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Psychologie im Krieg : Die große Schlacht und die Moral

Offensive im Donbass: ein Panzer der russischen Armee Bild: Imago

Die russischen Streitkräfte sollen in einem desaströsen Zustand sein. Doch was wissen wir wirklich über die Stärken und Schwächen von Putins Armee? Der Militärhistoriker Sönke Neitzel gibt Auskunft.

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          Über Sieg und Niederlage entscheidet im Krieg nicht zu­letzt die Moral der Streitkräfte. Je länger ein Krieg dauert, je aufreibender er ist, desto wichtiger wird die psychische Verfassung der Soldaten – das gilt auch jetzt, in der großen Schlacht um den Donbass. Seit Kriegsbeginn beweisen die ukrainischen Kampfeinheiten eine moralische Stärke, der weltweit Respekt gezollt wird. Ihr Wille, die Freiheit zu verteidigen, scheint ungebrochen. Wie aber steht es um die Moral der russischen Streitkräfte? Was wir wissen, ist, dass sie in Butscha und andernorts gewütet, getötet und gefoltert haben. Sie führen einen Vernichtungskrieg. Aber glauben die etwa hundertachtzigtausend Soldaten, die für Putin kämpfen, tatsächlich daran, dass sie ihr Vaterland verteidigen und die Ukraine entnazifizieren, obwohl kein Mensch sie als Befreier willkommen heißt?

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Schon nach wenigen Kriegstagen verbreiteten sich in den sozialen Netzwerken in rasanter Geschwindigkeit Videos, die liegengebliebene Militärfahrzeuge und Pan­zer zeigten, denen der Sprit ausgegangen war, oder die im Matsch steckengeblieben waren. Hungrige Einheiten plünderten Lebensmittelgeschäfte. Man sah offenbar bis zur letzten Sekunde über ihren Einsatz im Unklaren gelassene, weinende Soldaten, die nach Hause wollten. Eindrücke aus dem Kriegsgebiet, deren Popularität auch daher rührte, dass sie die Hoffnung auf einen Sieg der Ukraine nährten. Materialmängel, Inkompetenz, Vertrauensverlust sowie Lügen militärischer Vorgesetzter schwächen die moralische Kraft einer Armee. Ein Soldat, der nicht kämpfen will, ist nicht nur schwach, er gefährdet auch das Leben seiner Kameraden.

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