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Stauffenberg-Film : Nicht ohne meine Frau

So kommt man zum Film: Wegweiser an einem Waldweg im Landkreis Dahme-Spreewald Bild: dpa

Stab, Besetzung und eine erste Inspektion am Schauplatz: Andreas Kilb forscht und folgert, was wir über den Stauffenberg-Film mit Tom Cruise, der gerade südlich Berlins gedreht wird, schon wissen können.

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          In einem Wald im brandenburgischen Landkreis Dahme-Spree, auf halbem Weg zwischen den Dörfern Löpten und Hermsdorf, stehen zwei graue Wachhäuschen, eine Bunkerattrappe und ein flacher Bretterbau. Ein betonierter Weg, einst von Panzern der Nationalen Volksarmee befahren, verbindet den Ort mit einem ausrangierten Militärlandeplatz, auf dem zwei dreimotorige Propellermaschinen der Marke Junkers Ju-52 stehen, beide, wenn man den aktuellen Fotos trauen darf, in ausgezeichnetem Zustand.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Der hellgraue Bunker mit den leicht schrägen Wänden im Hermsdorfer Forst wiederum ist, nach Berichten von Waldgängern, eine exakte Kopie des Gebäudes, das man im Hintergrund einer historischen Aufnahme sieht, die am 15. Juli 1944 in der Nähe der ostpreußischen Stadt Rastenburg entstand. Sie zeigt Adolf Hitler, der in seinem Hauptquartier, der „Wolfsschanze“, hohe Offiziere der Wehrmacht begrüßt. Links neben ihm, in tadellos steifer Haltung, steht Oberstleutnant Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Er hat, wenigstens auf diesem Bild, große Ähnlichkeit mit dem Schauspieler, der ihn jetzt spielen soll: Tom Cruise.

          Es geht nicht um Ähnlichkeit, es geht um Suggestion

          Das Kino ist eine Kunst der Illusion, nicht der Mimesis. Es kann auf Ähnlichkeiten verzichten, solange seine Suggestionen stimmen, die Rhetorik seiner Bilder, der Strom seiner Montage, die das Mögliche mit dem Unmöglichen verbindet, das Wirkliche mit dem Phantastischen. Marlon Brando hat Napoleon gespielt, ohne ihm ähnlich zu sehen, Richard Burton war Alexander der Große, und beide haben ihre Sache gut gemacht. Helen Mirren ist als „The Queen“ so sehr in ihrer Rolle aufgegangen, dass man sich heute manchmal verwundert fragt, warum die echte Königin Elisabeth nicht ein wenig mehr wie Helen Mirren aussieht. Wer von Filmen erwartet, dass sie mit der Welt, die sie darstellen, deckungsgleich seien, hat die Lektion des multimedialen Zeitalters noch nicht begriffen: Das Kino schreibt der Wirklichkeit ihre Bilder vor, nicht umgekehrt.

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          Es ist deshalb im Grunde ohne Belang, ob Tom Cruise dem Grafen von Stauffenberg ähnlich sieht. So wie es unwichtig ist, ob das Filmset im Hermsdorfer Wald ein getreues (wenn auch drastisch reduziertes) Abbild der „Wolfsschanze“ ist oder nicht oder ob die auf dem Babelsberger Studiogelände aufgebaute Bendlerblock-Kulisse den historischen Bendlerblock richtig wiedergibt. Und genauso gleichgültig ist es, ob der Hollywoodstar, der den Attentäter spielt, mit dessen preußischen Idealen, mit dem Wertekanon von Pflicht und Dienst und Ehre und Treue als Privatmensch etwas anfangen kann. Entscheidend ist, dass er so spielt, als könnte er es. Und dass die Regie dafür den Rahmen schafft, dass sie die Illusion verstärkt, statt sie zu brechen.

          Hollywoodproduktion ohne weibliche Hauptrolle? Undenkbar

          Wenn man sich also fragt, was wir über den Film von Bryan Singer, der erst den Arbeitstitel „Valkyrie“ trug und jetzt „Rubicon“ heißen soll, schon vor dem ersten Drehtag wissen können, dann ist die Antwort darauf ganz einfach. Sie liegt im Stab und der Besetzung des Films. Die Holländerin Carice van Houten beispielsweise spielt eine der Hauptrollen als Stauffenbergs Ehefrau Nina. Am Tag des Attentats vom 20. Juli war zwar Nina von Stauffenberg weder in Berlin noch im Führerhauptquartier, aber eine 80 Millionen Dollar teure Hollywoodproduktion ohne weibliche Hauptrolle ist praktisch undenkbar, also wurde Carice van Houten in die Geschichte hineingeschrieben.

