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Sterbehilfe : Der Tod ist etwas für Fachleute

  • -Aktualisiert am

Im Sterben zeigen sich die Grenzen der Autonomie und der Mensch als labiles und hilfsbedürftiges Wesen. Bild: dpa

Zum Lebensende fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker: Die Befürworter des ärztlich assistierten Suizids wollen das Sterben erleichtern. Dass sie auch das Gesundheitssystem sanieren wollen, sagen sie nicht.

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          Politische Debatten verlaufen selten geradlinig. Auch zielstrebige Akteure, wie beispielsweise Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe, können deren Dynamik nur schwer kontrollieren. Die Kontroverse um die Frage, ob Beihilfe zum Suizid gänzlich oder in bestimmten Ausprägungen verboten werden soll, liefert hierfür ein eindrucksvolles Beispiel. Anfang des Jahres hatte Gröhe Vereinen, die organisierte Suizidbeihilfe zu ihrem Anliegen gemacht haben, den Kampf angesagt, weil sie, so seine Überzeugung, den Wert des Lebens in nicht akzeptabler Weise relativierten. Dafür hatte er viel Unterstützung, gerade auch im Parlament, erfahren, aber auch scharfe Kritik kassiert.

          Seitdem verschiebt sich der Fokus der Auseinandersetzung in den Medien. Statt auf die Vereine zu schauen, die sich für Suizidbeihilfe stark machen, richtet sich der Blick auf die Mediziner und den ärztlich assistierten Suizid. Das ist schon deswegen irritierend, weil in der letzten Legislaturperiode ein von Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger entwickeltes Gesetzesvorhaben gegen gewerbliche Suizidbeihilfe vor allem deswegen gescheitert ist, weil es in der Begründung deutlich machte, dass der ärztlich assistierte Suizid damit keineswegs beeinträchtigt werden sollte.

          Dass man sich Hoffnungen macht, den Suizid durch Einschaltung ärztlicher Kompetenz gleichsam zu humanisieren, ist auch daran zu sehen, dass in der vorangegangenen Debatte um das Ende des Lebens, die 2009 zur rechtlichen Regelung der Patientenverfügung geführt hat, noch mit Vehemenz für die Zurückdrängung der Apparatemedizin und einen natürlichen Tod „ohne Schläuche“ gestritten wurde.

          Der Tod in den Händen der Medizin

          Jetzt findet sich ein breites Bündnis von sich humanistisch nennenden Interessenverbänden über missionierende Atheisten bis zu bioethisch pragmatisch orientierten Bundestagsabgeordneten um den Theologen Peter Hintze. Es tritt engagiert dafür ein, das Lebensende bei Bedarf noch weiter gehend als je zuvor in die Hände der Mediziner zu geben und den ärztlichen Behandlungsauftrag um die Beihilfe zum Suizid zu erweitern.

          Das mag gut gemeint sein und zunächst auch überzeugend wirken. Ärzte sind schließlich Fachleute für den Umgang mit kranken Menschen und Medikamenten. Warum sollen sie nicht bei Bedarf und auf Anfrage die Diagnose stellen, dass für den Patienten der selbstgewählte Tod eine vertretbare Option darstellt? Und wieso sollten sie dann ihre Fachkunde nicht auch einsetzen, um den Patienten zu helfen, die auf ihre Mitwirkung hoffen, um sanft und schmerzfrei aus dem Leben zu scheiden – und so verhindern, dass sie sich erschießen, erhängen, vor den Zug werfen oder ins Wasser gehen?

          Vorbild für eine Regelung des ärztlich assistierten Suizids ist ein Gesetz des amerikanischen Bundesstaats Oregon, der knapp halb so viel Einwohner hat wie die Schweiz oder Niedersachsen. Es wurde 1994 beschlossen, trat 1997, nach langen Rechtsstreitigkeiten, in Kraft und erlaubt es Ärzten, tödlich wirkende Medikamente zu verschreiben. Das programmatisch als „Tod-in-Würde-Gesetz“ bezeichnete Regelwerk stellt allerdings, verglichen mit Vorschlägen, wie sie jetzt, zuletzt vom CDU-Politiker Hintze und Verbündeten vor allem aus der SPD, in der deutschen Debatte auf den Tisch gebracht wurden, höhere und konkretere Anforderungen. Während der Hintze-Entwurf zwar eine rechtlich schwer zu fassende „extreme Leidenssituation“ aufgrund einer „irreversibel zum Tode führenden Erkrankung“ verlangt, schreibt das Gesetz in Oregon fest, dass die verbliebene Lebenserwartung des Patienten nicht länger als sechs Monate sein darf.

          Diese Prognose muss ebenso wie die Einwilligungsfähigkeit des Patienten durch den behandelnden Arzt und einen beratenden Arzt bestätigt werden, es muss eine ausführliche Information über alternative Behandlungsmöglichkeiten erfolgt sein, und der Patient muss seinen Wunsch nach tödlicher Medikation zweimal mündlich und einmal schriftlich formuliert haben; der schriftlich geäußerte Wunsch muss dazu von zwei Zeugen unterschrieben sein.

