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Stauffenberg-Film : Nicht ohne meine Frau

Der allererste Film über das Attentat auf Hitler, Falk Harnacks „Der 20. Juli“ von 1955, hat das Frauenproblem der Geschichte noch auf andere Weise gelöst, durch die Erfindung einer Sekretärin namens Fräulein Klee, die von der sehr blonden und patenten Annemarie Düringer gespielt wurde und am Ende mit dem Schrecken davonkam. In späteren Filmen zum Thema, vor allem in Franz Peter Wirths klassischem Fernsehzweiteiler „Operation Walküre“ von 1973, kam eine tragende weibliche Rolle nicht vor. Aber die zunehmende Personalisierung des Historischen, wie sie in den Sendungen des History Channel oder den Produktionen eines Guido Knopp vorangetrieben wird, hat auch an diesem Stoff ihre Spuren hinterlassen. Jo Baiers „Stauffenberg“ von 2004 erzählt das Attentat als Familiengeschichte und verfehlt damit eine wesentliche Dimension des Widerstands gegen Hitler. Das „Valkyrie“-Projekt wird dieser Spur folgen.

Ohne Cruise ein Fall für HBO oder den History Channel

Der zweite wesentliche Hinweis auf den Charakter des gerade entstehenden Films ist sein Regisseur. Bryan Singer hat in „Die üblichen Verdächtigen“ bewiesen, dass er komplizierte Intrigen auf engem Raum inszenieren kann, und in „Apt Pupil“ gezeigt, dass ihn die Nazithematik interessiert. Mit „X-Men“ und „X2“ aber ist er zu einem Virtuosen des postmodernen Kinos der Effekte geworden. Auch davon wird „Valkyrie“ ein Lied singen. Es ist kein leeres Versprechen, wenn Anwohner im Dahme-Spree-Kreis erzählen, die Produktion wolle auf einer brandgerodeten Lichtung in der Nähe des Wolfsschanze-Sets „irgendwelche Actionszenen“ drehen. Auch an computergenerierten Bildern wird es vermutlich nicht mangeln, Momentaufnahmen von der Heeresgruppe Mitte an der Ostfront vielleicht, wo eins der Zentren der Offiziersverschwörung lag. „Valkyrie“ wird der Film werden, der Hitler via Stauffenberg ins Reich des neuen Digitalkinos herüberholt.

Drittens und vor allem aber ist „Valkyrie“ alias „Rubicon“ alias - wer weiß? - „Killing Hitler“ der Film des Tom Cruise. Es ist klar, warum Cruise diese Rolle haben wollte: weil er nach den Flops „Last Samurai“ und „Mission Impossible 3“ und dem Achtungserfolg „Krieg der Welten“ dringend ein neues positives Leitbild braucht. Einen Killer wie in Michael Manns „Collateral“ oder einen Verrückten wie in „Magnolia“ kann Cruise immer spielen, aber ein Filmsuperstar wie er kommt ohne regelmäßig aufgefrischtes Helden-Image ins Schwimmen. Und welche Heldenfigur könnte strahlender sein als die des einfachen, aufrechten Soldaten (vergesst den Grafentitel!), der gegen den größten Bösewicht der Geschichte antritt? Der Gedichte liest und seine Frau liebt, während sein Widersacher die Welt in Schutt und Asche legt?

Über Stauffenberg hat der Historiker Gerhard Ritter gesagt, in ihm habe „ein Stück dämonischen Machtwillens und Herrentums“ gesteckt, ohne das der Attentatsplan im Sande verlaufen wäre. Dasselbe könnte man, mit ein paar Abstrichen beim Herrentum, über Tom Cruise sagen. Ohne ihn wäre das Projekt „Valkyrie“ vielleicht beim Fernsehsender HBO oder beim History Channel gelandet. Jetzt aber werden wir uns, wenn der Film im nächsten Jahr ins Kino kommt, vielleicht fragen, ob Stauffenberg nicht schon immer wie Tom Cruise ausgesehen hat. Das ist sein größtes Versprechen. Und seine größte Gefahr.

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