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Chipperfields zweiter Entwurf : Stadtloggia über dem Kupfergraben

  • -Aktualisiert am

So soll Chipperfields James-Simon-Galerie vom Wasser aus aussehen Bild: REUTERS

Vor kaum einem halben Jahr hatte sein Entwurf für ein Eingangsbauwerk auf der Berliner Museumsinsel heftigen öffentlichen Einspruch erregt. Jetzt hat der Londoner Star-Architekt ein radikal verändertes Konzept vorgelegt. Der Streit hat sich gelohnt, findet Heinrich Wefing.

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          Der Streit hat sich gelohnt. Kein halbes Jahr nach dem heftigen öffentlichen Einspruch gegen den Entwurf des britischen Architekten David Chipperfield für ein Eingangsbauwerk auf der Berliner Museumsinsel (siehe auch: Museumsinsel Berlin: Chipperfields Entwurf für das Eingangsgebäude ist mißraten) hat der Londoner nun ein radikal verändertes Konzept vorgelegt. Anders als viele Baumeister seines Ranges hat sich Chipperfield nicht mit ein paar kosmetischen Korrekturen begnügt, sondern einen wirklich neuen Anfang gewagt. Alles wird nun anders: die Grundidee des zentralen Foyers für die Schatzhäuser Preußens, die Wegführung darin, die Raumfolgen, die Materialität. Und die Mühe war nicht vergebens. Das neue Eingangsbauwerk fügt sich nicht nur wesentlich harmonischer in das Ensemble der Insel ein als das gläserne Kubengeschiebe des ersten Entwurfs. Nein, es verspricht mit ungeahnten öffentlichen Räumen und Aussichten ein veritables Geschenk an die Stadt zu werden.

          Statt des ursprünglich geplanten transluzenten Solitärs, den die Bauherren von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mittlerweile gern zum unverbindlichen „Platzhalter“ herunterzureden versuchen, hat Chipperfield jetzt einen schlanken steinernen Riegel vorgeschlagen, der sich südlich des Pergamonmuseums zwischen den Kupfergraben und die Westfront des Neuen Museums schiebt; ungefähr dort, wo schon Messel eine Erweiterung seines Pergamonmuseums vorgesehen hatte. In diesem Neubau soll all das untergebracht werden, was der Insel so schmerzlich an Infrastruktur fehlt: Buchläden, Cafés und Toiletten für ein Millionenpublikum, zudem Wechselausstellungsräume und ein Auditorium.

          Modernität in minimalistischen Details

          Vom Lustgarten her kommend wird der Besucher in Zukunft über eine breite Freitreppe in ein helles Foyer hinaufsteigen, hinein in eine filigran aufgelöste Architektur aus Luft und Glas und schlanken Stützen, deren Modernität nun nicht mehr, wie im ersten Entwurf, in dem arg platten Kontrast von Glas und Stein steckt, sondern in den minimalistischen Details. Vorbei an Kassen, Shops und einem Café in verführerischer Lage oberhalb des Kupfergrabens gelangt der Gast aus dem Foyer direkt zu den Großarchitekturen des Pergamonmuseums. Eine Etage darunter öffnet sich das neue Eingangsbauwerk zu einem Hof, der hinüberführt zum Neuen Museum, und noch ein Stockwerk tiefer befinden sich die Räume für Wechselausstellungen und ein Vortragssaal. Funktional ist der Neubau bloß ein Verteilerzentrum, eine Serviceschleuse. Gemeinsam mit seinem Berliner Design-Team, geleitet von Alexander Schwarz und Martin Reichert, aber hat Chipperfield diesen Nutzbau in eine Verbeugung vor dem preußischen Arkadien verwandelt.

          In fünf Jahren könnte sie eröffnet werden

          Architektonisch nämlich variiert der neue Plan lauter Motive, die auf der Insel bestens vertraut sind. Er verlängert den mächtigen Sockel aus Stein, auf dem sich das Bodemuseum wie das Pergamonmuseum aus dem Wasser erheben, bis zum Eisernen Steg, und verschränkt ihn dort mit den Kolonnaden, die bereits den Garten zwischen Alter Nationalgalerie und Neuem Museum umgürten. Was dort, auf der Ostseite der Insel, ein delikater Raumschmuck ist, will Chipperfield nun auf der Westseite fortsetzen, längs des Kupfergrabens in die Höhe gestemmt wie ein endlos langgestreckter Pavillon, eine Stadtloggia, teils offen, teils verglast, mit weitem Blick über das Wasser und den Lustgarten bis hinüber zum künftigen Schloss.

          James-Simon-Galerie wird man das kaum mehr nennen können

          Das dritte Element schließlich, das sich Chipperfield aus der Typologie der Insel borgt und anverwandelt, ist das pathetischste – die Freitreppe. Alle seine Vorgänger haben sich ihrer bedient, Schinkel vor dem Alten Museum, Stüler bei der Alten Nationalgalerie, sogar noch in dem Brückensteg vor dem Pergamonmuseum klingt sie an. Stets schaffen die Stiegenanlangen in der Ebene eine künstliche Topographie, überhöhen die Häuser im platten Berliner Land zu Weihestätten der Kunst. In Zeiten des Massentourismus freilich haben Treppen wie die jetzt von Chipperfield vorgeschlagene längst auch zivile Funktionen. Sie dienen den ermüdeten Besuchern als schräge Liegewiesen aus Stein, auf denen man döst, rastet, flirtet oder in den Berliner Himmel schaut.

          Konzeptionell ist die Freitreppe nicht weniger als das entscheidende Element des neuen Entwurfs. Der Schalter, der umgelegt wurde und alles verändert hat. Ursprünglich sollte der Weg durch das Eingangsbauwerk nach unten führen, unter den Hof des Pergamonmuseums. Seit dessen Unterkellerung aber aus Kostengründen gestrichen wurde, mußte es plötzlich aufwärts gehen, und damit konnte eine ganz andere, luftige Architektur enstehen. Den Preis der jetzt von der Preußen-Stiftung euphorisch präsentierten Überarbeitung, auch das bleibt festzuhalten, zahlen wohl die Kuratoren. Im neuen Konzept sind die für Wechselausstellungen vorgesehenen Flächen in den Hintergrund getreten, genauer: in den Untergrund. Wer sie erreichen will, muss über eine breite Treppe nach unten steigen, in den Sockel unterhalb der Hochkolonnade. Dort hat Chipperfield mehrere Räume für Kabinettpräsentationen vorgesehen. Sie werden überwiegend Kunstlicht erhalten, was für archäologische Ausstellungen angehen mag, haben in der symbolischen Hierarchie des Gebäudes aber kräftig an Bedeutung verloren. James-Simon-Galerie, wie ursprünglich geplant, wird man den Neubau kaum mehr nennen können; eher sollte man vom „James-Simon-Flügel“ sprechen.

          Auch der jetzt vorgelegte Entwurf von David Chipperfield ist beileibe nicht perfekt. Der abweisende Sockel längs des Kupfergrabens hätte durchaus ein paar Öffnungen verdient; die lange Pfeilerreihe der Hochkolonnade droht leicht monoton zu geraten, und der Hof zwischen Eingangsbauwerk und Neuem Museum wirkt arg eng. Doch derlei Schwächen lassen sich leicht beseitigen. Wichtiger ist, dass mit dem neuen Konzept für Berlins kostbarstes Grundstück ein vielversprechender Weg zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft, zwischen Respekt und Selbstbewusstsein gefunden ist. Das ist ein enormer Fortschritt.

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