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FBI-Spitzel Donnie Brasco : Der Mann, der ein Trojaner war

Joseph D. Pistone als er selbst Bild: Pein, Andreas

Unter dem Namen Donnie Brasco drang er einst in die Mafia ein - als leibhaftiger Staatstrojaner. Warum Joseph D. Pistone jetzt vor allem vor Experten für Computersicherheit spricht.

          Ist das also die Wahrheit? Kann es tatsächlich sein, dass es sich bei dem Mann, der mir gerade Kaffee über die Hose geschüttet hat, um Joseph D. Pistone handelt? Ist dieser Mann, der mir nun gegenübersitzt, in grauem Hemd und grauem Sakko und graugestreifter Hose, der FBI-Agent, der sich sechs Jahre lang als „Don, der Juwelendieb“ verkleidet hat? Ist das der Mann, der vor dreißig Jahren die Mafiafamilie Bonanno unterwanderte und mehr als hundert ihrer Mitglieder ins Gefängnis brachte?

          Harald Staun

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und wenn das wirklich der Mann ist, der einmal Donnie Brasco spielte (womit in diesem Fall nicht Johnny Depp gemeint ist, der die Geschichte später beim Kinopublikum bekanntmachte): Warum war er jetzt hier, in Berlin, im Konferenzraum „Wiesbaden“, in den Büros der Computerfirma CSC? Und als was?

          Es ist noch nicht sehr lange möglich, dass sich Joseph D. Pistone wieder unter seinem echten Namen in die Öffentlichkeit wagen kann, „as himself“, wie es die Internet Movie Database ausdrücken würde. Denn als er 1981 endlich seine Tarnung aufgeben konnte, die er während seiner Mission kaum einmal fallen lassen durfte, da wartete schon das Zeugenschutzprogramm mit einer neuen Identität auf ihn, ein neues Leben voller Lügen über seine Vergangenheit.

          Weil aber heute, da Pistone 72 Jahre alt ist, die meisten von Donnie Brascos Mafiabrüdern tot oder hinter Gittern sind, kann sich Joseph D. Pistone seit ein paar Jahren wieder als Joseph D. Pistone auf die Straße wagen. Oder als das, was von ihm übrig ist: Meistens läuft es dann doch darauf hinaus, dass er als der Mann auftritt, der einmal Donnie Brasco war.

          Johnny Depp als Donnie Brasco

          Pistone gibt auf Vorträgen den Veteran

          Dass Pistone seine Geschichte zurzeit vor allem Computerexperten erzählt, zum Beispiel vergangene Woche den Besuchern einer Sicherheitstagung in Berlin, das liegt an einem Mann namens Carlos Solari. Solari kennt Pistone aus seiner Zeit beim FBI, auch er ist ein ehemaliger Mitarbeiter der amerikanischen Bundespolizei, danach war er drei Jahre lang Chief Information Officer von George W. Bush, verantwortlich für die Computersysteme des Weißen Hauses.

          Heute ist Solari Vizepräsident der Computer Science Corp., eines amerikanischen Unternehmens, das versucht, Computernetze sicherer zu machen, mit weltweit 94 000 Mitarbeitern. Und weil auch die Kämpfer gegen virtuelle Verbrechen nichts gegen handfeste Krimis haben, hat Solari seinen alten Freund überredet, gelegentlich als keynote speaker für eine etwas breitere Aufmerksamkeit zu sorgen.

          Früher war weniger Google

          Nun ist natürlich die Idee, die kriminelle Energie gefährlicher Software mit jener der harten Jungs der Mafia zu vergleichen, erkennbar nicht viel mehr als eine lächerliche PR-Aktion und ein solcher Unsinn, dass man sich fragt, ob mittlerweile auch die Lobby der IT-Sicherheitsbranche schon auf ihre eigenen Panikmetaphern reinfällt. Wobei ja in der Regel längst furchterregendere Genres herhalten müssen als das der Mafiafilme: Wer heute seinen Rechner anschaltet, der kann sich eigentlich nur noch aussuchen, ob er durch eine Ionenkanone oder durch ein Zombienetzwerk vernichtet wird. Die konkreten Erkenntnisse, die solche Referenzen ergeben, sind eher schwach. Weshalb man sich nicht wundern muss, dass in Pistones Fall Pressemitteilungen herauskommen, die seine sachdienlichen Hinweise so zusammenfassen: „Gleich geblieben sind die Motive der Verbrecher: Geld, Diebstahl, Zerstörung. Doch Methoden und Geschwindigkeit haben sich geändert.“

          Ja, möchte man da aber einwenden: Was soll das also? Wie wenig die Mechanismen der Omertà mit der digital strukturierten Welt von heute zu tun haben, das merkt man ja schon, wenn man heute noch mal den „Donnie Brasco“-Film anguckt und dabei die Praktiken zeitgenössischer Kommunikation zugrunde legt. Wie dumm doch diese sogenannten wise guys sind, würde man denken, wieso sie nicht einfach mal googeln, was so von diesem Donnie Brasco zu erfahren ist, und warum sie nicht ein paar Nachrichten an ihre Facebook-Freunde aus Miami schicken, um mal zu fragen, ob die schon mal etwas von diesem Typen gehört haben.

          Der schwächste Glied in der Kette ist der Mensch

          Und andererseits gibt es, jenseits der plakativen Klischees, tatsächlich ein paar systematische Ähnlichkeiten, die die unterschiedlichen kriminellen Techniken verbinden. Und wer sollte es besser wissen als Pistone, wie man in feindliche Systeme eindringt? Wie man dort Informationen sammelt, ohne entdeckt zu werden? Wie man sich fühlt als leibhaftiger Staatstrojaner: ob man von falschen Freunden träumt oder von einem echten Leben?

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