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Sterbehilfe-Debatte : Die Irrtümer der Suizidhelfer

  • -Aktualisiert am

In Belgien für Patienten zugänglich: Ein „Sterbehilfe-Paket“ Bild: dpa

Selbsttötung ist ansteckend, schon deswegen ist Vorsicht geboten. Aber organisierte Beihilfe zum Freitod suggeriert soziale Akzeptanz. Deutsche Parlamentarier und Medizinethiker debattieren über Regelungen zur Suizidassistenz.

          Die Debatte um die Suizidhilfe nimmt Fahrt auf. Die haben sich die Koalitionsfraktionen gewünscht. Der Bundesgesundheitsminister will die Suizidhilfe, wie sie etwa von Vereinen wie „Dignitas“ propagiert und angeboten wird, verbieten. Der Deutsche Ärztetag hat 2011 mit Mehrheit einen Passus verabschiedet, der die Suizidassistenz durch Ärzte in der Berufsordnung untersagt. Wenngleich die Regelung nicht von allen Landesärztekammern, in deren Verantwortungsbereich die Fragen des Standesrechtes fallen, übernommen wurde, folgt daraus doch, dass eine Mehrheit der Ärzte die Hilfe bei der Selbsttötung ihrer Patienten ablehnt.

          Dagegen macht sich eine Reihe von Parlamentariern und Medizinethikern stark, die die Suizidhilfe durch Ärzte etablieren wollen. Zu ihnen zählt etwa auch der CDU-Politiker und Bundestagsvizepräsident Peter Hintze, der sich gegen seinen Fraktionsvorstand wendet und daher mit erhöhter Aufmerksamkeit rechnen darf. Seine Absicht, ärztliche Suizidhilfe ausdrücklich zu legalisieren, wie es auch außerparlamentarisch in einen Gesetzentwurf gegossen wurde von einer Gruppe von Juristen und Ärzten um den Mannheimer Medizinrechtler Jochen Taupitz, fand denn auch breite Resonanz in den Medien. Anderen genügt das nicht. Der Philosoph Michael Quante hält die Debatte für einen Mummenschanz. Er will nicht ein bisschen Sterbehilfe durch Suizidassistenz. Quante möchte die aktive Sterbehilfe in Deutschland zugelassen wissen.

          Suizid ist ansteckend. Menschen in psychischen Belastungssituationen und Krisen neigen zur Nachahmung. Das weiß man schon seit der Veröffentlichung von Goethes „Werther“. Nach der Lektüre häuften sich Selbsttötungen junger Männer. Das in der Suizidforschung als „Werthereffekt“ bezeichnete Phänomen war etwa statistisch nachweisbar, nachdem Millionen Zuschauer die Trauerfeier für den durch Selbsttötung aus dem Leben geschiedenen Torwart Robert Enke am Fernsehschirm verfolgt hatten. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beobachteten Wissenschaftler jeweils einen Anstieg der Selbsttötungen, nachdem ein Fernsehfilm über den Suizid eines Schülers in zeitlichem Abstand in verschiedenen Bundesstaaten Amerikas gezeigt worden war. Ob die Schilderungen von Suiziden im Rahmen der abendlichen Sendung „Hart aber fair“ der ARD vergangene Woche eine nämliche Wirkung zeitigen, wird man abwarten müssen.

          Folge einer psychiatrischen Erkrankung

          Weit über neunzig Prozent aller Suizidhandlungen sind Folge einer psychiatrischen Erkrankung. Der freie, bilanzierte Suizid, der Freitod, ist ein, wie die Psychiatrie weiß, höchst seltenes Vorkommnis. Von hunderttausend Suizidversuchen in unserem Land „gelingen“ nur zehn Prozent. Die große Mehrzahl der Überlebenden wiederholt die Handlung nicht. Hätte man denen in der Krise beim Suizid helfen sollen? Die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention spricht sich daher vehement gegen ärztliche Suizidhilfe aus.

          Eine Fülle von Beobachtungen belegen die Tatsache, dass Suizidenten in hohem Maße ambivalent sind. Es gibt suizidale Phasen, die manchmal lange anhalten. Dann sind die Betroffenen vulnerabel. Das gilt auch im Angesicht fortgeschrittener unheilbarer Erkrankung. Die instabile, Schwankungen unterworfene Situation ist in der Tat ein starkes Argument, um die organisierte Hilfe beim Suizid zu unterbinden, gleich ob das Angebot von Laien oder Ärzten unterbreitet wird. Es geht nicht um eine Bewertung des Suizids als solchem. Wohl aber um ein Veto gegen seine organisierte Förderung. Die gebotene Urteilsenthaltung setzt eine Rhetorik ins Unrecht, die die Assistenz beim Suizid als überfällige Befreiung aus selbstverschuldeter Unmündigkeit rechtfertigen möchte.

          Es ist genau diese aufklärerische Emphase, die fehl am Platz ist, mit der aber die organisierte Suizidassistenz argumentiert, sei sie gewerblich oder als unentgeltliches Angebot unterbreitet oder als Behandlungsalternative im Portefeuille der Medizin am Lebensende vorgehalten. Sie suggeriert eine positive soziale Bewertung des Suizids, wo eine Gesellschaft sich um ihrer Freiheit willen des Urteils enthalten muss. Suizidhilfe suggeriert soziale Akzeptanz. Das Verbot der Beihilfe schützt die Freiheit.

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