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Stéphane Hessel : Frankreichs Rebell der Stunde

  • -Aktualisiert am

Rebell im Dreiteiler: Stéphane Hessel in seiner Pariser Wohnung Bild: dapd

Die Pariser Eliteuniversität wollte ihn als Redner nicht im Haus haben. Im Gespräch erzählt Stéphane Hessel, dessen Pamphlet „Empört Euch!“ die Franzosen bewegt, warum er vom Diplomaten zum Kämpfer geworden ist.

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          „Wollen Sie auch zur Mülltonne?“, fragt der nette Herr im Hof des Pariser Haussmann-Gebäudes und hält höflich den Deckel auf. Nein, ich möchte Sie interviewen. Selbst zu solchen Alltagsverrichtungen trägt Stéphane Hessel weißes Hemd und Krawatte. Und ist dann natürlich sofort im Bilde. Oben im Wohnzimmer mit spanischer Wand und kleinem Kronleuchter kommt er gleich zur Sache, unterbrochen nur vom ständigen Klingeln des Telefons. Zu den dauernden Anfragen wegen seines Bestsellers „Indignez-vous!“ (siehe auch: Französischer Buchmarkt: Bestseller Empörung), dessen Auflage sich mittlerweile der Millionenschwelle nähert, kommen die Anrufe wegen der neuen Affäre.

          An der École Normale Supérieure sollte der Dreiundneunzigjährige an diesem Dienstagabend einen Vortrag halten über seine jüngste Reise nach Gaza. Die Saalerlaubnis wurde von der École kurzfristig zurückgezogen, auf Betreiben des Zentralrats der französischen Juden, wie dieser in seinem Amtsblatt zugibt. So wollten die Redner auf die nahe Place du Panthéon ausweichen. Ja, er werde kommen, versichert Stéphane Hessel ins Telefon, tut die Sache aber als Bagatelle ab: „ein unüberlegter Verhinderungsversuch, der die Nervosität des Zentralrats offenbart und die Veranstaltung erst recht ins Gerede bringt“.

          Die Menschenrechtserklärung von 1948

          Im Gespräch ist der „glückliche Sisyphus“, wie ein Porträtist ihn einmal nannte, dann hoch konzentriert. Entmutigung könne ihn manchmal streifen, nie aber Verzweiflung, sagt er in seinem genüsslich in die Länge gezogenen Tonfall. „Nach einem erfreulichen Jahrhundertausgang mit dem Fall der Berliner Mauer und vier verheißungsvollen UN-Konferenzen in Rio, Wien, Peking, Kopenhagen über Umwelt, Menschenrechte, Gleichstellung der Frauen und soziale Gerechtigkeit war der Anfang des neuen Jahrhunderts mit dem Anschlag auf die Twin Towers, der Bush-Regierung und dem Irakkrieg ein harter Rückfall. Es ist Zeit, sich auf die 1948 formulierten Grundwerte der allgemeinen Menschenrechte zu besinnen und unsere Probleme heute klar zu benennen.“

          Dieses Anliegen, das auch hinter seiner Schrift „Indignez-vous!“ (Empört euch!) steht, dringt kristallklar aus seiner Rede, als wären bei diesem ehemaligen Diplomaten im hohen Alter Auflehnung und Vernunft endgültig ineinander verwachsen. Das erste Problem unserer Zeit winkt er als allgemein bekannt schnell vorüber: die ökologische Belastbarkeit der Erde – ein Thema, das den Verfassern der Menschenrechtserklärung 1948 noch unbekannt war. Beim zweiten Problem, der wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich, hält er sich länger auf. „Arme und Reiche hat es immer gegeben. Nie wurde aber bisher die private Bereicherung mit solcher Schamlosigkeit an der Öffentlichkeit zur Schau getragen, und nie wussten die Armen so genau, wie reich die Reichen sind. Das kann nicht gutgehen.“ Das Stichwort des dritten von ihm genannten Problems nimmt Hessel in den Mund wie Demosthenes einst seinen Stein, um falsche Zungenschläge zu vermeiden. Terrorismus sei eine ernsthafte Bedrohung in der Welt, allzu oft aber auch nur rhetorisches Geschütz der Mächtigen, um skrupellos ihre Machtposition auszubauen.

          Von Berlin nach Paris

          Wie schafft man es, bis ins Greisenalter die Kraft und die nötige Überzeugungsnaivität für moralische Auflehnung zu bewahren? Hessel nennt ohne Zögern den prägenden Einfluss seiner Mutter, Helen Grund, die künstlerisch veranlagte Tochter aus der Berliner Bankiersfamilie, die mit ihrem konventionswidrigen Freiheitsverlangen zwischen ihrem Mann, Franz Hessel, dem Berliner Schriftsteller polnisch-jüdischer Herkunft, und ihrem Pariser Liebhaber Henri-Pierre Roché – die Dreiergeschichte liegt Truffauts Film „Jules et Jim“ zugrunde – die persönliche Glücksverwirklichung zur überpersönlichen Sache erklärt hatte. Die Übersiedlung des Siebenjährigen mit seiner Familie von Berlin nach Paris war für ihn alles andere als ein Trauma, und dass er in der Schule manchmal als „boche“ bezeichnet wurde, störte ihn nicht weiter, wie er schon in seinen Memoiren „Danse avec le siècle“ (1997) bekannte.

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