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Sterbehilfe-Debatte : Das geht uns alle an

  • -Aktualisiert am

Jedem geht das Thema Sterbehilfe nah. Bild: dpa

Jetzt gilt’s: Am Donnerstag debattiert der Bundestag über Suizidhilfe. Selten berührt ein Thema die Abgeordneten in diesem Ausmaß. Es gibt dramatische Einzelfälle. Doch dürfen die maßgeblich sein?

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          Wenn die Tagesordnung des Bundestages zuverlässig Auskunft darüber gibt, was derzeit für besonders wichtig erachtet wird, dann können die Biopolitiker zufrieden sein: Mehr als vier Stunden sind für diesen Donnerstag eingeplant, um über Sterbebegleitung zu diskutieren. Besonders erstaunlich: Es ist eine freie Debatte, der kein einziger ausgearbeiteter Gesetzentwurf zugrunde liegt. Im besten Fall wird es also eine offene Debatte; im schlechteren Fall bildet sie bloß die Beliebigkeit und Ziellosigkeit des öffentlichen Diskurses ab, in dem selten gelingt, zwischen Sterbehilfe, Tötung auf Verlangen, Sterbebegleitung und Suizidbeihilfe zu unterscheiden.

          Gerade erst haben drei Unionsabgeordnete erläutert, warum es zum Schutz der menschlichen Würde am Ende des Lebens ein strafrechtliches Verbot der organisierten Suizidbeihilfe, wie sie einzelne Sterbehilfevereine und Ärzte betreiben, geben muss. Bundestagsvizepräsident Peter Hintze dagegen hatte Sympathien für den von vier Wissenschaftlern präsentierten Vorschlag erkennen lassen, Ärzten durch eine strafrechtliche Ausnahmevorschrift Suizidbeihilfe in bestimmten Fällen ausdrücklich zu gestatten. Unlängst war er dann aber selbst mit Eckpunkten angetreten, die ärztlich assistierten Suizid im Umfeld des Betreuungsrechts im Bürgerlichen Gesetzbuch sogar legalisieren sollten. Neuerdings sieht er sogar die Möglichkeit, seine Vorstellungen durch eine Änderung des ärztlichen Standesrechts zu verwirklichen.

          Lösung für Ausnahmefälle

          Nur in einem sind sich alle einig: Die Hospiz- und die Palliativversorgung müssen erheblich verbessert werden. Gegen den Trend, auch in der Krankenversorgung den Rotstift anzusetzen und zunehmend selbst bei medizinisch sinnvollen Leistungen zu sparen, sollen in die Behandlung von Patienten am Lebensende deswegen auch zusätzliche Mittel fließen. Das ist erfreulich, auch wenn sich dabei offenbaren könnte, dass Menschen erst am Ende ihres Lebens die gute medizinische und pflegerische Behandlung erfahren könnten, die ihnen beizeiten mehr Lebensqualität beschert hätte. Das Bemühen um eine gute medizinische Behandlung am Lebensende zeigt auch, dass es in der ansonsten äußerst kontrovers geführten Debatte um Suizidbeihilfe um keinen Werte-Dualismus geht, in dem sich auf der einen Seite hartleibige Hardliner profilieren, die Menschen für ein höheres Ideal am Lebensende leiden lassen, und auf der anderen Seite liberale Anhänger der Selbstbestimmung, die aufopferungsvoll für die Vermeidung von Qualen streiten.

          Wir werden alle einmal sterben; deswegen reden alle naturgemäß immer über Vorkehrungen für ihren eigenen möglichen Fall. Die Vielzahl an Möglichkeiten, eine Suizidbeihilfe gar nicht, ein bisschen, ein bisschen mehr, viel oder grundlegend rechtlich zu regulieren, geben auch Auskunft darüber, wie schwer, aber auch, wie wichtig es ist, hier allgemein geltende Lösungen zu finden – auch wenn alle, wie das Leben selbst, vermutlich unter dem Vorbehalt der Endlichkeit stehen.

          Eine solche persönliche Betroffenheit derer, die Gesetzgeber sind, ist ungewöhnlich. Hilfreich kann sie nur werden, wenn sie offen thematisiert und dennoch eine rechtliche Regelung gefunden wird, die Allgemeingültigkeit beanspruchen kann. Die zweifellos existierenden dramatischen Extremfälle zeigen nur, wie nötig es ist, auch eine Lösung für Ausnahmefälle parat zu haben – als Grundlage für allgemeine Regeln taugen sie dagegen nicht.

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