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Sterbehilfe : Der Tod ist etwas für Fachleute

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Wirtschaftliche Überlegungen

Trotz dieser vergleichsweise strengen Anforderungen hat sich die Zahl der tödlichen Verordnungen in Oregon seit Einführung der Regelung vervielfacht. 2013 starben nach offiziellen Angaben 71 Menschen durch ärztlich assistierten Suizid – was, hochgerechnet auf die Bundesrepublik, wo pro Jahr etwa 26 Mal so viele Menschen sterben wie in Oregon, bedeuten würde, dass mehr als 1800 Menschen pro Jahr durch gezielt tödlich wirkende ärztliche Verschreibungen sterben würden. Da Ärzte in Oregon assistierte Suizide zwar melden müssen, es aber keinerlei Sanktionen gibt, wenn sie das nicht tun, ist davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl sogar deutlich höher liegt. Bei nicht gemeldeten Fällen besteht zudem keine Möglichkeit zu überprüfen, ob die Regeln eingehalten wurden.

Zudem sind in den vergangenen Jahren auch vereinzelt Fälle bekanntgeworden, in denen insbesondere krebskranken Patienten durch das öffentliche Medicaid-Programm, das eine wirtschaftliche Krankenversorgung sicherstellen soll, verschriebene Behandlungen nicht bewilligt wurden – stattdessen verwies man die Patienten ganz offen auf die Möglichkeit der Inanspruchnahme von mit öffentlichen Geldern bezahlten Leistungen für ärztlich assistierten Suizid. Weil auch, wie jeder weiß, im bundesdeutschen Medizinsystem wirtschaftliche Überlegungen zunehmend eine Rolle spielen, erscheint eine solche Entwicklung zumindest nicht ausgeschlossen, auch wenn sie wohl nicht so offen dokumentiert werden würde wie zumindest vereinzelt in Oregon geschehen.

Banalisiertes Sterben

Die gesellschaftlich tiefgreifenden Probleme liegen allerdings eher nicht in den Auswirkungen einer solchen, durch Regelung bewirkten Freigabe des ärztlich assistierten Suizids auf die Rationierungs- und Kostendämpfungspraxis in der Krankenversorgung. Bedenklich erscheinen die Auswirkungen auf das Verhältnis zu Tod und Sterben, die so, als individuelle Ereignisse, jeder Besonderheit entkleidet werden und zusehends als steuerbar und kontrollierbar erscheinen. Entscheidet man sich für die Regelung des ärztlich assistierten Suizids, dann reicht es nämlich aus, bestimmte, vom Gesetzgeber dann recht beliebig formulierte und veränderbare Voraussetzungen zu erfüllen. Der Tod kann dann ohne weitere Umstände in die Hände von Fachleuten gelegt werden, die ihren Richtlinien und Empfehlungen folgen, ihre Gebührenziffern abrechnen und aus dem Skandal, dass ein Mensch nicht mehr leben will, einen routinierten Behandlungsvorgang machen.

Dass so etwas, wie Peter Hintze und seine Mitstreiter für eine entsprechende zivilrechtliche Regelung behaupten, der Suizidprävention dient, ist weder plausibel noch durch die Zahlen aus Oregon oder auch der Schweiz nachweisbar. Aus denen ergibt sich nur, dass die Zahl der Menschen, denen ein Arzt eine tödliche Medikation verschrieben hat, größer ist als die Zahl der Toten, bei denen ärztlich assistierter Suizid als Todesursache vermerkt ist. Über die Ursachen dafür sagt das nichts. Möglicherweise aber darüber, dass Ärzte – entgegen den Regularien – eine tödliche Medikation verschreiben, obwohl es andere Optionen gibt.

Halbgötter in Weiß

Wenn heute über den medizinischen Alltag gesprochen wird, dann vor allem über mangelnde Zeit der Ärzte, zu lange Wartelisten, die hohe Zahl von Fehldiagnosen und Falschbehandlungen aufgrund zu hoher Arbeitsbelastung und sonstiger Überforderungen. In der Debatte über ärztlich assistierten Suizid spielt das merkwürdigerweise alles keine Rolle. Hier wird auch nicht über Patienten gesprochen, die Teile der Suizidmedikation erbrechen und deswegen langsam dahinsiechen, die nach dem Schlucken der Medikation plötzlich Panik bekommen, weiterleben wollen und noch versuchen, sich den Magen auspumpen zu lassen; Patienten, die Wochen nach der Verordnung, im Verlauf einer schweren Depression, die viele Schwerkranke ereilt, die ärztlich verschriebenen Medikamente einnehmen.

In der Debatte über ärztlichen assistierten Suizid wird der Arzt wie durch ein Wunder wieder zum Halbgott in Weiß, der mit seinem Verschreibungszettel eine Lösung sogar für die letzten Fragen und Verzweiflungen parat hat und der mit seiner Unterschrift für ein zuverlässig schmerzfreies und würdevolles Sterben geradesteht.

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