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Staunen über den Vatikan : Was steht in Williamsons Akte?

Presseraum des Vatikans: Schon die erste Reaktion von Papstsprecher Federico Lombardi (Mitte) machte staunen Bild: AP

Der Lefebvre-Bischof Williamson war auf der ganzen Welt als Holocaust-Leugner bekannt, nur in Rom angeblich nicht. Benedikt XVI. gefährdet mit seinem Vorgehen im Falle der Pius-Bruderschaft die Autorität des Konzils. Der Vergleich mit einem ähnlichen Fall unter seinem Vorgänger Pius XI. verstärkt diesen Eindruck noch.

          5 Min.

          Das weltweite Kopfschütteln über die Umstände, unter denen Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation der vier 1988 von Erzbischof Marcel Lefebvre geweihten Bischöfe aufgehoben hat, dauert an. Jede Mitteilung über die bürokratische Innenseite des Vorgangs bietet neuen Grund zum Staunen. Ungläubig hat man vernommen, dass der federführende Kurienkardinal, der Kolumbianer Darío Castíllon Hoyos, wissen ließ, ihm sei nicht bekannt gewesen, dass es sich bei einem der vier Begünstigten des päpstlichen Dekrets, dem Engländer Richard Williamson, um einen Holocaust-Leugner handelt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Dazu ist zu sagen, dass diese Tatsache niemandem, der sich überhaupt mit Bischof Williamson beschäftigte, unbekannt geblieben sein kann. Die Holocaust-Leugner bilden ihre eigene Weltkirche, eine diabolische Travestie der universalen Kirche des Geistes. Sie sehen sich als Hüter der von der Welt geleugneten Wahrheit und kommunizieren, da sie überall, wo sie sich hervorwagen, strafrechtlich verfolgt oder wenigstens sozial geächtet werden, im Internet. Auf den einschlägigen Seiten der antisemitischen Fanatiker wird Williamson seit Jahren als Kronzeuge zitiert. So soll er schon 1989 in einer Predigt in einer der Muttergottes von Lourdes geweihten Kirche in Kanada den Holocaust als „Lügen, Lügen, Lügen“ bezeichnet haben. Wäre dieses Sakrileg nicht Grund genug gewesen, Williamson von der Aufhebung der Exkommunikation auszuschließen?

          Grund zu äußerster Vorsicht

          Den ebenfalls gern von den Judenhassern zitierten Satz des Bischofs, Gott habe den Menschen, wenn sie die Wahrheit wissen wollten, die „Protokolle der Weisen von Zion“ in die Hände gelegt, findet man bis heute in der Serie der Pastoralbriefe Bischof Williamsons auf der Seite der kanadischen Sektion der Bruderschaft. Auf diese Exzesse angesprochen, die innerhalb der weltweit verstreuten, aber zahlenmäßig überschaubaren Pius-Gemeinde nicht unbekannt bleiben konnten, pflegten Williamsons Verteidiger bislang immer zu entgegnen, es handele sich um eine Privatmeinung in einer historischen Frage, die die Lehre der Brüderschaft nicht berühre. Es ist eine der erschreckenden Einzelheiten der Angelegenheit, dass die allererste Äußerung des Papstsprechers Lombardi, die Exkommunikation habe mit den Ansichten Williamsons nichts zu tun, als vatikanische Approbation dieser Apologetik verstanden werden konnte.

          Das Interesse der Bruderschaft, die Holocaust-Leugnung Williamsons zu leugnen oder kleinzureden, liegt auf der Hand. Die vier Bischöfe sind die Überlebensgarantie der Lefebvre-Sekte. Dass die Weihen von 1988 gültig sind und weitergegeben werden können, hat die Bruderschaft überhaupt nur in die Lage gebracht, mit dem Papst zu verhandeln. In der säkularen Öffentlichkeit, die die Zahlen nebeneinanderlegt (Pius-Bruderschaft: 600 Priester, katholische Kirche: 408.000 Priester), wird das Gewicht der allein durch die Existenz der vier Bischöfe gegebenen schismatischen Gefahr für die Urteilsbildung des Papstes wahrscheinlich unterschätzt. Die apostolische Sukzession, die ununterbrochene Weitergabe der Bischofsweihe seit den Aposteln, ist für das Selbstverständnis der Kirche konstitutiv. Seit 1988 steht das Gespenst einer Gegenkirche im Raum. Die Einheit der Kirche würde durch eine Abspaltung unter bischöflicher Führung ganz anders beschädigt als durch den Abfall Luthers. Aber die starke Position, die die Tatsache der Weihe den vier Lefebvre-Bischöfen gibt, müsste für Rom Grund sein, in den Verhandlungen mit äußerster Vorsicht vorzugehen.

          Zuspitzung eines Geschichtsbildes

          Das Weltbild Bischof Williamsons bildete für die Pius-Bruderschaft, soziologisch betrachtet, eine tödliche Gefahr. Die katholische Kirche könnte einen Kriminellen unter ihren Bischöfen (2008: 4841) relativ leicht aus dem Verkehr ziehen. Doch man stelle sich vor, die Pius-Bruderschaft wäre genötigt, Bischof Williamson auszuschließen: ein Viertel des Episkopats! Warum hat der Papst diesen Ausschluss nicht zur Bedingung der Versöhnung mit der Bruderschaft gemacht? Bei Williamsons notorischen Ansichten handelt es sich eben nicht um eine Privatsache, sondern um die wahnhafte Zuspitzung eines Geschichtsbildes, das für die Getreuen Marcel Lefebvres charakteristisch ist.

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