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Neuregelung bei Sterbehilfe : Pardon, ich bin so frei!

Suizidbeihilfe: Der Bundestag debattierte in erster Lesung eine gesetzliche Neuregelung Bild: dpa

Wie lassen sich beim assistierten Suizid jene ermitteln, die zum Sterben die Richtigen sind? Der Bundestag beriet in erster Lesung.

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          Lasst Zahlen sprechen, im Leben wie im Tod! „In Deutschland nehmen sich jedes Jahr mehr als 9000 Personen das Leben“, heißt es in dem fraktionsübergreifenden Antrag „Suizidprävention stärken und selbstbestimmtes Leben ermöglichen“, der gestern dem Deutschen Bundestag vorlag neben drei Gesetzesentwürfen in erster Lesung, nachdem das Bundesverfassungsgericht vor zwei Jahren das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe gekippt hatte.

          Dem Karlsruher Beschluss entnimmt man auch die Mitteilung: „Nach Einschätzung der sachkundigen Dritten bilden psychische Erkrankungen eine erhebliche Gefahr für eine freie Suizidentscheidung.“ Bei rund 90 Prozent der tödlichen Suizidhandlungen liegen demnach psychische Störungen vor, insbesondere in Form einer Depression, die bei 40 bis 60 Prozent der Betroffenen eine Rolle spiele. Ist die Tatsache, nicht am Leben zu hängen, etwa selbst pathologisch?

          Keineswegs, aber psychische Erkrankungen schränken nach der erwähnten Auffassung das exquisite Kriterium ein, das die Karlsruher Richter aufstellten, um die Möglichkeit zum assistierten Suizid verpflichtend zu machen: die Freiverantwortlichkeit. Nun mag diese überhaupt zu 90 Prozent eine Fiktion sein, nimmt man die Zufälligkeiten des sich lebendig oder leer Fühlens wahr, der Erfüllung oder des Aufgeschmissenseins.

          Genarrt von Selbstmissverständnissen

          Genarrt von Selbstmissverständnissen wäre der freie Wille, so man auf ihm bestehen möchte, eine Abfolge sich häufig widersprechender Phasenmomente, deren kompakte Gestaltbildung schwierig bliebe und allenfalls okkasionell beschreibbar wäre nach dem Motto „Pardon, bin dann mal so frei“. Jedenfalls ist die Freiverantwortlichkeit nicht erst im psychisch kranken Zustand ein windiges Kriterium und schon gar kein solches, aus dem sich unangefochtene Entscheidungen zum Leben oder Sterben ergäben. Um der wenigen willen, die für fähig gehalten werden, „autonom“ aus dem Leben zu scheiden, müssen die vielen sich eine strenge Reglementierung des assistierten Suizids gefallen lassen.

          Anderenfalls würde der Staat ja Gefahr laufen, die Falschen sterben zu lassen. Doch wie jene ermitteln, die zum Sterben die Richtigen sind? Ein Gütesiegel über die Freiheit des jeweils konkreten Willens ist anthropologisch nicht darstellbar. Bleibt doch der von außen für autonom gehaltene Mensch schon sich selbst gegenüber unergründlich.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten. Sollte kein Berater frei sein, klappt es in jedem Fall mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

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