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Steinmeiers Unaufgeregtheit : Muhabbet weiß, was er sagt

  • -Aktualisiert am

Diplomatie im Tonstudio: Die Außenminister Kouchner und Steinmeier mit dem Rapper Muhabbet Bild: REUTERS

Die Bilder der martialischen Ermordung des holländischen Filmemachers Theo van Gogh sind eine bleibende Bedrohung des aufgeklärten Westens. Sympathisierende Äußerungen verdienen weder Toleranz noch Unaufgeregtheit - zu der Außenminister Steinmeier im Fall Muhabbet rät.

          Natürlich darf ein Politiker singen. Auch mit einem Rapper im Tonstudio. Warum das aber ein Beitrag zur sozialen Integration junger Deutscher sein soll, verstehe ich nicht. Entweder sind die Zuhörer so integriert, dass sie wissen, wer Herr Steinmeier ist: Dann brauchen sie diese Gesangsübung aber nicht, um sich als vollwertiges Mitglied der deutschen Gesellschaft zu fühlen. Oder das Land, in das einst ihre Eltern einwanderten und in dem sie geboren wurden, ist ihnen nie zur Heimat geworden: Dann aber werden sie sich eher ausgegrenzt fühlen, wenn der Außen- und eben nicht der Innenminister ihnen versichert, dass sie dazugehören. Jene aber, die vom Märtyrertod träumen, sind mit solchen Späßen ohnehin nicht zu erreichen.

          Wie groß die heimliche Armee dieser „heiligen Krieger“ ist und wie viele unheimliche Sympathisanten es gibt, die das Grundgesetz durch die Scharia ersetzen möchten, weiß keiner. Vielleicht gehört der junge Mann dazu, der mir vor kurzem in Frankfurt begegnete: kurze Haare, kurzgeschnittener Vollbart. An der Hand hielt er seine Frau. Er musste sie durch das Gedränge führen, denn ihr selbst war unter der Burka die Sicht nahezu versperrt. Gern hätte ich sie gefragt, wie freiwillig sie ihr Gewand trug, aber da waren die beiden auch schon in der Menge verschwunden. Frankfurt am Main ist die multikulturellste Stadt Deutschlands. Vierzig Prozent ihrer Einwohner und sogar siebzig Prozent der Neugeborenen im vergangenen Jahr haben einen Migrationshintergrund. Die liberale Tradition meiner Heimatstadt will ich mir von Anhängern totalitärer Ideologien nicht kaputtmachen lassen - und mag weder den Anblick rechter Skins in Springerstiefeln wortlos hinnehmen noch den von Frauen, die im Stoffkäfig durch die Stadt geführt werden.

          Unterwürfiger Leisetreterdialog

          Es mangelt mir zunehmend an jener Gelassenheit, die der Außenminister einfordert, wenn er verlangt, „unaufgeregt“ damit umzugehen, dass sein Gesangspartner Muhabbet den brutalen Mord am niederländischen Filmemacher Theo van Gogh gebilligt hat. Ich rege mich auf. Ich werde die Bilder dieser hinterhältigen Schlachtung einfach nicht los. Theo van Gogh wurde am helllichten Tag auf offener Straße massakriert. Er radelte ahnungslos in sein Büro, als der Täter aus nächster Nähe auf ihn schoss, ihm dann mit einer Machete die Kehle durchschnitt und ihm am Ende mit einem Filetiermesser einen Brief in die Brust rammte: eine Kriegserklärung an den Westen, den Geist der Aufklärung, an uns alle.

          „Ich werde die Bilder dieser hinterhältigen Schlachtung nicht los”: Esther Schapira

          Ich nehme diese Kriegserklärung ernst. Ich rege mich auf über notorische Verharmloser, für die nicht wahr ist, was nicht wahr sein soll. Auch mir fällt es schwer einzugestehen, wie viel Intoleranz und welches Gewaltpotential sich aus vermeintlicher Toleranz munter entwickeln konnte. Politiker aber müssen sich der Realität stellen, nicht sie verleugnen. Ich rege mich auf, wenn Frauen und Schwule von muslimischen Machos bedroht werden, wenn Kritiker des politisch-militanten Islams Polizeischutz brauchen und einem unterwürfigen Leisetreterdialog das Wort geredet wird.

          Der Außenminister mahnte, keine Ursache dafür zu geben, „dass diejenigen Schaden nehmen, die sich eine Zusammenarbeit mit uns vorstellen können“. Seither frage ich mich: Müssen wir dankbar sein, dass mit uns geredet wird, und wer bitte sind „die“, und wer ist „uns“? Theo van Goghs Mörder war ein Niederländer: Mohammed Bouyeri, geboren und aufgewachsen in Amsterdam, Sohn marokkanischer Einwanderer, sechsundzwanzig Jahre alt. Auf welche Seite also gehört Bouyeri? „Sie“ oder „wir“? Gehören er und Muhabbet demselben Kollektiv an? Muhabbet ist kein Extremist. Er ist Mainstream.

          Es gibt keinen Kulturbonus für Intoleranz

          Die klare Trennung zwischen Integrierten und Islamisten gibt es nicht. Unverbunden stehen bei vielen widersprüchliche Gefühle lange Zeit nebeneinander. Acht Jahre dauerte etwa die Entwicklung Mohammed Bouyeris von einem sympathischen Jugendlichen zum islamistischen Killer. Acht Jahre, in denen er sich nicht versteckte. Die Jeans ersetzte er durch eine Djellaba, trug Kopfbedeckung und einen Vollbart. Und seine Überzeugung schleuderte er seiner Umwelt immer wütender entgegen. Doch keiner nahm davon Notiz.

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