          Wirtschaftliche Überlegungen

          Trotz dieser vergleichsweise strengen Anforderungen hat sich die Zahl der tödlichen Verordnungen in Oregon seit Einführung der Regelung vervielfacht. 2013 starben nach offiziellen Angaben 71 Menschen durch ärztlich assistierten Suizid – was, hochgerechnet auf die Bundesrepublik, wo pro Jahr etwa 26 Mal so viele Menschen sterben wie in Oregon, bedeuten würde, dass mehr als 1800 Menschen pro Jahr durch gezielt tödlich wirkende ärztliche Verschreibungen sterben würden. Da Ärzte in Oregon assistierte Suizide zwar melden müssen, es aber keinerlei Sanktionen gibt, wenn sie das nicht tun, ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl sogar deutlich höher liegt. Bei nicht gemeldeten Fällen besteht zudem keine Möglichkeit zu überprüfen, ob die Regeln eingehalten wurden.

          Zudem sind in den vergangenen Jahren auch vereinzelt Fälle bekanntgeworden, in denen insbesondere krebskranken Patienten durch das öffentliche Medicaid-Programm, das eine wirtschaftliche Krankenversorgung sicherstellen soll, verschriebene Behandlungen nicht bewilligt wurden – stattdessen verwies man die Patienten ganz offen auf die Möglichkeit der Inanspruchnahme von mit öffentlichen Geldern bezahlten Leistungen für ärztlich assistierten Suizid. Weil auch, wie jeder weiß, im bundesdeutschen Medizinsystem wirtschaftliche Überlegungen zunehmend eine Rolle spielen, erscheint eine solche Entwicklung zumindest nicht ausgeschlossen, auch wenn sie wohl nicht so offen dokumentiert werden würde wie zumindest vereinzelt in Oregon geschehen.

          Banalisiertes Sterben

          Die gesellschaftlich tiefgreifenden Probleme liegen allerdings eher nicht in den Auswirkungen einer solchen, durch Regelung bewirkten Freigabe des ärztlich assistierten Suizids auf die Rationierungs- und Kostendämpfungspraxis in der Krankenversorgung. Bedenklich erscheinen die Auswirkungen auf das Verhältnis zu Tod und Sterben, die so, als individuelle Ereignisse, jeder Besonderheit entkleidet werden und zusehends als steuerbar und kontrollierbar erscheinen. Entscheidet man sich für die Regelung des ärztlich assistierten Suizids, dann reicht es nämlich aus, bestimmte, vom Gesetzgeber dann recht beliebig formulierte und veränderbare Voraussetzungen zu erfüllen. Der Tod kann dann ohne weitere Umstände in die Hände von Fachleuten gelegt werden, die ihren Richtlinien und Empfehlungen folgen, ihre Gebührenziffern abrechnen und aus dem Skandal, dass ein Mensch nicht mehr leben will, einen routinierten Behandlungsvorgang machen.

          Dass so etwas, wie Peter Hintze und seine Mitstreiter für eine entsprechende zivilrechtliche Regelung behaupten, der Suizidprävention dient, ist weder plausibel noch durch die Zahlen aus Oregon oder auch der Schweiz nachweisbar. Aus denen ergibt sich nur, dass die Zahl der Menschen, denen ein Arzt eine tödliche Medikation verschrieben hat, größer ist als die Zahl der Toten, bei denen ärztlich assistierter Suizid als Todesursache vermerkt ist. Über die Ursachen dafür sagt das nichts. Möglicherweise aber darüber, dass Ärzte – entgegen den Regularien – eine tödliche Medikation verschreiben, obwohl es andere Optionen gibt.

          Halbgötter in Weiß

          Wenn heute über den medizinischen Alltag gesprochen wird, dann vor allem über mangelnde Zeit der Ärzte, zu lange Wartelisten, die hohe Zahl von Fehldiagnosen und Falschbehandlungen aufgrund zu hoher Arbeitsbelastung und sonstiger Überforderungen. In der Debatte über ärztlich assistierten Suizid spielt das merkwürdigerweise alles keine Rolle. Hier wird auch nicht über Patienten gesprochen, die Teile der Suizidmedikation erbrechen und deswegen langsam dahinsiechen, die nach dem Schlucken der Medikation plötzlich Panik bekommen, weiterleben wollen und noch versuchen, sich den Magen auspumpen zu lassen; Patienten, die Wochen nach der Verordnung, im Verlauf einer schweren Depression, die viele Schwerkranke ereilt, die ärztlich verschriebenen Medikamente einnehmen.

          In der Debatte über ärztlichen assistierten Suizid wird der Arzt wie durch ein Wunder wieder zum Halbgott in Weiß, der mit seinem Verschreibungszettel eine Lösung sogar für die letzten Fragen und Verzweiflungen parat hat und der mit seiner Unterschrift für ein zuverlässig schmerzfreies und würdevolles Sterben geradesteht.

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