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Stefan George wird 150 : Wie jung ist seine Dichtung noch?

  • Aktualisiert am

Stefan George, porträtiert im Jahr 1928. Bild: Picture-Alliance

Trotz der jüngsten Debatte um Missbrauchsfälle in seinen Kreisen bleibt der Lyriker Stefan George eine Größe seiner Zeit. Elf Lyriker erklären in der F.A.Z. seine lyrische Wirkung.

          18 Min.

          Lutz Seiler

          Ich war 24 Jahre alt, als 1987 die Gedichte Stefan Georges in der DDR erschienen, in einem der braunen unscheinbaren Taschenbücher der Reclam-Universalbibliothek zum Preis von 1,50 Mark. Wenn ich heute etwas nachlesen möchte, benutze ich, trotz des schlechten, abstoßenden Papiers (bei Berührung ein Löschblattgefühl an den Fingern und seltsamerweise auch auf der Zunge) noch immer diese kleine DDR-Ausgabe. Sie enthält alle Texte, die mir wichtig sind, und die Erinnerung an das Ereignis meines damaligen Lesens, an eine Zeit, in der ein Gedicht als die kostbarste Sache der Welt angesehen und ebenso behandelt wurde. „Sieh mein kind ich gehe...“ Was ich sehe, sind meine Anstreichungen, die Reihen aus Kreuzen und Schrägstrichen über den Versen, dünn mit Bleistift eingezeichnet.

          Lutz Seiler, gelernter Baufacharbeiter und studierter Germanist leitet seit 2015 die Heidelberger Poetikdozentur. Für sein 2014 erschienenes Romandebüt „Kruso“ erhielt er den Deutschen Buchpreis.

          In etwa war es so und dabei sehr einfach: Für mich und einige Freunde, die in den achtziger Jahren begonnen hatten, Gedichte zu schreiben, verkörperte George die befreiende Distanz, den notwendigen Abstand, eine Abkehr von der Ödnis unserer Gegenwart, den Zumutungen unseres Alltags, und nicht zuletzt verweigerten wir damit den Dichtern der sogenannten mittleren Generation und ihren an Brecht und der Aufklärung geschulten Schreibweisen die Gefolgschaft. In der Literatur gab es Autoren, bei denen schon ihr Name einen Geheimniszustand auszudrücken schien: Novalis, Trakl, George. Unsere Gegenwart in Halle an der Saale Mitte der achtziger Jahre kannte keinen Geheimniszustand. Eine Aufnahme ihrer Dinge und Worte ins Gedicht löschte das Geheimnis aus, verdarb den Klang, beschmutzte die Vokale, machte die Konsonanten lächerlich...

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