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„Jenseits von Eden“ : Achtet auf Lee, den chinesisch-amerikanischen Diener!

Selbstporträt des Schauspielers: Stephen Park in der Steppenwolf-Inszenierung von „Jenseits von Eden“ von 2015 Bild: Michael Brosilow

Als epischer Bruderkampf wurde John Steinbecks „Jenseits von Eden“ verfilmt. Fast verloren ging der anti-rassistische Aspekt des Romans. Heute ist er aktuell wie nie.

          4 Min.

          Nach den Septemberanschlägen von 2001 fiel ein Generalverdacht auf Amerikas Muslime. Im Jahr 2020 auf China, Korea, Vietnam. Zur Zeit des Präsidenten George W. Bush war es die Furcht vor Terrorakten durch die arabische Welt, unter Donald Trump die Rede vom „chinesischen Virus“. Denn kaum hatte der Präsident die Corona-Pandemie mit der vermeintlichen geographischen Quelle verknüpft, nahmen Beschimpfungen und tätliche Angriffe gegen Asiaten in den Vereinigten Staaten zu.

          Paul Ingendaay
          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Er erlebe „den dunkelsten Tag“, seit er vor mehr als zwanzig Jahren ins Land gekommen sei, wurde der Epidemiologe Tony Du im vergangenen Jahr von der „New York Times“ zitiert. Dass Trump mit dem Begriff „chinesisches Virus“ von eigenem Versagen ablenken wollte, dürfte klügeren Beobachtern aufgefallen sein, doch auf den Straßen der amerikanischen Städte mussten Menschen mit asiatischen Zügen von nun an mit dem Schlimmsten rechnen. Eine seit langem eingeübte Integration drohte zu zerfallen.

          Der amerikanische Schriftsteller John Steinbeck (1902 bis 1968) mag nicht der erste Kandidat sein, von dem man Erhellendes zu diesem Zusammenstoß der Kulturen erwarten würde. Obwohl er wahrscheinlich zu den meistgelesenen Autoren des vergangenen Jahrhunderts gehört, scheint sein Werk so entrückt, dass es kaum noch jemanden etwas angeht, und sein Wert für heutige Identitätsdebatten gegen null zu streben. Kein amerikanischer Literaturnobelpreisträger ist an den Universitäten von so geringem Interesse wie Steinbeck – männlich, weiß, modern wie Filzpantoffeln.

          „Me talkee Chinese talk“

          Wer sich allerdings bei seinem Hauptwerk „Jenseits von Eden“ (1952) mit Elia Kazans drei Jahre später entstandener Verfilmung zufriedengibt, hat etwas Wichtiges übersehen. Während Steinbeck auf 700 Seiten die Saga zweier Familien und eines halben Jahrhunderts im kalifornischen Salinas Valley ausrollt, beschränkt sich Kazans „East of Eden“ auf Motive des vierten Romanteils und schneidet die Handlung auf die Rivalität zwischen zwei ungleichen Brüdern sowie das vergebliche Ringen eines von ihnen, Cal, um die Liebe seines Vaters Adam Trask zurück. Und wer dächte beim Film nicht an James Deans erste große Rolle, seine gliederpuppenhafte Biegsamkeit und die allerunschuldigste Marlon-Brando-Imitation?

          Damals ging es vor allem um ihn: James Dean 1955 in Elia Kazans Verfilmung von „Jenseits von Eden“
          Damals ging es vor allem um ihn: James Dean 1955 in Elia Kazans Verfilmung von „Jenseits von Eden“ : Bild: Allstar/Warner Bros.

          Doch über der weißen, bibelfesten Welt der Verfilmung wurde eine der zentralen Figuren des Romans vergessen. Bis heute. Es ist Lee, Adam Trasks chinesisch-amerikanischer Diener. Gleich seine erste längere Szene führt ihn als listigen Strategen ein, der dem allgegenwärtigen Rassismus seiner Umgebung mit einem Trick begegnet: Lee, der in den Vereinigten Staaten geboren wurde, eine amerikanische Universität besucht hat und heimlich Lyrik liest, verbirgt seine perfekte Akkulturation hinter der Maske des einfältigen, devoten Dieners, dem nichts anderes als Pidgin-Englisch zur Verfügung steht: „Me talkee Chinese talk“, sagt er.

          Und „bling“ statt „bring“. Erst als ihn der lebenskluge Samuel Hamilton auf einer Kutschfahrt nach seinen näheren Umständen fragt, lässt Lee die Maske fallen und erklärt dem einzigen Mann, der ihn durchschaut hat, dass seine infantile Rede nicht nur dem Selbstschutz dient, sondern auch dazu, von seiner Umgebung überhaupt verstanden zu werden. Amerika ist seine Heimat, aber was zählt das schon? Er gehört nicht dazu, weil er anders aussieht. Also folgert Lee: Wer Pidgin erwartet, versteht auch nur Pidgin. Und zu Hamilton gewandt: „Sie sehen, was ist, während die Mehrzahl der Menschen sieht, was sie erwartet.“

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