sich selbst, beendet im Namen der Angehörigen des Patienten das Leben und zahlt gleich anschließend den Preis dafür: Selbstanzeige und Jobverlust.

          So geschehen im Mai 2004, als der jetzt angeklagte frühere Chefarzt - einer, der im Fach als Koryphäe galt - sich entschloss, das Sterben eines jungen Mannes nicht länger mit Maschinen zu verhindern und erlaubte, dass der Bruder des Patienten das Beatmungsgerät ausschaltete. Vor Gericht erläuterte der Angeklagte die fragliche Krankengeschichte: Der sechsundzwanzigjährige Brite war 2002 bei London auf dem Fahrrad mit einem Auto zusammengestoßen. Er war querschnittgelähmt, musste beatmet werden, hatte schwere Organschäden und konnte nicht mehr sprechen, nur ein Augenzwinkern war ihm möglich. Er soll bei einer früheren Gelegenheit, als er Patienten auf einer Intensivstation erlebte, geäußert haben, selbst in einer derartigen Situation nicht wie ein "veg" leben zu wollen, wie einer, der nur noch vegetiere.

          So unumgänglich wie unmöglich

          Nach mehr als einjähriger Behandlung erwogen die Londoner Ärzte, die Therapie abzubrechen. Die Eltern sahen damals einen Fernsehbericht über die von dem Magdeburger Chefarzt entwickelten neuen Behandlungsmethoden für schwerstkranke Hirnpatienten. Sie fassten Hoffnung und verlegten ihren Sohn nach Magdeburg. Dort konnte man ihm aber auch nicht helfen, nach einem halben Jahr fiel er, wie der Angeklagte erklärt, in ein irreversibles Koma und sein Gesundheitszustand sei noch einmal schlechter geworden.

          Nach einem weiteren halben Jahr habe die Familie akzeptiert, dass eine Besserung nicht mehr eintreten würde, und verlangt, das Beatmungsgerät abzustellen. Nur noch Schmerzmittel solle ihr Sohn erhalten, erklärte die Mutter, die zugleich seine Betreuerin war. Der Arzt, der heute ohne Anstellung ist, kam damals diesem Wunsch nach. Weil Eingriffe ohne Einwilligung der Betreuer Körperverletzung seien, wie sein Anwalt sagt. Das sei nur die halbe Wahrheit, antwortet der Staatsanwalt. Der Chefarzt hätte das Leben des Mannes schützen müssen. Nach einem anonymen Hinweis an den Klinikbetreiber sah sich der Arzt seinerzeit zur Selbstanzeige gedrängt, wurde entlassen und wartet nun auf das Urteil.

          Der Staatsanwalt plädiert auf Totschlag. Der Arzt, so die Anklage, habe keinen gerechtfertigen Grund gehabt, um die Behandlung abzubrechen. Der Sterbeprozess habe noch nicht eingesetzt. Das Beatmungsgerät hätte erst nach Feststellung des Hirntods ausgeschaltet werden dürfen. Gründe, die das Gesetz auf ihrer Seite haben? Oder Gründe ohne Grund? Für die allermeisten dürfte der Magdeburg Einzelfall zeigen: Die Verrechtlichung des Sterbens ist so unumgänglich wie unmöglich.

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