          Der allererste Film über das Attentat auf Hitler, Falk Harnacks „Der 20. Juli“ von 1955, hat das Frauenproblem der Geschichte noch auf andere Weise gelöst, durch die Erfindung einer Sekretärin namens Fräulein Klee, die von der sehr blonden und patenten Annemarie Düringer gespielt wurde und am Ende mit dem Schrecken davonkam. In späteren Filmen zum Thema, vor allem in Franz Peter Wirths klassischem Fernsehzweiteiler „Operation Walküre“ von 1973, kam eine tragende weibliche Rolle nicht vor. Aber die zunehmende Personalisierung des Historischen, wie sie in den Sendungen des History Channel oder den Produktionen eines Guido Knopp vorangetrieben wird, hat auch an diesem Stoff ihre Spuren hinterlassen. Jo Baiers „Stauffenberg“ von 2004 erzählt das Attentat als Familiengeschichte und verfehlt damit eine wesentliche Dimension des Widerstands gegen Hitler. Das „Valkyrie“-Projekt wird dieser Spur folgen.

          Ohne Cruise ein Fall für HBO oder den History Channel

          Der zweite wesentliche Hinweis auf den Charakter des gerade entstehenden Films ist sein Regisseur. Bryan Singer hat in „Die üblichen Verdächtigen“ bewiesen, dass er komplizierte Intrigen auf engem Raum inszenieren kann, und in „Apt Pupil“ gezeigt, dass ihn die Nazithematik interessiert. Mit „X-Men“ und „X2“ aber ist er zu einem Virtuosen des postmodernen Kinos der Effekte geworden. Auch davon wird „Valkyrie“ ein Lied singen. Es ist kein leeres Versprechen, wenn Anwohner im Dahme-Spree-Kreis erzählen, die Produktion wolle auf einer brandgerodeten Lichtung in der Nähe des Wolfsschanze-Sets „irgendwelche Actionszenen“ drehen. Auch an computergenerierten Bildern wird es vermutlich nicht mangeln, Momentaufnahmen von der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront vielleicht, wo eins der Zentren der Offiziersverschwörung lag. „Valkyrie“ wird der Film werden, der Hitler via Stauffenberg ins Reich des neuen Digitalkinos herüberholt.

          Drittens und vor allem aber ist „Valkyrie“ alias „Rubicon“ alias - wer weiß? - „Killing Hitler“ der Film des Tom Cruise. Es ist klar, warum Cruise diese Rolle haben wollte: weil er nach den Flops „Last Samurai“ und „Mission Impossible 3“ und dem Achtungserfolg „Krieg der Welten“ dringend ein neues positives Leitbild braucht. Einen Killer wie in Michael Manns „Collateral“ oder einen Verrückten wie in „Magnolia“ kann Cruise immer spielen, aber ein Filmsuperstar wie er kommt ohne regelmäßig aufgefrischtes Helden-Image ins Schwimmen. Und welche Heldenfigur könnte strahlender sein als die des einfachen, aufrechten Soldaten (vergesst den Grafentitel!), der gegen den größten Bösewicht der Geschichte antritt? Der Gedichte liest und seine Frau liebt, während sein Widersacher die Welt in Schutt und Asche legt?

          Über Stauffenberg hat der Historiker Gerhard Ritter gesagt, in ihm habe „ein Stück dämonischen Machtwillens und Herrentums“ gesteckt, ohne das der Attentatsplan im Sande verlaufen wäre. Dasselbe könnte man, mit ein paar Abstrichen beim Herrentum, über Tom Cruise sagen. Ohne ihn wäre das Projekt „Valkyrie“ vielleicht beim Fernsehsender HBO oder beim History Channel gelandet. Jetzt aber werden wir uns, wenn der Film im nächsten Jahr ins Kino kommt, vielleicht fragen, ob Stauffenberg nicht schon immer wie Tom Cruise ausgesehen hat. Das ist sein größtes Versprechen. Und seine größte Gefahr.

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