https://www.faz.net/-gqz-uqcn

Chipperfields zweiter Entwurf : Stadtloggia über dem Kupfergraben

  • -Aktualisiert am
In fünf Jahren könnte sie eröffnet werden

Architektonisch nämlich variiert der neue Plan lauter Motive, die auf der Insel bestens vertraut sind. Er verlängert den mächtigen Sockel aus Stein, auf dem sich das Bodemuseum wie das Pergamonmuseum aus dem Wasser erheben, bis zum Eisernen Steg, und verschränkt ihn dort mit den Kolonnaden, die bereits den Garten zwischen Alter Nationalgalerie und Neuem Museum umgürten. Was dort, auf der Ostseite der Insel, ein delikater Raumschmuck ist, will Chipperfield nun auf der Westseite fortsetzen, längs des Kupfergrabens in die Höhe gestemmt wie ein endlos langgestreckter Pavillon, eine Stadtloggia, teils offen, teils verglast, mit weitem Blick über das Wasser und den Lustgarten bis hinüber zum künftigen Schloss.

James-Simon-Galerie wird man das kaum mehr nennen können

Das dritte Element schließlich, das sich Chipperfield aus der Typologie der Insel borgt und anverwandelt, ist das pathetischste – die Freitreppe. Alle seine Vorgänger haben sich ihrer bedient, Schinkel vor dem Alten Museum, Stüler bei der Alten Nationalgalerie, sogar noch in dem Brückensteg vor dem Pergamonmuseum klingt sie an. Stets schaffen die Stiegenanlangen in der Ebene eine künstliche Topographie, überhöhen die Häuser im platten Berliner Land zu Weihestätten der Kunst. In Zeiten des Massentourismus freilich haben Treppen wie die jetzt von Chipperfield vorgeschlagene längst auch zivile Funktionen. Sie dienen den ermüdeten Besuchern als schräge Liegewiesen aus Stein, auf denen man döst, rastet, flirtet oder in den Berliner Himmel schaut.

Konzeptionell ist die Freitreppe nicht weniger als das entscheidende Element des neuen Entwurfs. Der Schalter, der umgelegt wurde und alles verändert hat. Ursprünglich sollte der Weg durch das Eingangsbauwerk nach unten führen, unter den Hof des Pergamonmuseums. Seit dessen Unterkellerung aber aus Kostengründen gestrichen wurde, mußte es plötzlich aufwärts gehen, und damit konnte eine ganz andere, luftige Architektur enstehen. Den Preis der jetzt von der Preußen-Stiftung euphorisch präsentierten Überarbeitung, auch das bleibt festzuhalten, zahlen wohl die Kuratoren. Im neuen Konzept sind die für Wechselausstellungen vorgesehenen Flächen in den Hintergrund getreten, genauer: in den Untergrund. Wer sie erreichen will, muss über eine breite Treppe nach unten steigen, in den Sockel unterhalb der Hochkolonnade. Dort hat Chipperfield mehrere Räume für Kabinettpräsentationen vorgesehen. Sie werden überwiegend Kunstlicht erhalten, was für archäologische Ausstellungen angehen mag, haben in der symbolischen Hierarchie des Gebäudes aber kräftig an Bedeutung verloren. James-Simon-Galerie, wie ursprünglich geplant, wird man den Neubau kaum mehr nennen können; eher sollte man vom „James-Simon-Flügel“ sprechen.

Auch der jetzt vorgelegte Entwurf von David Chipperfield ist beileibe nicht perfekt. Der abweisende Sockel längs des Kupfergrabens hätte durchaus ein paar Öffnungen verdient; die lange Pfeilerreihe der Hochkolonnade droht leicht monoton zu geraten, und der Hof zwischen Eingangsbauwerk und Neuem Museum wirkt arg eng. Doch derlei Schwächen lassen sich leicht beseitigen. Wichtiger ist, dass mit dem neuen Konzept für Berlins kostbarstes Grundstück ein vielversprechender Weg zwischen Tradition und Zeitgenossenschaft, zwischen Respekt und Selbstbewusstsein gefunden ist. Das ist ein enormer Fortschritt.

Weitere Themen

Europa kaltmachen

Putins Verfassungsreform : Europa kaltmachen

Einbruchdiebstahl an den Bürgerrechten: Russische Oppositionelle sind alarmiert über die Verfassungsreform ihres Präsidenten Putin. Doch die Zivilgesellschaft kann sich nicht konsolidieren.

Berlinale vor Jubiläums-Festival Video-Seite öffnen

Neues Führungsduo : Berlinale vor Jubiläums-Festival

Knapp einen Monat vor Eröffnung der 70. Internationalen Filmfestspiele besuchten Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian die Produktion der Berlinale-Bären. Unterdessen sorgt der Jury-Präsident Jeremy Irons für Schlagzeilen.

Topmeldungen

Arbeitgeber in Panik : Keiner kennt die Kosten der Grundrente

1,5 Milliarden Euro könnten für die Grundrente womöglich nicht ausreichen, fürchten die Arbeitgeber. In der Union rumoren die Parlamentarier. Doch die Unions-Minister unternehmen keine hörbaren Anstrengungen mehr.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.